Gerechtigkeit für Nazi-Opfer: Karl Brozik (1926-2004)

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„Moral und Interessen gehören zusammen. Sie sind in der Praxis aufeinander angewiesen. Jeder ist verantwortlich für das, was er tut, und mitverantwortlich für das, was er geschehen läßt. Das eigentlich Moralische ist die Selbstverpflichtung, nicht all das zu tun, was nicht ausdrücklich verboten ist.“ (Karl Brozik, 1995)
Karl Brozik wird 1926 im böhmischen Teplitz-Schönau (heute: Teplice/Tschechische Republik) als Sohn deutsch-jüdischer Eltern geboren; er hat einen Bruder. Sein Nachname lautet ursprünglich Abeles.
Im Jahr 1938 nach der Okkupation des Sudetenlandes durch die deutsche Wehrmacht flieht die Familie nach Prag. Ab 1939 gehört Karl Brozik einer zionistischen Jugendgruppe an. Im Oktober 1941 wird der damals 15-Jährige mit seinen Angehörigen in das Ghetto Lodz verschleppt. Innerhalb von sechs Monaten verliert er Eltern und Bruder, die an Unterernährung und Erschöpfung sterben. Im Ghetto knüpft Brozik Kontakt zum kommunistischen Widerstand. Im Sommer 1944 wird er in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Auch dort wirkt er im Widerstand. Unmittelbar vor der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee wird Karl Brozik im Januar 1945 auf einen „Todesmarsch“ in das Konzentrationslager Mauthausen gezwungen und muss Zwangsarbeit in einem Stollen des Lagers Gusen II leisten. Im Mai 1945 befreien ihn die Amerikaner; er kehrt nach Teplice zurück. Von 26 Familienmitgliedern überlebt Karl Brozik als einziger.
Ab 1945 holt Karl Brozik das Abitur nach, absolviert neben täglicher Fabrikarbeit ein Jurastudium in Prag, findet eine Beschäftigung als Jurist und Ökonom in der staatlichen Außenhandelsgesellschaft. Im Jahr 1950 heiratet er; auch seine Ehefrau ist Überlebende des Holocaust. Zwischen 1959 und 1968 leitet Brozik eine Produktionsgenossenschaft für Kunsthandwerk. Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im Mai 1968 flüchtet er mit Ehefrau und zwei Söhnen in die Bundesrepublik Deutschland nach Frankfurt am Main.
Von 1972 bis 1987 arbeitet Karl Brozik als Jurist bei der United Restitution Organization (URO). Ab 1987 repräsentiert er die Conference on Jewish Claims against Germany (kurz: Claims Conference); seit 1991 fungiert er als Direktor der Claims Conference Nachfolgeorganisation. In dieser Position führt er nach der deutsch-deutschen Vereinigung auch Gespräche, die es Juden nach dem Fall der Mauer ermöglichen, Ansprüche für Vermögenswerte auf dem Gebiet der vormaligen DDR, die noch unter den Nationalsozialisten enteignet worden waren, geltend zu machen. Nichtbeanspruchtes Vermögen fällt der Claims Conference zu, die daraus weltweit Hilfsprojekte für jüdische NS-Opfer finanziert.
Großes Engagement zeigt Brozik auch bei den Verhandlungen über die Entschädigungsansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter in der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Seine Arbeit insgesamt widmet er dem Ziel, den NS-Opfern und deren Erben ein Mindestmaß an Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bis zu seinem Tod 2004 erhalten 80.000 Holocaust-Überlebende Beihilfen von insgesamt 1,6 Milliarden US-Dollar.
Im Jahr 1997 verleiht ihm der Hessische Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen. Zwei Jahre später wird Brozik in Prag mit der Medaille für Widerstand gegen den Faschismus ausgezeichnet. 2002 folgt die Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main. Karl Brozik ist bis zu seinem Tod im Jahr 2004 Sprecher im Rat der Überlebenden des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main, Mitglied im Beirat des Hessischen Härtefonds und des Vorstands der Theresienstädter Initiative.


Literatur
  • Karl Brozik, Schuld und Verantwortung der I.G.-Farben, in: 1945-1965. Eine Zeitreise durch Hessen. Begleitbuch zur Ausstellung, Frankfurt am Main 1995, S. 5-10.
  • Ders., Die Entschädigung von nationalsozialistischer Zwangsarbeit durch deutsche Firmen, in: Klaus Barwig/Günter Saathoff/Nicole Weyde (Hg.), Entschädigung für NS-Zwangsarbeit. Rechtliche, historische und politische Aspekte, Baden-Baden 1998, S. 33-47.
  • Ders./Konrad Matschke, Luxemburger Abkommen. 50 Jahre Entschädigung für NS-Unrecht, Frankfurt am Main 2004.
  • Stephan J. Kramer, Ein Kapitel deutscher Geschichte geschrieben. Karl Brozik leitet seit 1987 die Geschicke der Claims Conference in Deutschland, in: Aufbau – deutsch-jüdische Zeitung, Nr. 7, 29. März 2001.
  • Hans Riebsamen, Karl Brozik, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. August 1998.
  • Ders., Gerechtigkeit und Versöhnung. Erinnerungen an Karl Brozik, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Dezember 2004.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 03.11.2015