Eine Propagandashow im UFA-Palast

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Aus ihrem zeitgenössischen Kontext herausgelöst, haben sich Kohorten von Unterhaltungsfilmen aus den Jahren der NS-Herrschaft im Repertoire bundesdeutscher Fernsehsender über die Jahrzehnte bewährt. Es gab daneben den relativ überschaubaren Kanon von überdeutlichen Propagandafilmen, „Hitlerjunge Quex“ etwa, oder den Historienfilm „Ohm Krüger“, die weggesperrt wurden und bis heute als „Vorbehaltsfilme“ nur mit entsprechender Einführung in speziellen Veranstaltungen gezeigt werden dürfen.
Aber alle Filme, wie auch andere Bereiche der Unterhaltungskultur, erfüllten einen Zweck für das Regime, ob nun als Träger von Propaganda oder auch nur zur Ablenkung. In diesem Sinn gab es im „Dritten Reich“ keine unpolitische Unterhaltung. Wie Propaganda und Unterhaltung im gelenkten Kulturbetrieb des Nationalsozialismus untrennbar ineinanderflossen, dafür liefert ein Blick auf die Frankfurter Festvorstellung des Films „Der große König“ von Veit Harlan ein interessantes Beispiel. Ein Film übrigens, der nicht zu den Vorbehaltsfilmen gehört, und im Handel frei erhältlich ist.
Der „Große König“ mit dem Produktionszeitraum von 1940-42 war ein Historienfilm über den Siebenjährigen Krieg und Friedrich den Großen. Man kann ihn im Grunde als Schlußfilm eines eigenen Subgenres, der Fridericus Rex-Filme, kennzeichnen, denn der Darsteller Otto Gebühr hatte aufgrund seiner physigionomischen Ähnlichkeit mit dem berühmten Menzel-Gemälde von Friedrich II. beim Flötenspielen in Sanssouci den Preußenkönig seit Beginn der Zwanziger Jahre in einer ganzen Reihe von Filmen dargestellt. Diese sehr erfolgreichen „Fridericus Rex“-Streifen mit ihrer nationalistischen Stoßrichtung gingen als kinematographische Preußenwelle in die Kulturgeschichte der Weimarer Republik ein und wurden nach 1933 in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt.
Harlans Film behandelte nicht zufällig die Episode des Siebenjährigen Krieges; der Film setzte mit einer nahezu vernichtenden Niederlage Friedrichs durch die Österreicher ein. Der Krieg gegen eine erdrückende Übermacht verbündeter Staaten scheint verloren, die Armee ist dezimiert, die Moral wankt, allein der „Große König“ entschließt sich entgegen aller Ratschläge zum Weiterkämpfen. Ein Feldwebel als übriggebliebener Regimentsführer – das war der eigentliche Handlungsstrang – verzweifelt zuerst auch, verliebt sich in eine patriotische Heldin, die die Verwundeten pflegt und trägt durch seinen Einsatz und Opfertod dazu bei, daß sich die Preußen zum Schluß auf dem Schlachtfeld behaupten können. Er stirbt, während der König ihm die Hand hält. Die Botschaft des „Durchhaltens“ (bis zum Endsieg) und absoluten Vertrauens in den „Führer“ war überdeutlich, alleine der Beginn der Produktion im für die Wehrmacht ja recht erfolgreich scheinenden ersten Kriegsstadium überrascht.
Als der Film mit großem Aufwand anlief, Anfang des Jahres 1942, war nach dem Scheitern der deutschen Offensive im russischen Winter vor Moskau die filmische Botschaft wohl schon dringlicher zu vernehmen; dieser erste schwere Rückschlag des deutschen Angriffskriegs war die Folie, vor der auch die Frankfurter Festaufführung des mit dem Prädikat „Film der Nation“ ausgezeichneten Streifens ablief. Das Timing der Propaganda war perfekt. Der Führer habe bereits in seiner Rede zum Jahrestag der Machtergreifung am 30. Januar 1942 die Lage Friedrichs II. während des siebenjährigen Krieges „mit der Schwere und Härte unserer Gegenwart“ verglichen, erinnerte das Frankfurter Volksblatt vom 25.3.1942 seine Leser.
Für die Frankfurter Premiere des Films war der UFA-Palast im Groß-Frankfurt-Komplex hinter dem Eschenheimer Turm mit Blumenschmuck und „gestickten Wappentüchern“ dekoriert worden. Verwundete aus Frankfurter Lazaretten füllten die Sitzreihen. Zwischen Wochenschau und Hauptfilm spielte eine Musikformation der Luftwaffe preußische Militärmärsche. Gauleiter Sprenger und Oberbürgermeister Krebs hielten Ansprachen.
Der Premierenbericht des nationalsozialistischen Frankfurter Volksblatts hob die „volks- und staatspolitische Bedeutung“ des Films hervor. „Die Entscheidungen des heutigen Krieges sind ähnlich dieser großen Jahre preußischer Geschichte. Der Endsieg Friedrichs war ein Triumph des Willens und die Meisterung schwerer Krisen im Entscheidungskampf um Sein oder Nichtsein Preußens.“ Das Filmwerk zeige am Beispiel Friedrichs des Großen in packenden Szenen aus dem Siebenjährigen Krieg den Glauben an Volk und Endsieg, es handele sich um die „in Bilder und Worte gefaßte Offenbarung eines Volksschicksals“. Der „Spielleiter Veit Harlan“ – Regisseur galt als fremdländisches Wort und Redakteure hießen beispielsweise offiziell „Schriftleiter“ – sehe Friedrich als „genialen Staatsmann und Feldherren“, das ganze sei überdies voller „kerniger Dialoge“ und wolle „gewiß kein Geschichtsunterricht sein“.
Geschichtspolitische Details der Besprechung sind aufschlußreich: so werde, meinte das Blatt, im Gegensatz „zu Österreich-Habsburg und vor allem zum zaristischen Rußland“ gezeigt, „was preußisch ist“. Daß Friedrich den Krieg allein wegen des Frontwechsels des Zaren überstanden hatte, war natürlich ein gewisses historisches Manko. Paul Wegner, bis heute gerühmt wegen seines expressionistischen Golemfilms und ein Spezialist für „exotische“ Filmfiguren sorgte hier mit seiner Darstellung eines finsteren russischen Generals gewissermaßen für ideologische Abhilfe. Daß neben verschlagenen Russen und verweichlichten Österreichern auch noch ein „rheinischer Drückeberger“ die Filmszenerie belebte, machte die politische Perspektive komplett. Das Filmpaar mit der obligatorischen Love-Story (die Ufa-Stars Gustav Fröhlich und Kristina Söderbaum) transportierte wiederum einen direkten Appell an das Publikum: sie erweise sich, so das Frankfurter Volksblatt, in ihrer Rolle „als Weib und Witwe des Feldwebels …würdig der Taten und Opfer der Männer“. Er starb „den Soldatentod in höchster Pflichterfüllung“. Kein Wunder, daß der Bericht mit der Aufforderung schloß: „Für jeden deutschen Mann und jede deutsche Frau sollte es eine vaterländisches Pflicht sein, sich den Film der Nation anzusehen.“
Für die internen nationalsozialistischen Verhältnisse in Frankfurter war es übrigens bezeichnend, daß das nationalsozialistische Volksblatt die Anwesenheit des Oberbürgermeisters Krebs – und Konkurrenten des Gauleiters – nicht erwähnte, wohl aber die Frankfurter Zeitung vom 25.3.1942.

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