Die Gleichschaltung der Frankfurter Museumsgesellschaft

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Die Frankfurter Museumsgesellschaft, gegründet 1808, beschränkte ihren kulturell ursprünglich weiter gefassten Aufgaben alsbald auf die Ausrichtung von Abonnementskonzerten. Ihre gesellschaftliche Exklusivität und Homogenität noch zu Beginn der 30er Jahre ergab sich unter anderem aus der Beschränkung der Mitgliederzahl auf 100, einer Aufnahmegebühr von 100 Reichsmark und einem Jahresbeitrag von 20 Reichsmark, Summen, die nicht jedermann ohne weiteres aufbringen konnte. Ihr patrizisch-bildungsbürgerlicher Charakter und ihre Selbstbezogenheit und Traditionsverhaftung gingen einher mit Liberalität und weltbürgerlicher Offenheit.
Am 17. Februar 1932 brachte das Frankfurter Volksblatt, Organ der Frankfurter Nationalsozialisten, eine Kritik über ein Orchesterkonzert der Museumsgesellschaft mit Werken von Scriabin, Tschaikowsky (beides russische Komponisten) und Beethoven. „Dieses Konzert kann man summarisch nur als ,Ostjüdischen Abend‘ bezeichnen. Isaak Dobrowen [ein russischer Jude] wirkte als Dirigent, Bronislaw Hubermann [1936 Gründer des Palestine Orchestra] als Solist. Hätte nun Hubermann statt des großen Beethoven einziges Violinkonzert ein ihm innerlich verbundenes Werk (also eines östlich-jüdischen Komponisten) gewählt, so hätte man wenigstens von einem ,Stilprogramm‘ reden können … Wann endlich wird das deutsche Publikum gegen die unwürdige Bevorzugung ausländischer Musik und ausländischer Musiker Stellung nehmen?“

Seite 1 des Programmhefts der Frankfurter Museums-Gesellschaft zum Konzert vom 14.2.1932

Seite 2 des Programmhefts der Frankfurter Museums-Gesellschaft zum Konzert vom 14.2.1932


Der Vorsitzende der Museumsgesellschaft, Medizinalrat Gustav Spiess, ein bekannter Frankfurter HNO-Arzt, formulierte daraufhin einen Beschwerdebrief an die Zeitung, in dem es heißt: „Die Museumsgesellschaft hat sich seit ihrer Gründung vor 125 Jahren als oberste ideale Aufgabe gestellt, das künstlerisch Beste zur Darbietung zu bringen und nur diesen hohen Zielen entsprechend sich von allen mit Musik nicht im Zusammenhang stehenden, besonders parteipolitischen Gesichtspunkten vollkommen fernzuhalten und [sich] in keiner Weise und von keiner Seite beeinflussen zu lassen.“
Diese Episode vermittelt einen Eindruck von dem künstlerischen Ethos und den zivilisierten Umgangsformen, die 1932 noch das Frankfurter Kulturleben bestimmten, andererseits von dem verbissenen, ressentimentgeladenen Eifer, mit dem die Nationalsozialisten dagegen anrannten.
Ihr Sammelbecken war der „Kampfbund für deutsche Kultur“ (KfdK), dessen Frankfurter Bezirks- und Ortsgruppenleiter Friedrich Krebs war. Nach seinem Amtsantritt im März 1933 als Oberbürgermeister begann er mit der Gleichschaltung der Kulturinstitutionen und damit auch der Museumsgesellschaft. Deren bisherige gesellschaftliche Exklusivität und Homogenität machte es schwer, sie von innen her umzugestalten. Allerdings war ihre wirtschaftliche Lage katastrophal, und die Taktik der Stadt ging dahin, sie in dieser ausweglosen Situation allmählich „sturmreif“ werden zu lassen.
Die Museumsgesellschaft hatte in der Inflation von 1923 ihre finanziellen Reserven eingebüßt, und die seit 1929 grassierende Wirtschaftskrise führte 1931 zu einem empfindlichen Besucherrückgang. Außerdem war das Opernhaus-Orchester, mit dem sie damals wie heute ihre Konzerte bestritt, teurer geworden, nachdem die Trägerin der Oper, die privatwirtschaftliche Theater-A.G., 1928 in die Städtischen Bühnen umgewandelt worden war. Zum ersten Mal benötigte die Museumsgesellschaft städtische Subventionen, tat sich aber schwer damit. Statt des von der Stadt favorisierten Hans Wilhelm (William) Steinberg, des neuen Leitenden Dirigenten der Oper, zog sie andere Dirigenten in Erwägung und trat ab Herbst 1932 in engere Verhandlungen mit Otto Klemperer. Dazu gehörten – neben einem Gespür für Qualität – Mut und Vorurteilslosigkeit, denn Klemperer war Jude und galt aufgrund seines kompromisslosen Eintretens für die musikalische Moderne als „kulturbolschewistischer Bürgerschreck“. Am 3. März 1933 gab die Museumsgesellschaft sein Engagement als Ständigen Dirigenten bekannt. Jedoch schon Ende April musste sie die Ernennung widerrufen, da, wie es im Protokoll der Vorstandssitzung vom 13. Mai 1933 heißt, „die Hergabe des Opernhaus-Orchesters für Klemperer seitens der Stadt verweigert wurde“.
Im gleichen Protokoll ist vermerkt, dass „der bisherige OB Ludwig Landmann aus dem Vorstand ausgeschieden“ sei. Er und der bekannte Industrielle und Mäzen Richard Merton waren die einzigen jüdischen Vorstandsmitglieder (von insgesamt 12) gewesen; von den 100 Mitgliedern waren 1933 15 Juden. Dies stellte im Vergleich zu anderen Frankfurter Musikinstitutionen (Dr. Hoch’s Konservatorium, Patronatsverein der Städtischen Bühnen) einen nur mäßigen Anteil an jüdischen Förderern dar.
Spiess schlug den neuen OB Krebs als Vorstandsmitglied vor. Das gleiche Protokoll (13. Mai 1933) vermerkt, dass Geheimrat Spiess dem KfdK beigetreten sei. Vor diesem Satz steht durchgestrichen die Formulierung „der Notwendigkeit folgend“. Als es dann aber darum ging, im Benehmen mit der Stadt einen neuen Ständigen Dirigenten zu finden und Stadt und Kampfbund dringend den als linientreu ausgewiesenen Hermann Abendroth empfahlen, lehnte Spiess diesen Vorschlag „entschieden“ ab mit der Begründung, dieser Dirigent finde keinen Kontakt zum Publikum. In diesem Protokoll vom 13. Mai 1933 zeigt sich die Museumsgesellschaft zwar bereits angeschlagen und zu Zugeständnissen gezwungen, legt jedoch noch immer eine selbstbewusste Standhaftigkeit an den Tag, allerdings gemischt mit offenkundiger Kurzsichtigkeit gegenüber dem kulturpolitischen Gleichschaltungskonzept der Nationalsozialisten, das auf eine Fusion der Museumsgesellschaft mit ihrem Konkurrenten, dem 1921 von Simon Moritz von Bethmann und Walter Sondag gegründeteten Frankfurter Orchesterverein, zielte.
Am 21. Juli 1933 musste Spiess berichten, dass auf einer Sitzung des Kampfbundes mit Vertretern der Stadt, der Museumsgesellschaft und des Orchestervereins über einen Zusammenschluss der beiden Konzertgesellschaften gesprochen worden sei. Zwar lehne er, Spiess, dies ab, er sei aber bereit, „das alte Kriegsbeil“ zu begraben, und die Konzertsaison 1933/34 gemeinsam mit dem Orchesterverein zu gestalten.
In der Mitglieder-Versammlung vom 6. September 1933 gelang es, noch einmal eine Vorstandswahl im gewohnten Stil und mit dem gewohnten Personal durchzuführen, so dass Friedrich Krebs nach wie vor als einziger das „neue Deutschland“ vertrat. Ebenfalls im Vorstand saß nach wie vor Richard Merton.
Parallel zu der wirtschaftlichen Talfahrt der Museumsgesellschaft durch den weiteren Rückgang der Abonnements konkretisierte sich ihre erzwungene Zusammenarbeit mit dem Orchesterverein. Im Herbst 1933 erschien ein Prospekt, in dem die beiden Gesellschaften ein gemeinsames Programm für den Konzertwinter 1933/34 ankündigten „in enger Fühlung mit der Intendanz der Städtischen Bühnen, dem Rundfunk und dem Kampfbund für deutsche Kultur“. Er endet mit dem Aufruf von Hans Meissner: „Die Musik ist die deutscheste aller Künste. Ein jeder trage dazu bei, sie in unserer Stadt wieder zu beleben. Besucht die Konzerte!“ Hier ist von Geist und Stil der alten Museumsgesellschaft bereits nichts mehr übrig. Dennoch sanken die Besucherzahlen in der Saison 1933/34 weiter ab.

Dem neuen Kulturestablishment ging die Gleichschaltung der beiden Gesellschaften noch immer nicht weit genug: Gewünscht wurde ihre vollständige Fusion. Dem setzte die Museumsgesellschaft einstweilen – Frühjahr 1934 – noch starken Widerstand entgegen. Die Reichsmusikkammer, eine vom Reichspropagandaministerium geschaffenen Institution zur Reglementierung und Überwachung des gesamten Musiklebens im Reich mit Richard Strauss als Präsidenten, zeigte Interesse an dem Traditionsinstitut Museumsgesellschaft und stellte im Frühjahr 1934 Reichssubventionen in Aussicht. Als diese sich nicht konkretisierten, erklärte die Museumsgesellschaft, dass sie unter diesen Umständen die gesamte Konzertsaison 1934/35 in Frage stellen müsse. Die alarmierte Reichsmusikkammer forderte Krebs brieflich auf, nachdem nun „die gute Gesellschaft und die alten Herren“ versagt hätten, müsse die Stadt dafür sorgen, dass die Konzerte dieser „unerlässlichen Gesellschaft“, weiter gingen.
Krebs sah seine Chance, auf das Vermögen der Museumsgesellschaft zugreifen zu können. Die Museumsgesellschaft war mit 87% an der Saalbau-Aktiengesellschaft beteiligt, die die Saalbau-Konzertsäle betrieb. Nachdem ihr Ende September 1934 von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Konkursreife bescheinigt worden war, übertrug sie im Dezember 1934 widerstandslos ihre Saalbau-Aktien im Wert von
173 000 RM auf die Stadt. Die Stadt rechnete auf den Kaufpreis die Subventionen an, die sie 1933 erbracht hatte und künftig durch die Überlassung des Opernhaus-Orchesters erbringen würde. Der Museumsgesellschaft verblieb bei dieser Regelung so gut wie keine Dispositionsreserve.
Gleichzeitig war auch für die offizielle Fusion von Museumsgesellschaft und Orchesterverein freie Bahn geschaffen worden. Im Frühjahr 1934 hatte die Museumsgesellschaft auf Drängen des Kampfbundes einen vakanten Vorstandsposten mit dem Generalintendanten Hans Meissner besetzt. In den folgenden Monaten betrieb er die Umgestaltung der Museums-Satzung nach dem „Führerprinzip“. Jeder unbescholtene, seit einem Jahr in Frankfurt ansässige Bürger, der an den Zielen des nationalsozialistischen Staates und der Museumsgesellschaft interessiert war, sollte nun Mitglied der Gesellschaft werden können, und zwar ohne Aufnahmegebühr zu einem Jahresbeitrag von 10 statt wie bisher 20 RM. Die Vertretung der Stadt und des „nationalen Staates“ im Vorstand sollte gesichert sein. Die Vereinigung mit dem Orchesterverein sollte durch Übertritt seiner Mitglieder in die Museumsgesellschaft vollzogen werden. Am 18. Oktober 1934 billigte die Mitgliederversammlung diese neue Satzung, die Fusion mit dem Orchesterverein und den Verkauf der Saalbau-Aktien an die Stadt.
Vorsitzender des „Beirats“, wie der Vorstand nun hieß, blieb vorerst noch Geheimrat Spiess, flankiert von dem Fabrikanten Wilhelm Ludwig, der schon seit Jahren dem Vorstand angehört hatte, Freiherrn von Bethmann und Walter Sondag vom Orchesterverein, dem Generalintendanten Meissner und dem Kulturdezernenten Keller für die Stadt und, als Vertretern des „nationalen Staates“, zwei Mitarbeitern des Gauleiters. Im Frühjahr 1935 trat Spiess als Vorsitzender zurück. Zum Nachfolger von Spiess als „Vereinsleiter“ wurde Richard Ludwig ernannt, der in geschickter Weise zwischen den „alten Herren“ und den neuen Machthabern vermittelte: Er ernannte Spiess zu seinem Vertreter und stellte den von Meissner gewünschten Geschäftsführer ein. Dieser legte sofort ein Aufbauprogramm vor, gekoppelt mit einem schneidigen Bekenntnis zum Nationalsozialismus. „Die grundsätzliche kulturpolitische Linie, die die Museumsgesellschaft in ihrer Arbeit einhalten muss, ist klar und eindeutig auf die vom Führer, der Partei und der Bewegung durch die Reichsmusikkammer … in deren Auftrag erlassenen Empfehlungen, Vorschriften und Richtlinie abzustimmen und schärfstens geradlinig einzuhalten.“

Jetzt war die Gleichschaltung der Museumsgesellschaft über jeden Zweifel erhaben, und Krebs und Meissner fanden sich bereit, sie nach Kräften zu fördern. Sie sicherten damit eine wichtige Institution des Frankfurter Kulturlebens und waren der Reichsmusikkammer gefällig, bei der die Museumsgesellschaft Wertschätzung genoss. Von größter Bedeutung dafür waren die steigenden städtischen Subventionen. Die nun nicht mehr limitierte Mitgliederzahl der Museumsgesellschaft wuchs auf 472 im Jahr 1939 an, und die Konzerte wurden so gut besucht, dass 1937 die Nachfrage nach Abonnements für die Freitagskonzerte das Angebot überstieg. Der Vertreter des Gauleiters fragte daraufhin in einer Vorstandssitzung misstrauisch nach, ob an der Ausabonnierung immer noch die Juden schuld seien, und erhielt als Antwort, von den 1700 Plätzen des Saalbaus seien höchstens noch 10 bis 12 an Juden vermietet. Auch diese Abonnements entfielen, als ab 1938 die bisherige Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden in blanken Terror überging. Im September 1938 schied mit Richard Merton auch das letzte „nichtarische“ Beiratsmitglied aus.
In den Beirat rückten erfolgsorientierte Vertreter der Wirtschaft, Beamtenschaft und Wissenschaft nach, die zwar politisch angepasst, aber sachbezogen agierten. Die beiden Vertreter des Gauleiters im Beirat fehlten häufig und verhielten sich wohl auch sonst zurückhaltend, so dass bei der Auswahl von Künstlern weiterhin qualitätsbewusst verfahren werden konnte und Bewerber, die sich in erster Linie auf braune Gesinnung und Parteiprotektion beriefen, abgelehnt werden konnten.
Die steigenden Mitglieder- und Besucherzahlen sprechen für die Beliebtheit der Museumsgesellschaft, die infolge der erzwungenen Öffnung „für alle“ wohl wirklich volksnäher, im Wortsinn „populärer“ geworden war. Im Publikum dürfte kaum registriert oder gar beklagt worden sein, dass die alte, vornehme, eigenwillige Gesellschaft verwässert, gebrochen, „umfunktioniert“ worden war. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass mit der skrupellosen und rücksichtslosen „Gleichschaltung“ der Museumsgesellschaft auch ein fällig gewordener Modernisierungsprozess vollzogen worden war, allerdings auf Kosten ihrer ehrwürdigen Aura und ihres noblen Selbstverständnisses.


Literatur
  • Eva Hanau, Musikinstitutionen in Frankfurt am Main 1933 bis 1939, Köln 1994
  • Eva Hanau, Nationalsozialistische Kulturpolitik in Frankfurt am Main und Carl Orff, Archiv für Musikwissenschaft 56, 1999, S. 245-257

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2008, aktualisiert am: 28.09.2009