Die Frankfurter „Volksstimme“ und die Anschläge der Organisation Consul auf Philipp Scheidemann und Walther Rathenau 1922

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Steckbrief des Hermann Ehrhardt, Anführer des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten demokratiefeindlichen Freikorps „Brigade Ehrhardt“

Im Frühjahr 1922 wurden die beiden Redakteure der Frankfurter SPD-Zeitung „Volksstimme“, Hans Marckwald und Oskar Quint, von einem Mann aufgesucht, dessen Angebot sie zunächst mit Vorsicht betrachteten. Theodor Brüdigam, 1890 geborenes ehemaliges Mitglied der USPD und der Hanauer Volkswehr, bot sich ihnen als Informant der Frankfurter rechtsextremen Szene an. Was die beiden Redakteure misstrauisch machte, war nicht, dass der stellungslose Gärtner und ehemalige Fürsorgezögling eine neue Einkommensquelle suchte, das taten in dieser wirtschaftlichen Krisenzeit viele, sondern die Tatsache, dass er wegen einer erklecklichen Zahl von Betrugs- und Diebstahlsdelikten vorbestraft war und auch einen mehrjährigen Aufenthalt in der Landesheilanstalt Marburg wegen Verdacht auf Geistesstörung hinter sich hatte.
Doch Brüdigams Informationen versprachen interessant zu werden: Über die Frankfurter völkische Buchhandlung Böhle und seinem besonderen Interesse an der „Judenfrage“ hatte Brüdigam Kontakte in die einschlägige Szene bekommen. Ein gewisser Meyenberg, der laut Brüdigam vor allem in den Arbeiterkreisen um Gefolgschaft für die Völkischen warb, machte dem USPD-Mann das Angebot, für ihn tätig zu sein. Brüdigam ging damit zur Redaktion der „Volksstimme“. Einen Spitzel in die Frankfurter rechtsextreme Szene einzuschleusen, möglicherweise auch in den innersten Kreis der „Organisation Consul“ (OC) vor Ort, das erschien den beiden Redakteuren in Anbetracht der extrem rührigen Gruppe ein höchst lohnenswertes Unterfangen. Beide berieten sich mit dem Frankfurter Polizeipräsidenten Fritz Ehrler und Brüdigam bekam für seine Informantentätigkeit grünes Licht – und wohl auch Geld.

Ein Spitzel in der „Organisation Consul“
Meyenberg, ein bislang unbekannter völkischer Agitator und Kaufmann in Frankfurt, 1922 zwischen 60 und 65 Jahre alt, auch unter „Weinberg“ auftretend, vermittelte Brüdigam Anfang Mai 1922 dann weiter an die Führer der OC in Frankfurt: an den Bruder des Erzberger-Attentäters Heinrich Tillessen, Karl Tillessen, und an den Vertrauensmann des semilegalen Reichswehr-Nachrichtendienstes vor Ort, Friedrich Wilhelm Heinz. Informanten mit einem Vorleben in der Arbeiterbewegung und dorthin andauernde Kontakte waren genau das, was man suchte. Als erstes schickte Meyenberg Brüdigam zu Karl Tillessen. Tillessen, ehemaliger Kapitänleutnant der kaiserlichen Marine und Offizier der „Brigade Ehrhardt“, war der Kopf der OC in ganz Westdeutschland. Er war um Jahreswende mit dem jungen Marineoffizier Hartmut Plaas an den Main gekommen, um in seinem Bezirk paramilitärische Gruppierungen ins Leben zu rufen und auf einen Putsch hin zu arbeiten.
Tillessen empfing Brüdigam nach Übergabe eines Empfehlungsschreibens höchst vertrauensvoll und machte den jungen Mann mit den Zielen der OC vertraut: Wiedererrichtung einer Monarchie, allerdings ohne den davongelaufenen Kaiser. Um dieses Ziel zu erreichen, so Tillessen, müsse mit allen Mitteln rücksichtslos vorgegangen werden. Die Arbeiterschaft solle durch gezielte Provokationen zum Aufstand aufgestachelt werden, damit die Reichswehr zum Gegenangriff antreten könne. Auf seinen Einwand, um welche gezielte Provokationen es sich denn handele, nahm Tillessen ein Bild seines Bruder Heinrich in die Hand und sagte zu Brüdigam: „Das ist mein Brüderchen, der hat das erste Schwein gekillt.“

Der missglückte Anschlag auf Scheidemann
Brüdigam machte offenbar einen vertrauenerweckenden Eindruck und wurde die nächsten Wochen mehrfach zu Kurierfahrten nach München zum Hauptquartier der Organisation Consul geschickt. Im Mai 1922 wurde es Brüdigam klar, dass der frühere SPD-Reichskanzler Philipp Scheidemann, nun Oberbürgermeister in Kassel, auf der Anschlagliste der OC stand. Scheidemann galt der OC als der maßgeblich Verantwortliche für die Kriegsniederlage und die Revolution von 1918. In einer populären Schmähschrift der OC heißt es: „Wer trägt die Schuld an Deutschlands Unglück? 15 Fragen an Herrn Philipp Scheidemann und Genossen“ Verfasser war Oberst a.D. Max Bauer, einem Vertrauten von Erich Ludendorff.
Bauers Pamphlet ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen. Er bezeichnete Scheidemann als den „wahren Mörder Deutschlands“, der Deutschland dem Feinde ausgeliefert, es „wehr- und ehrlos gemacht“ habe. Und mit einem Seitenhieb auf Reichsaußenminister Walther Rathenau: Scheidemann habe „die Herrschaft des Kapitalismus erst eingesetzt“, und folgerichtig sei „ein dem internationalen Kapital angehöriger Jude deutscher Außenminister“, der nun Scheidemanns Werk vollende. Bauer beendete seine Hetzschrift mit dem Verweis auf Erzberger, der Scheidemann an Schuld gleich sei, aber im Gegensatz zu diesem dem irdischen Richter leider bereits entrückt sei. Scheidemanns Frevel am deutschen Volk dagegen schreie noch nach Sühne.
Die genauen Hintergründe des Anschlagsversuches auf Philipp Scheidemann mit Blausäure an Pfingsten 1922 sind bis heute nicht genau geklärt, obwohl die Täter gefasst werden konnten. Die eigentliche Ausführung war dilettantisch, dass Scheidemann unverletzt überlebte und auf die Attentäter noch zwei Schüsse abgeben konnte. Die Spuren zu den Hintermännern der Tat führten eindeutig nach München und Frankfurt.

Seite 1 der Aussage von Theodor Brüdigam bei der Kasseler Polizei vom 12.6.1922


Der Anschlag hätte verhindert werden können. Brüdigam, der am 27. Mai mit Heinz und Tillessen in Kassel von Berlin kommend eintraf, hatte versucht über ein Kasseler SPD-Mitglied Scheidemann zu warnen. Doch man vertraute Brüdigam zunächts nicht, erst sechs Tage nach dem versuchten Attentat fand Brüdigam im Kasseler Polizeipräsidium Gehör.
Gleichzeitig versuchte er über den „Centralverein Deutscher Bürger jüdischen Glaubens“ in Hessen vor dem bevorstehenden Anschlag auf Rathenau in Berlin zu warnen. Auch diese Hinweise auf das geplante Attentat und den Kreis der Täter versandeten zwischen Kassel und Frankfurt. Die Attentäterer in Frankfurt und Berlin konnten ihre die letzten Vorbereitungen unbehelligt treffen. Brüdigam tauchte aus Angst vor der Rache der Organisation Consul – „Verräter verfallen der Feme“ – im Saarland unter und versuchte sich – in Polizeihaft genommen – das Leben zu nehmen.
Auch das Attentat auf Rathenau hätte verhindert werden können. Karl Tillessen hatte am 15. „Ostermond“ (April) in der Frankfurter „Völkischen Rundschau“ die Absicht seiner Organisation unverhüllt auf Zeitungspapier drucken lassen: „Der jüdische Kutscher Rathenau, der den „Reichswagen in langjähriger Dunkelarbeit in den Sumpf gefahren“ habe (...) müsse beseitigt werden.

Hermann Fischer, einer der beiden Rathenau-Attentäter

Erwin Kern, einer der beiden Rathenau-Attentäter


Der Misserfolg in Kassel vereitelte den Plan, die Anschläge auf Rathenau und Scheidemann in kurzem Abstand folgen zu lassen. Die Berliner Attentäter, Erwin Kern und Hermann Fischer, beabsichtigten, den Reichsaußenminister bei der morgendlichen Fahrt von seiner Villa im Grunewald ins Auswärtige Amt aus einem fahrenden Wagen heraus mit einer Maschinenpistole zu erschießen. Zur Vorbereitung der Flucht kommandierte man Ernst von Salomon zur Rekrutierung eines geeigneten Chauffeurs ab. Ein schneller Wagen war von einem sächsischen Fabrikanten bereits zur Verfügung gestellt worden, die Maschinenpistole kam aus den Beständen der Schweriner OC. Anstelle des von Salomon empfohlenen Fahrers trat dann aber dann aber der ortskundiger Berliner Student Ernst Werner Techow.

Der Mord an Rathenau
Am späteren Vormittag des 24. Juni warteten Kern und Fischer in der Königsallee im Grunewald auf Rathenau. Sie überholten seinen Wagen und Kern gab mit der Maschinenpistole mehrere Schüsse auf den Minister ab. Fischer warf noch zusätzlich eine Handgranate in den Wagen – dann fuhr Techow mit Vollgas davon. Die bald darauf eintreffende Polizei fand nur noch Patronenhülsen und die Tatwaffe. Obwohl der Chauffeur Rathenaus gleich zur Villa zurückkehrte, konnte ein eilends herbeigerufener Arzt dem Minister nicht mehr helfen. Rathenau war schon am Tatort seinen schweren Schussverletzungen erlegen.
Für die Ergreifung der Täter wurde eine Million Mark Belohnung ausgesetzt. Die Reichsregierung erkannte zu spät den rechtsterroristischen Hintergrund des Anschlags. Aus Angst vor unkontrollierten Aktionen der Arbeiterschaft griff sie zu einschneidenden Maßnahmen: Mit der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze der Republik vom 26. Juni 1922 und dem Gesetz zum Schutze der Republik vom 21. Juli 1922 wurden die notwendigen juristischen Instrumente zur Verfolgung der Geheimbünde und Terrororganisationen geschaffen. Auch hatte man nun die Handhabe, gegen die antirepublikanischen Gruppierungen insgesamt vorzugehen. Verboten wurden nun unter anderem – mit regionalen Abweichungen – der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, der Jungdeutsche Orden, die NSDAP, der studentische „Hochschulring Deutscher Art“ und der „Verband nationalgesinnter Soldaten“ als Tarnorganisation der OC.
Die Attentäter blieben zunächst in Berlin – nicht nur weil ihnen Pässe oder Geld fehlten, sondern weil sie hier – vergeblich – auf den erwarteten Linksputsch warteten. Es brachen lediglich einige regional begrenzte Unruhen aus. Stellenweise kam es zu Übergriffen auf Politiker der extremen Rechten. In Hessen beispielsweise wurden Abgeordnete der „Deutschen Volkspartei“ angegriffen und die Redaktionen der beiden rechtsstehenden Darmstädter Tageszeitungen verwüstet. In Frankfurt kam es nach einer Massendemonstration zur Stürmung der „Deutschen Buchhandlung“ Böhle.

Fahndungserfolg
Einstweilen bleiben die Attentäter unerkannt. Sie besaßen sogar noch die Kaltblütigkeit, sich unter die große Protestdemonstration auf dem Alexanderplatz zu mischen, bevor sie Berlin verließen. Nach mehrwöchiger, an Dramatik kaum zu überbietender Verfolgungsjagd wurden beide in der Burg Saaleck bei Bad Kösen von der Polizei gestellt. Kern wurde bei einem Schusswechsel mit der Polizei tödlich getroffen,. Fischer verübte daraufhin Selbstmord. Die Burg Saaleck war fortan bis weit ins Dritte Reich hinein mythisch verklärtes Ziel nationalistischer Pilger, ähnlich wie der Annaberg in Schlesien oder die Golzheimer Heide bei Düsseldorf, Hinrichtungsstätte des 1923 von den Franzosen exekutierten Albert Leo Schlageter. 1933 gab Saaleck die symbolträchtige Kulisse für die Integration der Brigade Ehrhardt in die SS ab.
Auch der anderen Beteiligten wurde man bald habhaft. Die Verhaftungswelle erfasste die Frankfurter Gruppe zuerst. Brüdigam, von dem der entscheidende Hinweis auf den in Frage kommenden Täterkreis ausgegangen war, wurde verhaftet. Vergebens hatte die Tübinger OC versucht, Brüdigam mit Geld zum Schweigen zu bringen. Vor dem Zugriff der Polizei gelang es Plaas noch, in der Wohnung von Tillessen einige verräterische Unterlagen zu vernichten.
Plaas und Heinz waren freilich durch einen Offizier des Reichswehrnachrichtendienstes vorgewarnt und konnten so ihrer Verhaftung gefasst entgegensehen; wussten doch beide, wie sie auf die Brüdigam’schen Einlassungen zu reagieren hatten.
Die Umstände der Verhaftung und die Untersuchungshaft der Frankfurter Aktivisten beschrieb Plaas ausführlich in seinem heute noch in Familienbesitz befindlichen Tagebuch.
(Eintrag am 24. Juni vormittags, nach seinem Eintreffen in Frankfurt.
„Dann kamen Heinz und Schröder, die sich verkracht hatten, und hierauf die Kriminalpol., die alles durchstöberte und mich mitnahm. Die Haussuchung erforderte Nerven; das Schlimmste war aber, daß mir die Kriminalisten, als sie mich ins Polizeigefängnis einlieferten, erklärten, nun komme noch die politische Polizei und würde gründlich suchen. Fluch über den Leichtsinn! Am 25. Vorm. ließ man mich plötzlich wieder laufen mit d. Weisung am 26. 3 h nachm. auf das Präsidium zu kommen. Fast im Trab nach Hause. Gearbeitet bis spät in der Nacht u.a. ^^ und Schröder versöhnt. Am 26. Vorm. ins besetzte Gebiet und wieder zurück. In der Wohnung sitzt schon ein Kommissar und nimmt mich mit. Es war nicht nötig, ich hätte mich nicht gedrückt, denn ich wußte, daß alles nur die Folge der Brüdigamschen Anpetzerei war.“
Bei Schroeder handelte es sich um den Frankfurter Polizisten Otto Schroeder, langjähriger Mitkämpfer und Mitbegründer der Frankfurter NSDAP.
Plaas später über die Vernehmungen in Kassel und Berlin:
„Heinz war auch verhaftet. Ein Kasseler Kommissar vernahm mich und war recht unhöflich bis ich einschnappte. Man steckte uns dann beide wieder ein. Am 27. Transport nach Kassel... in das Untersuchungsgefängnis. Die ersten vier Tage waren die schwersten. - ... Ich wurde verschiedentlich vernommen wegen des Scheidemann-Attentates. Eines Tages führte man mich runter, da kommt eben Heinz aus dem Vernehmungszimmer und lacht über das ganze Gesicht. Mich wunderte das einigermaßen. Dann führte man mich vor. Da sitzt Scheidemanns Tochter mit einem kleinen Kind und mustern mich. Plötzlich schießt sie mit blitzenden Augen auf mich los, stellt sich neben mich und sagt dann: nein, er war noch größer. Dabei hatte sie bei Heinz behauptet, er wäre es, und der ist bald einen Kopf kleiner als ich. Er zeigte dann seine zerschossene Hand vor und da nahm sie die Behauptung zurück. Dann stand ich plötzlich im Hof Brüdigam gegenüber. Natürlich springt die hellste Wut in mir hoch, am liebsten wäre ich ihm gleich an die Kehle gefahren.“

„Ich wurde ihm dann gegenübergestellt und widerlegte in einer lebhaften, interessanten Debatte seine frechen Lügereien. Hoffmann und Heinz kamen auch, letzterer gab einmal eine unangenehme Blöße, aber Brüdigam kam doch so in die Enge, daß der Untersuchungsrichter schließlich sagte: Wer anderen eine Grube gräbt fällt selbst hinein. Am 7. Juli wurden wir nach Berlin gebracht. Ich war eigentlich sehr guter Dinge, denn das Kasseler Ergebnis war ganz wie es sein sollte; nur daß Techow verhaftet war, wie ich aus der Zeitung ersah, gab mir zu denken. Bei Dunkelheit wurden wir drei ins Berliner Polizeipräsidium eingeliefert... Vernehmung; sie kostete meine ganze Nervenkraft. Ich wurde Techow gegenübergestellt ohne daß wir uns einigten. - Immer die zehrende Angst um Kern und Fischer. Die einzige Erleichterung war eine gewisse Kameradschaft, denn die halbe Sturmkompanie saß da oben...“
Während Plaas und Tillessen wegen „Nichtanzeigen eines Verbrechens“ angeklagt wurden, ließ man Heinz Anfang September 1922 überraschend frei. Offenbar konnte oder wollte man ihm eine Mittäter- oder Mitwisserschaft nicht nachweisen. Schon zeitgenössische Beobachter vermuteten eine schützende Hand der Reichswehr im Hintergrund. Auch Tillessen jonglierte im Verlauf des im Oktober stattfindenden Prozesses geschickt mit der Verbindung der Reichswehr zur „Nachrichtenstelle des Leutnants Heinz“, jenem „Deutschen Übersee-Dienst“, der französische Spionage abwehrte, und ihm deshalb verbiete, in der Öffentlichkeit Aussagen zu machen. Mit dieser Aussagestrategie versicherte sich Tillessen nicht nur der fortwährenden Unterstützung seiner Hintermänner in der Reichswehr für die OC, sondern spekulierte auch geschickt auf die vaterländische Gesinnung der Richter und Geschworenen, die ihm ohnehin wohlwollend gegenüber standen. Vermutlich hatten die drei renommierten, auf die Vertretung „nationaler“ Angeklagter spezialisierten Verteidiger Alfons Sack, Paul Bloch und Walter Luetgebrune ihren Schützlingen eine entsprechende Order erteilt. Mit ihrem kundigen juristischen Rat versehen, konnten die Angeklagten den wichtigsten Belastungszeugen, Theodor Brüdigam, mit Erfolg als Psychopathen diskreditieren, die Tat auf die Einzelaktion einer charismatischen Führernatur reduzieren und eine Anstiftung durch die angeblich überhaupt nicht existente OC scheinbar widerlegen.

Der Prozess
Am 3. Oktober 1922 begann der Prozess vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig. Vor Gericht standen von der ursprünglich wesentlich größeren Anzahl mutmaßlich Beteiligter nur noch 13 Angeklagte. Außer Willi Günther, Karl Tillessen, Plaas, Ernst von Salomon und den Brüdern Techow waren dies vorwiegend die Helfershelfer aus der zweiten und dritten Reihe, die sich wegen Beihilfe, Begünstigung oder Mitwisserschaft zu verantworten hatten. Der Andrang des Publikums war rege. Allerdings waren es nicht nur neugierige Zuschauer oder politisch Interessierte, die dem ersten großen Prozess vor dem neugeschaffenen Staatsgerichtshof beiwohnen wollten. Einem gut informierten Journalisten der „Weltbühne“ fiel gleich auf, wer in den ersten Reihen Platz genommen hatte: „Vornan im Zuschauerraum saßen sämtliche O.C.-Führer und hielten die zum Teil recht labilen Angeklagten unter dem Bann ihrer Blicke.“
Zu den anwesenden OC-Führern gehörte auch Heinz, der in seinem Gepäck eine besondere „Liebesgabe“ – mit Arsen vergiftete Pralinen – für seine Kameraden von Frankfurt mitgebracht hatte: Sie landeten mit falschem Absender versehen bei dem allzu redseligen Günther. Angeblich habe man Günther nur einen Denkzettel verpassen wollen, um dem §11 der OC, „Verräter verfallen der Feme“, Nachdruck zu verleihen, und Günther oder andere unsichere Kantonisten zum Schweigen zu veranlassen – so Heinz Jahre danach. Die Dosis war jedoch so hoch, dass einige der Angeklagten – Günther hatte die Pralinen mit seinen Kameraden geteilt –leicht für immer zum Schweigen hätten gebracht werden können. Doch nach einigen Tagen ärztlicher Behandlung waren alle Vergifteten – deutlich gewarnt – wieder in der Lage, an der Verhandlung teilzunehmen.
Die Urteilsverkündigung am 14. Oktober ließ das stille Einverständnis zwischen den Verteidigern, Oberreichsanwalt Ebermayer und den Richtern erkennen, die Hintergründe der Tat und auch die Hintermänner im Dunkeln zu lassen. Nicht die Mitglieder einer staatsgefährdenden Terrororganisation mit einflussreichen Hintermännern in Regierungsstellen, Reichswehr sowie rechten Parteien und Verbänden wurde verurteilt, sondern einige auf Abwege geratener Söhne aus gutem Hause, durch Krieg und Revolution aus der Bahn geworfen, lediglich durch verantwortungslose Anführer wie etwa den bereits toten Kern fehlgeleitet. Selbst das vom Oberreichsanwalt ursprünglich geforderte Todesurteil für Ernst Werner Techow wurde nicht gefällt. Alle Angeklagten kamen mit mehr oder minder langen Haftstrafen davon. Bei einigen wie Tillessen oder Plaas, die nur wegen Mitwisserschaft belangt wurden, standen sie nicht im Verhältnis zur tatsächlichen Schuld, die aufzudecken greifbar nahe gewesen war.
Was mit dem Informanten, dem Gärtner Theodor Brüdigam, geschah, ist unbekannt. Marckwald und Quindt, auch die Frankfurter Polizei, behielten die Anhänger der „Organisation Consul“ in Frankfurt weiter unter Beobachtung, konnten jedoch nicht verhindern, dass sich das Spinnennetz der Verschwörer weiter ausdehnte. Und als im Herbst 1923 es in allen Regionen des Reiches zu Putschversuchen und politischen Unruhen kam, waren auch die altbekannten Aktivisten Frankfurts wieder involviert.


Literatur
  • Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler, Berlin 2000
  • Martin Sabrow, Der Rathenaumord. Rekonstruktion einer Verschwörung gegen die Republik von Weimar, München 1994
  • Martin Sabrow, Die verdrängte Verschwörung. Der Rathenau-Mord und die deutsche Gegenrevolution, Frankfurt 1999

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Attentat auf Walther Rathenau;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2007, aktualisiert am: 10.09.2008