Ermordet im Vernichtungslager: Bassist Hans Erl (1882– unbekannt)

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„Später erzählte mir der Opernsänger Erl, daß der Obergruppenführer an ihn herangetreten sei … ‚Was sind Sie von Beruf?‘ ‚Ich bin Opernsänger.‘ ‚Dann singen Sie mal die Arie aus der Zauberflöte, und singen sich damit frei.‘ Tatsächlich hat sich Erl damals frei gesungen, aber nur, um später doch nach Auschwitz gebracht zu werden.“ (Rabbiner Georg Salzberger über Hans Erl, o. J.)
Der Opernsänger Hans Erl wird am 8. Oktober 1882 in Wien geboren und heiratet später Sofie Levi. Er gehört der Jüdischen Gemeinde an und ist in seiner Frankfurter Zeit Mitglied der konservativen Synagoge am Börneplatz. 1932 schließt er sich der Loge „Harmonia zur Eintracht“ an.
Zunächst arbeitet Erl als gefeierter Opernsänger in Chemnitz. Zum 1. August 1918 übernimmt er die Stelle des ersten Bassisten an der Frankfurter Oper. Sein Repertoire mit über 100 Rollen reicht vom König in „Lohengrin“, Mephisto in „Faust“, Rocco in „Fidelio“, Crespel in „Hoffmanns Erzählungen“ bis zu Kaiser Karl in „Oberon“. Als seine Glanzpartien gelten der Baron Ochs im „Rosenkavalier“ und Sarastro in der „Zauberflöte“. Aus künstlerischen Gründen will Intendant Turnau schon 1930 den Vertrag mit Erl auflösen, dem es mit Verweis auf seine Unterhaltsverpflichtungen für seinen in Wien lebenden Vater, seine Schwester und die Eltern seiner Frau gelingt, eine letzte Verlängerung bis August 1933 zu erreichen. Eine Liste mit Unterschriften von Opernbesuchern im Februar 1933, die sich für den Verbleib Erls einsetzen, hat keinen Erfolg mehr: Der neue NS-Oberbürgermeister Krebs kündigt Erl am 23. Juni 1933 nochmals, nun wegen seiner „nicht-arischen Abstammung“. Der Gurnemanz im „Parsifal“ ist an Ostern 1933 seine letzte Partie. Schließlich befindet sich der 50-jährige Sänger ab 1. September 1933 im erzwungenen Ruhestand.
Nachdem Generalintendant Meissner die Versorgungskasse von einem Gastspiel Erls als Fiesco 1936 in Zürich informiert, wird ihm die Pension kurzzeitig gesperrt, da er offenbar nicht mehr arbeitsunfähig sei. Nur mit Mühe kann er die Fortzahlung erreichen. Nur ein weiterer Auftritt Erls bei einer jüdischen Wohlfahrtsveranstaltung im Saalbau ist nach 1933 bekannt. Wie alle jüdischen Pensionäre der Bühne muss Erl ab Februar 1942 eine empfindliche Kürzung des Ruhegeldes von 37 Prozent hinnehmen.
Beim November-Pogrom 1938 wird der Bassist in die Festhalle verschleppt, wo Tausende jüdischer Bürger vor dem Transport in die Konzentrationslager zusammengepfercht sind und misshandelt werden. Dort zwingen ihn die NS-Schergen, die Sarastro-Arie „In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht“ aus Mozarts „Zauberflöte“ zu singen; daraufhin kommt er zunächst wieder frei.
Hans Erl wird schließlich am 11. Juni 1942 zusammen mit seiner Ehefrau „nach Osten“, vermutlich in das Vernichtungslager Majdanek deportiert und dort ermordet.
Im Foyer der Oper erinnert seit 1955 eine von Alfred Müllergroß gestiftete und von Georg Mahr geschaffene Büste an den Sänger.
Hans Erl ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur und Quellen
  • Paul Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der französischen Revolution. Band 3: Biographisches Lexikon. Darmstadt 1983, S. 111.
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.)/Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
  • Frankfurter Jüdische Erinnerungen, Frankfurt am Main 1997, S. 237, 239.
  • Judith Freise/Joachim Martini, Jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt 1933-1942. Frankfurt am Main 1990, S. 19 (Anhang).
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Zwischen Ausgrenzung und Vernichtung. Jüdische Musikerinnen und Musiker in Leipzig und Frankfurt a. M. 1933-1945. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig 1996, S. 60.
  • Artur Holde, Hundert Jahre jüdisches Frankfurt, o. O. 1960, S. 17.
  • Wolfgang Klötzer (Hg.), Frankfurter Biographie, Frankfurt am Main 1994, Bd. 1, S. 190.
  • Bettina Schültke, Theater oder Propaganda? Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main 1933-1945. Frankfurt am Main 1997, S. 57, 66, 73, 101, 103-105.
  • Joseph Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. Leo Baeck Institute, Jerusalem (Hg.). München u. a. 1988, S. 82.
  • Institut für Stadtgeschichte S 2/3368; Personalakten 1163, 3702.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;  
Personen:  Hans Meissner;   Friedrich Krebs;  

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