Erich Fromm: Sozialphilosoph

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Erich Fromm 1975

Kurz vor seinem Tod gab Erich Fromm noch einmal Auskunft über seine Frankfurter Herkunft: „Ich wurde geboren als einziges Kind … von zwei sehr neurotischen Eltern, überängstlichen Eltern aus einer sehr orthodox jüdischen Familie, auf beiden Seiten mit Tradition von Rabbinern. Und die Welt, in der ich lebte, das war die Welt des traditionellen Judentums …Von dieser mittelalterlichen Welt bezog ich meine Traditionen und meine Bewunderungen und meine Vorbilder. So lebte ich eigentlich halb in der altjüdischen echten Tradition und halb in der modernen Welt: Ich ging in Deutschland zur Schule, in Frankfurt, und hatte die Einflüsse, die jeder andere junge Deutsche hatte in dieser Zeit. Aber ich blieb eben damit sehr allein: Nicht nur weil man als Jude in Deutschland immer etwas eine Ausnahmestellung hatte. Aber auch, weil ich mich weder ganz zu Hause fühlte in der Welt, in der ich lebte, noch natürlich in der alten Welt der Traditionen“ (Interview mit Micaela Lämmle und Jürgen Lodemann in: Die ZEIT, 21.03.1980).
Trotz seines internationalen Ansehens gehört der von den Nationalsozialisten vertriebene Sozialphilosoph, Bestsellerautor und jüdische Emigrant Erich Fromm heute zu den vergessenen Frankfurtern. Während die von Rainer Funk, engagierter Nachlassverwalter und Herausgeber der zwölfbändigen Fromm-Werkausgabe, initiierte „Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft“ ihren Sitz in Tübingen hat, ist das Fromm-Gedenken in dessen Geburtsstadt kaum verankert. Anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahre 2000 fand in Frankfurt immerhin ein Festakt statt. Seit 2002 trägt eine Grünanlage im Westend den Namen „Erich-Fromm-Platz“, gelegen zwischen der Altkönig- und der Eppsteiner Straße, unweit seines ehemaligen Elternhauses in der Liebigstraße 27.

Erziehung in jüdischer Tradition
Dort wuchs der am 23. März 1900 geborene Erich Pinchas Fromm auf. Seine Mutter Rosa Krause (1876–1959) kam aus Posen, der Vater Naphtali Fromm (1869–1933), von Beruf Weinhändler, aus dem hessischen Homburg (heute Bad Homburg). Erich Fromm hatte keine Geschwister, war aber durch die zahlreichen väterlichen Verwandten in einen großen Familienverband eingebunden. Seine eigenen drei Ehen mit der Psychoanalytikerin Frieda Reichmann (1889–1957), Henny Gurland (1900–1952) – beide jüdische Emigrantinnen – und der Amerikanerin Annis Freeman (1902-1985) blieben kinderlos.
Anders als seine Weggefährten der „Frankfurter Schule“ wie Max Horkheimer, Friedrich Pollock und Theodor W. Adorno erhielt Erich Fromm noch eine traditionell jüdische Erziehung. Beide Eltern entstammten Familien mit namhaften Rabbinern und Talmudlehrern. Fromms Großvater Seligmann Pinchas Fromm war landgräflich hessischer Rabbiner in Homburg, Hausrabbiner des Freiherrn Wilhelm Carl von Rothschild und hochgeschätztes Mitglied der Frankfurter Israelitischen Religionsgemeinde. Seine Frau Rahel Bamberger, die Großmutter Erich Fromms, war die älteste Tochter des Rabbiners Seligmann Bär Bamberger, des „Würzburger Raw“, der über das bayerisch-fränkische Judentum hinaus großes Ansehen besaß.
Dass der Raw den Einflüssen der kapitalistischen Moderne trotzte und in rabbinischer Tradition Gelehrsamkeit und Wohltätigkeit allen materiellen Belangen vorzog, beeinflusste seine Nachkommen. Erich Fromms Vater fühlte sich zum Rabbiner berufen und schämte sich seiner kaufmännischen Tätigkeit. Als Ratsmitglied im „Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden (PLV)“ stand Naphtali Fromm ganz in der Tradition des „Würzburger Raw“. 1919 begründete er die Hermann Cohen-Loge mit, als deren Präsident er 1924 und 1925 amtierte. Jüdisch erzogen wurde Erich Fromm auch von einem Onkel seiner Mutter, dem im elterlichen Haushalt lebenden Talmudlehrer Dajan Ludwig Krause aus Posen. Außerhalb der familiären Sphäre traf er auf so unterschiedliche jüdische Persönlichkeiten wie Nehemia Anton Nobel, dazumal Rabbiner der konservativen Synagoge am Frankfurter Börneplatz, den Marburger Neukantianer Hermann Cohen und den chassidisch-sozialistischen Heidelberger Gelehrten Salman Baruch Rabinkow. Mit Rabbiner Nobel und anderen forcierte der junge Fromm um 1920 die Gründung des Frankfurter „Freien Jüdischen Lehrhauses“ (seit 1924 in der Eschersheimer Landstraße 25-27).

Humanistischer Sozialismus und Psychoanalyse
Mit vielen anderen jüdischen Schülern, darunter Walther Rathenau, Elias Canetti und Leo Löwenthal, besuchte Erich Fromm die Wöhlerschule in der Lessingstraße. Löwenthals spätere Ehefrau Golde Ginsberg war zeitweilig seine Verlobte. Nach einjährigem Jurastudium an der Universität Frankfurt am Main wechselte Fromm an die Universität Heidelberg in die Fächer Soziologie, Psychologie und Philosophie. Bei Alfred Weber, dem Bruder des bekannten Soziologen Max Weber, promovierte er 1922 über „Das jüdische Gesetz. Zur Soziologie des Diasporajudentums“. Fast unvermittelt wandte er sich kurz danach der religionskritischen Psychoanalyse zu. An der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik und Lehranstalt lernte er zudem eine Synthese von Psychoanalyse und Marxismus kennen, die die Emanzipation der Persönlichkeit und der Gesellschaft eng miteinander verzahnte. 1930 wurde er offizielles Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung; von der „Frankfurter Schule“ trennte er sich acht Jahre später im US-Exil.

Erich Fromm, ca. 1940


Erich Fromm und seine erste Frau Frieda Fromm-Reichmann hatten beide mit ihrer Vaterreligion gebrochen, bewegten sich aber weiterhin in einem kulturell-jüdischen Forschungsumfeld. Fromms humanistischer Sozialismus wurzelte tief in den jüdischen Lehren von sozialer Gerechtigkeit, Nächstenfürsorge und dem Schutz des Lebens. In einem vom Gottesglauben emanzipierten sozialen Judentum sah er das innovative Potenzial, menschliche und gesellschaftliche Destruktivität in kreatives Wachstum zu transformieren. Fromms Projekt einer Ausbalancierung von Judentum, Psychoanalyse, Sozialismus und ZEN-Buddhismus machte ihn bei konservativen Vertretern konkurrierender Weltanschauungen nicht immer beliebt.

Emigration
Nach dem Sieg des Nationalsozialismus verließ Erich Fromm seine Geburtsstadt. Auf Einladung der Psychoanalytikerin Karen Horney (1885–1952), seiner langjährigen Lebensgefährtin, lehrte er als Gastdozent in Chicago, bevor er 1934 nach New York umzog. Fromms Vater war im Dezember 1933 in Frankfurt gestorben, der Mutter konnte er 1941 zur Flucht nach New York verhelfen. Seit 1940 war Fromm US-amerikanischer Staatsbürger und blieb es bis zu seinem Tod. Der gefragte Psychoanalytiker lehrte an renommierten Forschungseinrichtungen. 1951 nahm er einen Ruf als Professor für Psychoanalyse an die Medizinische Fakultät der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko an. Nach seiner Emeritierung 1967 betätigte er sich als freier Forscher und Publizist. Bereits 1941 hatte sich Fromm mit seiner Studie „Escape from Freedom“ (deutsche Ausgabe: „Die Furcht vor der Freiheit“) einen internationalen Ruf als gesellschaftskritischer Sozialphilosoph geschaffen.

Wissenschaftliche und politische Wirkung
Noch heute beeindruckt die Breitenwirkung seiner Publizistik; die Weltauflage seiner in viele Sprachen übersetzten Bücher wird auf über 50 Millionen Exemplare geschätzt. Fromms auch Nicht-Fachleuten zugängliche Schriften trafen auf eine Zeit, die von revolutionären Hoffnungen auf befreite Gesellschaften und Individuen bestimmt wurde. Fromm hat sich stets auch politisch engagiert, u.a. als überzeugter Antistalinist für die reformsozialistische jugoslawische „Praxisgruppe“. In den USA, Deutschland und Italien avancierte er zu einer sozialphilosophischen Leitfigur der Umwelt-, Friedens- und Anti-Atombewegungen der 1970er und 1980er Jahre. Zu Fromms bekanntesten Titel gehören „Die Kunst des Liebens“, „Wege aus einer kranken Gesellschaft“, „Die Seele des Menschen“, „Ihr werdet sein wie Gott“, „.Anatomie der menschlichen Destruktivität“, „Haben oder Sein“. Vor allem beschäftigten ihn die (De-)Formierungen des „Sozial-Charakters“ zwischen Nekrophilie (Liebe zum Toten) und Biophilie (Liebe zum Leben). Bereits 1955 entwickelte er in seinem Werk „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ das Konzept des „Marketing-Charakters“. Die psychosoziale Beschaffenheit moderner Industriegesellschaften bereitete ihm große Sorge:
„In der Entwicklung des Kapitalismus und des Kommunismus wird … der Prozeß der Automatisierung und Entfremdung weiter fortschreiten. Beide Systeme entwickeln sich zu Manager-Gesellschaften mit wohlgenährten und gutgekleideten Bewohnern … Es werden Automaten sein, die folgen, ohne dass man Gewalt anwenden müsste, die auch ohne Führer gelenkt werden, die Maschinen herstellen, die sich wie Menschen benehmen, und die Menschen produzieren, die sich wie Maschinen benehmen … Diese Entfremdung und Automatisierung führt zu einer immer schlimmeren seelischen Erkrankung… Jedermann ist ,glücklich‘ – nur fühlt er nichts, kann er nicht mehr vernünftig denken und kann er nicht mehr lieben“ (Fromm 1999, Bd IV: 251f.).

Wohl aus gesundheitlichen Gründen nahm Erich Fromm 1974 mit Ehefrau Annis seinen Alterssitz in Muralto (bei Locarno) im Schweizer Tessin. Sein Geburtsland würdigte den weltbekannten Sozialphilosophen erst spät, u.a. durch den Nelly-Sachs-Kulturpreis der Stadt Dortmund. Kurz vor seinem 80. Geburtstag starb Erich Fromm am 18. März 1980 im Schweizer Exil. Sein Leichnam wurde nicht nach dem jüdischen Ritus beerdigt, sondern kremiert und im Lago Maggiore seebestattet. Erst 1981 wurde Erich Fromm posthum die Goethe-Ehrenplakette der Stadt Frankfurt verliehen. Bei der feierlichen Übergabe an Fromms Witwe Annis fand der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann durchaus kundige Worte für den unbequem-kritischen Sozialisten: „Erich Fromm war ein großer Sozialwissenschaftler und ein großer Humanist. Seine Erkenntnisse haben dazu beigetragen, unserer Gesellschaft einen Weg zu ihrem Überleben aufzuzeigen.“


Literatur
  • Erich Fromm, Gesamtausgabe in zwölf Bänden. Hg. v. Rainer Funk. Stuttgart 1999;
  • Rainer Funk, Erich Fromm mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt. Reinbek bei Hamburg 2001;
  • http://www.erich-fromm.de/ (Homepage der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft)

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Institut für Sozialforschung;  

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