Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz

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„Keine deutsche Stadt sah sich dermaßen gedrängt, das Verhältnis zu den jüdischen Bewohnern, den damaligen und den heutigen, zu klären. In keiner Stadt wurde dabei so viel Mißtrauen gegenüber einem Zusammenleben abgebaut wie in Frankfurt, wo mehr nach 1945 geborene Juden leben als irgendwo anders in Deutschland. Und in keiner anderen Stadt ist letztlich so akribisch nach den Spuren der Deportierten gesucht worden.“ (Claudia Michels, Frankfurter Rundschau, 16 Juni 1996)

Ende 2004 brachte die Stadt Frankfurt am Main, wo etwa bis 1933 in Relation zur Einwohnerschaft die größte jüdische Gemeinde Deutschlands bestand, ein für die Bundesrepublik Deutschland einzigartiges Projekt zu einem vorläufigen Abschluss: die Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
Sie enthält Daten von 12.820 Holocaust-Opfern (Stand: März 2010), die – sei es durch Geburt, zeitweisen Aufenthalt oder als Ausgangspunkt ihrer Deportation – einen Bezug zu Frankfurt besaßen und während der NS-Zeit in Lagern und Anstalten ermordet wurden oder sich aus Verzweiflung selbst das Leben nahmen. Für 10.918 von ihnen konnten die biografischen Daten bislang durch weitere biografische Informationen ergänzt werden. Bislang konnten von knapp 600 Personen Fotos ermittelt werden. Allein die spärliche Bildüberlieferung zeigt eindrücklich die Dimension des Verlusts, den Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Einwohnerschaft Frankfurts bedeutet. Gerade deshalb bleibt es ein zentrales Anliegen aller an diesem Projekt Beteiligten, zu versuchen, den so lange von der Stadtgeschichtsschreibung Vergessenen wieder „ein Gesicht zu geben“.

Die Entwicklung
Am 16. Juni 1996 wurde die Gedenkstätte Neuer Börneplatz eingeweiht. Deren zentrales Element ist ein Fries auf der Außenmauer des Alten Jüdischen Friedhofes mit seinerzeit 11.134 Namen von Frankfurter Opfern des Holocaust. Die als symbolische Grabsteine fungierenden Metallblöcke führen biografische Daten auf, die im Wesentlichen auf Recherchen zu dem 1986 vom Bundesarchiv publizierten „Gedenkbuch“ zurückgehen.
Zusätzlich initiierte das Jüdische Museum eine Computer-Datenbank, die seit 1996 im Museum Judengasse öffentlich zugänglich ist und das Gedenken vertiefen sollte. Denn es zeigte sich rasch, dass die Namen und Daten der Gedenkstätte korrektur- und ergänzungsbedürftig waren und dies überlieferungsbedingt stets bleiben werden. Aber auch für erklärungsbedürftige Richtigstellungen, Zusätze und Streichungen bietet das Medium Datenbank optimale Voraussetzungen.
Auf exakte Quellennachweise für jede Information und die gesonderte Erfassung von statistisch bedeutsamen Daten wurde damals bewusst verzichtet. Das Jüdische Museum entschied sich vielmehr für ein publikumsfreundliches System, das Anregungen zur schwellenfreien weiteren Beschäftigung mit den Opfern und der Vernichtung der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main geben sollte. Im Laufe der Zeit stellten die Benutzer jedoch zusätzliche Anforderungen. Nach knapp zehn Jahren wurden deshalb die Technik der Datenbank modernisiert und ihre Suchmöglichkeiten deutlich erweitert.
Neben den Personennamen können heute zum Beispiel Geburtsjahrgänge, Geburtsorte, Frankfurter Schulen oder Straßen samt Hausnummern sowie Geburtsnamen abgefragt werden. Eine Sortierung der Datensätze nach diesen Kriterien gibt außerdem verlässliche Auskünfte über die Sozialstruktur der vernichteten (dritten) Jüdischen Gemeinde. Inzwischen ist für alle Nutzer die Volltextsuche in den Biografietexten möglich, sodass praktisch jeder beliebige Begriff recherchierbar ist. Beim Anklicken rot markierter Verweise in den Biografiefeldern erhalten die Benutzer Informationen über die Geschichte der Konzentrationslager, zur Verfolgung während der NS-Zeit oder den ausgewerteten Quellen.
Der Frankfurter Stadtplan ergänzt die Textinformationen und verdeutlicht auch optisch den erzwungenen Prozess zur Konzentration der Opfer – überwiegend in zugewiesenen Wohnungen – eindrücklich. So wurden für die wichtigsten Deportationstermine – sofern ermittelbar – die letzten Adressen markiert. Erläuterungstexte geben Auskunft zu den Besonderheiten der einzelnen Transporte. Weitere Karten zeigen die so genannten „Ghettohäuser“.

Die Quellengrundlagen
Anfangs bestanden die Einträge in der Datenbank aus den für den Namenfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz 1994 ermittelten Angaben: Vor- und Familienname, gegebenenfalls Geburtsname, Geburts- und – wenn bekannt – Sterbedatum sowie der Todesort oder stattdessen bei Personen, die sich das Leben genommen hatten, der Begriff „Freitod“.
Für die Datenbank werteten wir als Bearbeiterinnen zunächst nochmals die Deportationslisten aus, denen vor allem der Geburtsort, erste Rückschlüsse auf familiäre Zusammenhänge der Deportierten und die letzte bekannte Adresse in Frankfurt zu entnehmen waren. Außerdem enthalten die Dokumente zuweilen Angaben über den Beruf sowie Hinweise auf den Einsatz als Zwangsarbeiter. Für jede dort aufgeführte Person konnte nun auch eine Deportation und das Datum ihrer Verschleppung angegeben werden.
Als Hauptquelle der Datenbank dienten jedoch die so genannten „Entschädigungsakten“. Sie dokumentieren Verfahren, die auf Grundlage der Entschädigungsgesetzgebung seit 1949 entschieden wurden. Bei den hessischen Behörden fielen im Zusammenhang mit den Entschädigungsverfahren insgesamt rund 117.500 Akten an, die heute das Hessische Hauptstaatsarchiv bewahrt.
Die seit 1984 ebenfalls im Hessischen Hauptstaatsarchiv lagernden so genannten „Devisenakten“ konnten wegen der unbefriedigenden Erschließung bislang nur unsystematisch ausgewertet werden. Verschiedene Listen zu Personen, die sich aus Verzweiflung selbst das Leben nahmen, in so genannter „Mischehe“ lebten oder als „Mischlinge“ galten, bildeten weitere wichtige Quellen. Auch die von der Gedenkstätte Terezín zusammengestellten Daten über Menschen, die von Theresienstadt in andere Lager deportiert worden waren, gingen in die Biografien ein. Daneben konnten wir auf Gedenkbücher und lokalhistorische Studien anderer Städte und Gemeinden in ganz Deutschland zurückgreifen. Zahlreiche Informationen kamen außerdem von Angehörigen und Freunden der Opfer – viele von ihnen trafen wir selbst bei dem jährlich stattfindenden Besuch ehemaliger Frankfurter – sowie von Lokalhistorikern. Mit dem Team, das im Bundesarchiv die 2006 erschienene zweite, erweiterte Auflage des „Gedenkbuches“ vorbereitete, fand ein regelmäßiger Informationsaustausch zu Namen und Daten statt.

Die Ergebnisse der Recherchen
Gegenüber der Gedenkstätte waren bis heute knapp 1.690 Personen in der Datenbank zu ergänzen. Auf Grundlage der Recherchen wurde der Öffentlichkeit im Januar 2010 eine Erweiterung des Namenfrieses der Gedenkstätte Neuer Börneplatz mit 823 zusätzlichen Namensblöcken übergeben.
Die von dem ursprünglichen Namenfries abweichende und weiterhin wachsende benennbare Opferzahl resultiert aus der zusätzlichen Aufnahme unter anderen der Menschen, die sich aus Verzweiflung über die wachsende Verfolgung das Leben nahmen, sowie polnischer Staatsbürger, die lange in Frankfurt lebten, Ende Oktober 1938 nach Polen abgeschoben und von dort deportiert wurden. Listen dieser Transporte sind nicht überliefert; aber zumindest bei 220 Verfolgten kann nun ein Zusammenhang mit dieser frühen Massenverschleppung aus Frankfurt hergestellt werden. Außerdem fanden Flüchtlinge aus Frankfurt Berücksichtigung, die aus ihrem Exil etwa in Frankreich oder den Benelux-Staaten in Lager verschleppt wurden und dort zu Tode kamen. In Einzelfällen konnte auch das Schicksal von Menschen geklärt werden, die im Mai und Juni 1942 gewaltsam aus Frankfurt nach „Osten“ gebracht worden; da die entsprechenden Deportationslisten nur fragmentarisch erhalten sind, gab es bislang auch kaum Hinweise zu diesem Personenkreis. Schließlich wurden auch Todesopfer des November-Pogroms 1938 und der anschließenden Haft in Konzentrationslagern in die Datenbank aufgenommen. Zugleich gelang für 60 Personen der Nachweis, dass sie irrtümlich auf dem Namenfries der Gedenkstätte aufgeführt wurden: 47 haben die NS-Zeit überlebt, bei elf konnte kein Frankfurt-Bezug hergestellt werden, zwei waren politisch Verfolgte.
Die neue Software sowie die erweiterte Faktenbasis erlauben es inzwischen, die Datenbank auch statistisch auszuwerten. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass für 1.903 Personen bislang überhaupt keine Quellen zur Verfügung stehen, die als Grundlage für eine Biografie dienen könnten. Über sie wissen wir heute kaum mehr als den Namen. Für knapp 1.860 Menschen liegt allein der Eintrag in der Deportationsliste als Zusatzinformation vor. Die Informationsdichte der Biografien zeigt sich aufgrund der Quellenlage also nicht einheitlich.
Von den in der Datenbank erfassten 12.820 Personen lässt sich für 2.347 Frankfurt am Main als Geburtsort belegen. Nach derzeitiger Datenlage kamen ab 1933 nachweislich knapp 2.200 antisemitisch Verfolgte aus rund 540 anderen Orten nach Frankfurt. Wegen der beschriebenen Überlieferungslücken dürfte ihre tatsächliche Zahl etwa doppelt so hoch gelegen haben.
Häufig wird übersehen, dass eine nicht unbedeutende Zahl antisemitisch Verfolgter christlichen Kirchen angehörte. Wenngleich die Datenbasis wegen der meist fehlenden Angaben in den Quellen zu diesem Thema sicherlich nicht repräsentativ ist, so lassen sich doch immerhin 67 Personen mit Frankfurt-Bezug benennen, die evangelisch oder katholisch waren.


Literatur
  • Amt für Wissenschaft und Kunst der Stadt Frankfurt am Main (Hg.), Gedenkstätte. Memorial. Gedenkstätte am Neuen Börneplatz für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main, Sigmaringen 1996.
  • Georg Heuberger/Heike Drummer/Jutta Zwilling, „Ensemble der Erinnerung“. Gedenkstätte Neuer Börneplatz, Namenfries am Alten Jüdischen Friedhof, Datenbank im Museum Judengasse; in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945, Frankfurt am Main/New York 1999, S. 457-469.
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling, Das andere Gedächtnis der Stadt Frankfurt am Main – Die Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz, in: Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), „und keiner hat für uns Kaddisch gesagt …“ Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945, Frankfurt am Main 2004, S. 481-501

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