Entrechtet und entehrt nimmt sich Autor Ludwig Fulda (1862–1939) das Leben

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„Nun muß es sein. Ich kann es nicht länger ertragen, dir durch meine bloße Existenz eine Kette von Leiden aufzuerlegen, die weiter andauern und aller Wahrscheinlichkeit nach sich noch verschärfen würden. Ich habe keine Hoffnung mehr, weder hinauszukommen noch eine Änderung zu erleben …“ (Ludwig Fulda, 29. März 1939)
Ludwig Anton Salomon Fulda kommt am 15. Juli 1862 in Frankfurt am Main zur Welt. Er entstammt einer seit dem 17. Jahrhundert hier ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie. Sein Vater Carl Hermann Fulda (1836-1917) leitet die Kohlengroßhandlung „Anton Fulda“, sein Großvater Julius Oppenheimer (1812-1869) war der erste jüdische Stadtrat Frankfurts. Nach dem Besuch des Philanthropins und ab 1874 des Städtischen Gymnasiums studiert er Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Berlin und Leipzig. 1883 wird er in Heidelberg promoviert.
Bereits während des Studiums arbeitet Fulda als freier Bühnenautor; eine Universitätskarriere reizt ihn nicht, obwohl er als Mitarbeiter historisch-kritischer Publikationen und einer Übersetzung des „Meier Helmbrecht“ aus dem Mittelhochdeutschen bereits hervorgetreten war. Fuldas Erstlingswerk, das Lustspiel „Die Aufrichtigen“, wird 1883 in Frankfurt uraufgeführt; die hiesige Presse attestiert ihm damals „völlige Talentlosigkeit“. Als sein Hauptwerk gilt das symbolistische Märchendrama „Der Talisman“ (1893), eine Variation von „Des Kaisers neue Kleider“. Es bringt ihm die Nomination für den Schiller-Preis ein, der ihm jedoch wegen des Einspruchs Kaiser Wilhelms II. versagt bleibt. Fuldas Boulevardstücke, satirische Komödien, Märchen, Schwänke und Tragödien, die einer „gemäßigten Moderne“ zuzurechnen sind, zählen um die Jahrhundertwende zu den populärsten überhaupt. Als sie nach Aufkommen des Expressionismus weniger oft auf die Spielpläne gesetzt werden, verfasst er verstärkt Gedichte, Novellen, Essays und persönliche Erinnerungsbücher. Außerdem tritt er als allseits anerkannter Übersetzer von Molière, Shakespeare, Ibsen, Beaumarchais und Rostand hervor.
Der Autor gehört 1889 zu den Gründern der Freien Bühne in Berlin, die er von 1898 bis zur Auflösung 1901 leitet.
Meist in München und Berlin lebend hält sich Fulda immer wieder zu Vorträgen in seiner Heimatstadt auf und schreibt auch das Vorspiel zur Eröffnung des neuen Frankfurter Schauspielhauses am 1. November 1902. Ludwig Fulda engagiert sich für die Geistesfreiheit und Standesinteressen von Autoren. So steht er etwa 1906 an der Spitze einer erfolgreichen Protestaktion für den verhafteten Schriftsteller Maxim Gorki. Außerdem erreicht er eine Verlängerung des Urheberschutzes von 30 auf 50 Jahre. Er gehört 1928 zur deutschen Delegation der Urheberrechtskonferenz in Rom und amtiert von 1923 bis 1928 als erster Präsident des Deutschen PEN-Zentrums. Fulda ist Initiator und Leiter des Goethe-Bundes, 1926 Gründungsmitglied der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste und zeitweise Vizepräsident von deren neuer Sektion Literatur. An Auszeichnungen erhält er unter anderen 1932 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und zweimal den Wiener Burgtheater-Ring.
Obgleich deutsch-national gesinnt, wird Fulda 1933 aus der Akademie der Künste ausgeschlossen. Auch seine Stücke, die 1932 noch 429 Aufführungen erlebten, dürfen nicht mehr gespielt werden; zwei Jahre später folgt das Schreibverbot. Den Burgtheater-Ring soll der so erfolgreiche und nunmehr verfemte Bühnendichter bei der für Juden obligatorischen Edelmetallabgabe abliefern. Seinen Wunsch nach einer Ausnahme erfüllt das Wirtschaftsministerium nicht.
Aus Verzweiflung und um seine nicht-jüdische Ehefrau vor weiterer Verfolgung zu schützen, nimmt sich Ludwig Fulda am 30. März 1939 in Berlin das Leben.
Ludwig Fulda ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur und Quellen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.)/Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
  • Wolfgang Klötzer (Hg.), Frankfurter Biographie, Frankfurt am Main 1996, Bd. 2, S. 233 f.
  • Institut für Stadtgeschichte S 2/420.
  • Nachlass im Freien Deutschen Hochstift, darunter die Tagebücher von 1879 bis 1939.

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