Henriette Fürth: Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin, Schriftstellerin

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Henriette Fürth, um 1900

Henriette Fürth wurde 1861 in einer angesehenen liberalen Gießener Familie geboren. Sie hatte die Höhere Mädchenschule besucht und wollte, wie viele aufgeschlossene Mädchen ihrer Zeit, Lehrerin werden. Die Aussichten als Jüdin in einer staatlichen Schule eine Anstellung zu finden, waren allerings schlecht. Sie folgte deshalb dem Rat ihres Vaters und verzichtete auf diese Ausbildung. Henriette Fürth hat stets darunter gelitten, keine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung und damit keine professionelle Grundlage für ihre spätere sozialpolitische und wissenschaftliche Tätigkeit zu haben. Mit 19 Jahren heiratete sie den Kaufmann Wilhelm Fürth, einen entfernten Verwandten, und lebte seit 1885 mit ihrer Familie in Frankfurt. Sie brachte in den kommenden Jahren acht Kinder zur Welt und war stets stolz darauf, ihren Haushalt perfekt zu führen und die Erziehung der Kinder vorbildlich zu bewältigen. Aber die Jahre als Hausfrau und Mutter waren schwer, denn die Familie hatte mit finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie selber fühlte sich trotz der vielen Arbeit nicht ausgefüllt. Ihrem Bruder, dem Sozialdemokraten Simon Katzenstein, hat sie den Sprung in die publizistische Arbeit zu verdanken, ihrer eigenen Energie den Weg in die Berufstätigkeit. Ihre umfangreiche publizistische Tätigkeit war immer auch von der dringenden Notwendigkeit bestimmt, zum Unterhalt der großen Familie beizutragen.

Kaum eine andere Frau ihrer Zeit hat in dem Maße wie Henriette Fürth praktische Sozialarbeit, Mitarbeit in Verbänden, parteipolitische Arbeit, wissenschaftliche und schriftstellerische Tätigkeiten und darüber hinaus ein Leben als Hausfrau und Mutter miteinander verbunden. Ihr Interesse galt u.a. folgenden Themen: Frauenheimarbeit, Kinder-und Mutterschutz, Haushaltspflege, Berufstätigkeit von Frauen, Bevölkerungsentwicklung und -hygiene, sexuelle Aufklärung und die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten; Wohnungsbau und Frauenwahlrecht.
Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigte sie besonders intensiv. Es war nicht nur Not, sondern die Überzeugung von dem Recht auf Selbständigkeit und Unabhängigkeit und auch von den Fähigkeiten der Frauen, die sie ein Recht auf Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit fordern ließ.
Ihre sorgfältigen Publikationen über Mutterschutz, Haushaltsführung, Lebenshaltungskosten usw. waren wichtige Grundlagen für die Auseinandersetzungen in der Frauenbewegung und der Sozialdemokratischen Partei mit diesen Themen und der Entwicklung von politischen Vorstellungen. Über die gleichen Themen trat Henriette Fürth auch als Rednerin bei Tagungen und Verbandstagen auf. Viele Berichte bezeugen, dass sie eine gute und begeisternde Rednerin war.
Seit 1909 arbeitete Henriette Fürth im Notausschuss der Zentrale für private Fürsorge und in der Rechtsschutzstelle für Frauen. Während des Ersten Weltkriegs organisierte sie Volksküchen und arbeitet in der Auskunftsstelle des städtischen Lebensmittelamtes, wobei sie vielfältige Ideen zur Eratzstoffbeschaffung und Rationalisierung des Haushalts entwickelte. Den Krieg hatte sie 1914 zunächst begrüßt, dann aber tief abgelehnt.
Dem Kampf um die Rechte der Frauen galt ihre besondere Aufmerksamkeit: Während ihr Mann sich der Demokratischen Partei anschloss, wurde sie Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Im Gegensatz zu Clara Zetkin trat sie für eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung ein und hat diese Zusammenarbeit auch immer praktiziert.

SPD-Frauen und Friedrich Ebert. Aufgenommen 1919 vor dem Reichstag in Berlin aus Anlass der Ernennung Eberts zum Reichspräsidenten.


Als die Frauen endlich in der Weimarer Republik das Wahlrecht erhielten, wurde Henriette Fürth von 1919-1924 sozialdemokratische Stadtverordnete und war an wichtigen Ausschüssen beteiligt. In scharfen und leidenschaftlichen Redebeiträgen verlangte sie die demokratische Entwicklung der Schulen, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Veränderungen in der Wohlfahrtspflege. In den gleichen Jahren engagierte sie sich auch für die soziale Arbeit der Arbeiterwohlfahrt, einer sozialdemokratischen Organisation.
Obwohl sie keinen akademischen Abschluss hatte, wurde sie zum Mitglied des Kuratoriums der Frankfurter Universität berufen. Schon bei der Gründung hatte sie sich sehr für den Charakter einer Stiftungsuniversität eingesetzt, die verfassungsmäßig gewährleistet, dass Juden bei der Besetzung von Professorenstellen nicht benachteiligt werden.
Als erste Frau wurde Henriette Fürth in die „Deutsche Gesellschaft für Soziologie“ aufgenommen. 1931 erhielt sie – aus Anlass ihres 70. Geburtstags – die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. 1933 entließen die Nationalsozialisten sie aus allen Ämtern. Ihre Kinder verließen Deutschland. Sie selber zog sich zurück und lebte im Haus einer Tochter in Bad Ems, wo sie 1938 starb. Zwei Töchter, die in die Niederlande ausgewandert waren, starben in Konzentrationslagern. Zur Zeit ihres Todes war Henriette Fürth bereits weitgehend in Vergessenheit geraten, und dieses Vergessen hielt lange an. Das änderte sich erst in den 60er Jahren, als 1965 eine Straße nach ihre benannt wurde, und die ersten Studien über die Frauenbewegung entstanden, in denen sie berücksichtigt wurde.

Henriette Fürth war keine Glaubensjüdin. Schon ihr Vater hatte sich von der orthodoxen Lebensweise gelöst, während ihre Mutter ihr weiterhin folgte. Henriette Fürth aber sah in der dogmen- und vorschriftenfreien Lebensweise eine höhere Stufe der Menschlichkeit. Sie war eine sehr bewusste Jüdin und hatte eine tiefe Bindung an das jüdische Volk. Ihre Herkunft und die Erfahrungen der Kindheit, das kulturelle Erbe und das Schicksal der Juden waren die Grundlage ihrer Identifikation. Das von Unterdrückung, Verfolgung, Ausgrenzung und Zurücksetzung geprägte „Schicksal der Juden“ war dabei die stärkste Kraft.
1901 gründete sie zusammen mit Bertha Pappenheim den Verein „Weibliche Fürsorge“ und wenige Jahre später den „Jüdischen Frauenbund“. Die Zusammenarbeit dieser beiden engagierten Frauen scheiterte jedoch.
In mehreren Beiträgen der Zeitschrift des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und im Jüdischen Frauenbund setzte sie sich mit Assimilation und Antisemitismus, den Konflikten von Juden und der Judenzählung im Ersten Weltkrieg auseinander. Insbesondere bemühte sie sich darum, den Frauen ihre Aufgaben nahe zu bringen, durch die Erziehung ihre Kinder zu starken und bewussten Juden zu bilden. Sie beobachtete scharf jede Beeinträchtigung der Gleichberechtigung der Juden in Deutschland und forderte Abhilfe.

Die Anzahl ihrer Bücher, Aufsätze und journalistischen Artikel ist außerordentlich umfangreich; ebenso die Bandbreite der von ihr bearbeiteten Themen. Sie veröffentlichte im Laufe der Jahre etwa 30 Bücher und rund 200 Zeitschriftenartikel sowie einen Gedichtband „Vineta“. Hier eine Auswahl ihrer Publikationen:

  • Ungedruckte Erinnerungen: „Streifzüge durch das Land eines Lebens. An meine Kinder“, diktiert 1931/32
  • Henriette Fürth, Die Fabrikarbeit verheirateter Frauen, Frankfurt a.M. 1902
  • Die geschlechtliche Aufklärung in Haus und Schule, Leipzig 1903
  • Kulturideale und Frauentum, Leipzig 1906
  • Die Berufstätigkeit des weiblichen Geschlechts und die Berufswahl der Mädchen, Leipzig 1908
  • Die Mutterschaftsversicherung, Jena 1911
  • Staat und Sittlichkeit, Leipzig 1912
  • Kleines Kriegskochbuch. Ein Ratgeber für sparsames Kochen, Frankfurt a.M., 1915
  • Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten als bevölkerungspolitisches, soziales, ethisches und gesetzgeberisches Problem, Frankfurt a.M. 1920
  • Das Bevölkerungsproblem in Deutschland, Jena 1925



Literatur
  • Irmgard Maya Fassmann, Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung 1865 - 1919, Hildesheim u.a. 1996
  • Helga Krohn, „Du sollst Dich niemals beugen“: Henriette Fürth, Frau, Jüdin, Sozialistin. In: Juden in Deutschland. Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung, Hrsg. Peter Freimark u.a., Hamburg 1991
  • Angelika Epple, Henriette Fürth und die Frauenbewegung im deutschen Kaiserreich, Pfaffenweiler 1996
  • Helga Krohn, Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin, Publizistin. Henriette Fürth, in: Sabine Hering (Hrsg.), Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien, Frankfurt a.M. 2007

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2008, aktualisiert am: 23.09.2008