Die Befreiung Frankfurts durch die Amerikaner

Druck

„Wir kommen als Sieger, aber nicht als Unterdrücker.“
Proklamation Nr. 1 der US-Streitkräfte, September 1944
„Allerdings scheint die Bevölkerung in Frankfurt sich außerordentlich feige und unterwürfig gezeigt zu haben. … Die Parole der Frankfurter lautete: ‚Laßt uns küssen und gute Freunde sein!‘ … Aber wie kann einen das wundern, wenn Sprenger, bevor der Feind überhaupt in Sicht war, aus Frankfurt abgehauen ist und die Stadt ihrem Schicksal überließ.“
(Tagebucheintrag Joseph Goebbels)

„Frontstadt Frankfurt“
Nachdem die US-Truppen am 22. März 1945 den Rhein bei Oppenheim überquert hatten näherten sie sich unaufhaltsam Frankfurt. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden durch alliierte Sender aufgefordert, Frankfurt, das zur „Frontstadt“ erklärt worden war, Richtung Oberhessen zu verlassen. Ab 23. März durfte gemäß einer Anordnung von Gauleiter Jakob Sprenger „kein arbeitsfähiger Mann oder Frau“ aus der Stadt fliehen. Am nächsten Tag gestattete er zunächst Frauen die Flucht aus dem angriffsgefährdeten Frankfurt, um am Abend um 22 Uhr über Radio zu verkünden: „Kein deutscher Mann und keine deutsche Frau darf in die Hände des Feindes fallen“. Trotzdem waren bei der weitgehend kampflosen Einnahme Frankfurts noch rund 100.000 Menschen in der Stadt; darunter 150 bis 200 Menschen jüdischer Herkunft.
Am 26. März 1945 überschritten die US-Soldaten die Stadtgrenze und rollten mit ihren Panzern über Sachsenhausen Richtung Innenstadt. Ihnen stellten sich die deutschen Truppen unter Kampfkommandant General Friedrich Stemmermann – überwiegend Volkssturm und „Genesungseinheiten“ mit rund 1.000 Mann – entgegen. Sie hatten vom Oberkommando des Heeres den Auftrag, Frankfurt „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen. Die am 24. März befohlene Sprengung der Mainbrücke bei Hanau misslang; Generalfeldmarschall Kesselring unterstellte Stemmermann Absicht. Der am selben Tag zur Unterstützung der Verteidiger nach Frankfurt gekommene General der Infanterie Kniess sprengte befehlsgemäß am 25. März den Eisernen Steg, die Obermain- und Eisenbahnbrücke. Der Volkssturm stellte Barrikaden auf. Am 25. März zerstörten seine Truppen außerdem die noch intakten Brücken; allerdings gelang dies bei der Wilhelmsbrücke (heute: Friedensbrücke) nur teilweise. Am 26. März nachmittags rückten die Amerikaner über die Wilhelmsbrücke Richtung Hauptbahnhof vor. Die Truppen unter Stemmermann zogen sich allmählich zurück und setzen den Amerikanern keinen bemerkenswerten Widerstand entgegen, obwohl ein Angriff auf deren Stützpunkt in der Gutleut-/Ecke Scharnhorststraße angeordnet worden war. Stemmermann wurde vermutlich wegen seiner zögerlichen Verteidigung am 27. März abgelöst. Am Nachmittag desselben Tages wurde er bei einem Granatangriff auf die Kommandantur in der Taunusstraße 12 schwer verletzt und sein Nachfolger getötet. Da General Kniess bereits in Richtung Taunus abgezogen war, blieb die deutsche Verteidigung kopflos.
So endete nach drei Tagen am 29. März 1945 nicht nur der Einmarsch amerikanischer „GIs“, sondern auch für Frankfurt der Zweite Weltkrieg – mehr als einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945. Oberbürgermeister Friedrich Krebs und Gauleiter Jakob Sprenger waren angesichts der bevorstehenden Niederlage des Deutschen Reiches nach Bad Homburg beziehungsweise nach Bad Nauheim geflüchtet. Sprenger entzog sich jeglicher Verantwortung für die NS-Verbrechen und verübte im Mai 1945 zusammen mit seiner Ehefrau in Kössen (Tirol) Selbstmord.

Eine neue Führung
„Frankfurt ist zu 80 bis 90 Prozent zerstört, eine Toten-Stadt. Nach der Ausgangssperre um 19 Uhr schallen die Stiefel der GIs wie Schritte in einer Gruft. … Die Leute, die im Stadtgebiet bleiben, verkriechen sich in die Keller, haben vielleicht nur das Wasser, was sie in Kübeln von einer zentralen Zisterne holen, und haben kein Licht, ganz zu schweigen von anderen Einrichtungen, die ihre Lage erleichtern könnten. … Die in den Städten zurückgebliebenen Armen stehen fast den ganzen Tag an, um das bißchen zu erhalten, was sie überhaupt bekommen konnten.“
(Robert Thomson Pell, o. D.)

Keiner durfte sich mehr als sechs Kilometer von seinem Wohnsitz entfernen. Fahrverkehr war zunächst völlig verboten; die Telefone wurden abgestellt. Für die Frankfurter galt zunächst, wie überall im Land, Ausgangssperre; nachts war „Curfew“. Alle Erwachsenen erhielten eine Registrierungskarte. Die Amerikaner wollten keinesfalls Chaos entstehen lassen. So folgten den Kampfeinheiten Besatzungstruppen der US-Army und übernahmen die Verwaltung in zuvor definierten Gebieten. Für Frankfurt war das Detachment F2D2 unter Oberstleutnant Howard D. Criswell zuständig. Die Besatzungsoffiziere waren für die Aufgabe durch eine umfassende universitäre Ausbildung vorbereitet worden; so mancher kannte die deutschen Verhältnisse aus eigener Erfahrung, denn es handelte sich oft auch um Emigranten. Die Militärregierung war daran interessiert, möglichst umgehend eine deutsche Verwaltung zu installieren, um die Versorgung rasch wieder gewährleisten zu können. Für die Mitarbeit kamen zu Anfang ausschließlich politisch Unbelastete in Frage.
Unbürokratisch ernannte US-Stadtkommandant Criswell den langjährigen Chefredakteur der „Neuen Zeitung“ sowie der „Frankfurter Illustrierten Blätter“ Wilhelm Hollbach zum amtierenden Bürgermeister. Bereits im Juli musste Hollbach wegen kompromittierender Personalpolitik seinen Posten räumen. Er hatte ehemalige Nationalsozialisten begünstigt. Seine Funktion übernahm der parteilose Kurt Blaum, bis dahin Hollbachs Stellvertreter. Wegen seines autoritären Führungsstils versagte die SPD Blaum bei der Oberbürgermeisterwahl im Juli 1946 die Unterstützung. Nachfolger im Amt wurde als erster demokratisch gewählter Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg der charismatische Walter Kolb.

US-Hauptquartier in Europa
Die amerikanischen Streitkräfte wählten Frankfurt zum europäischen Hauptquartier, untergebracht im IG Farben-Haus. Der bisherige Konzernsitz bot jedoch Ende März ein chaotisches Bild: Nahezu 2.000 befreite Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Konzentrationslagerhäftlinge hatten hier notdürftig Unterschlupf gefunden. Als Displaced Persons bezeichnet wurden sie in Lager umquartiert und größtenteils nach und nach repatriiert.
Rund um das „Farben-Building“ entstand ein mit Stacheldraht umzäuntes Sperrgebiet, das Palmengarten und Grüneburgpark einschloss. Dieses als „Roundup“ bezeichnete Areal war für die deutsche Zivilbevölkerung „Off limits“. Etwa neun Prozent der unzerstörten Wohnungen und auch die Siedlung Römerstadt wurden von den Amerikanern konfisziert. Das unpopuläre Sperrgebiet bestand bis Mai 1948. Das IG Farben-Gebäude diente ab 1949 Militärgouverneur Lucius D. Clay und später dem US-Hochkommissar für Deutschland John McCloy als Verwaltungssitz. Erst 1994 erfolgte die Rückgabe des Komplexes an deutsche Stellen.
Außerdem war Frankfurt Verwaltungssitz der Bi- später Trizone. Die Länder Württemberg-Baden (nördliche Teile), Hessen, Bayern und der US-Sektor Berlins sowie die Stadt Bremen wurden von hier aus verwaltet.

Zerstörung wohin man schaut
Aus den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft ging die Stadt gesellschaftlich und baulich radikal verändert hervor. Die Einwohnerzahl war von rund 550.000 Menschen vor dem Krieg auf etwa 230.000 im Jahr 1945 geschrumpft. Die ehemals rund 33.000 Personen umfassende Jüdische Gemeinde war fast restlos ausgelöscht. Etwa 13.000 Frankfurter Juden waren in Konzentrations- und Vernichtungslagern zu Tode gekommen; den übrigen war die Flucht in das Exil zwar gelungen. Vielfach lebten die ausgeplünderten Emigranten jedoch unter erbärmlichen sozialen Bedingungen.
Weite Teile der Stadt, darunter auch das einstige Herzstück, die Altstadt, lagen nach den Bombenangriffen vor allem 1943/44 in Trümmern. Von insgesamt 176.253 amtlich notierten Wohnungen waren bei Kriegsende gerade einmal 93.372 bewohnbar. Davon beschlagnahmten die amerikanischen Besatzungstruppen etwa 8.000.
Siebzehn Millionen Tonnen Schutt bedeckten die Ruinenfelder der Stadt. Der von den Amerikanern eingesetzte Oberbürgermeister Kurt Blaum bemerkte dazu 1946: „Als Maß der gesamten Trümmermenge mag dienen, daß sie gleich ist einem um den Domturm bis zu seiner Spitze (100 Meter) geschütteten Kegel, der mit seinem Fuße bis zum Paulsplatz, fast zum Liebfrauenberg, dem Börneplatz und noch über die Maininsel hinüber auf das andere Ufer reicht.“


Literatur
  • Heike Drummer / Jutta Zwilling, Ein europäisches Zentrum, in: Lothar Gall (Hg.), FFM 1200. Traditionen und Perspektiven einer Stadt, Sigmaringen 1994, besonders S. 341-349.
  • Dies. Von der Grüneburg zum Campus Westend. Die Geschichte des IG Farben-Hauses. Johann Wolfgang Goethe-Universität (Hg.), Frankfurt am Main 2007, besonders S. 96f.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  I.G. Farbenindustrie AG Hauptverwaltung;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2011, aktualisiert am: 03.11.2015