Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg

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Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg um 1930

Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg gilt als Herzstück des Lebenswerkes Bertha Pappenheims. In ihm wurden ihre wichtigsten religiösen und sozialen Ziele verwirklicht, sie formulierte die Grundidee und Erziehungsleitlinie und investierte in das Heim einen großen Teil ihres Vermögens.
Besonders durch ihre Arbeit im Kampf gegen den Mädchenhandel war Bertha Pappenheim inspiriert worden, ein Heim zu schaffen, das „gefährdeten“ Mädchen und Frauen, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft keine Unterstützung fanden, eine Alternative bot.

Das Heim in Neu-Isenburg war die erste jüdische Einrichtung für „gefährdete“ oder „moralisch kranke“ Frauen mit Kindern. Unter diese Begriffe wurden z. B. ehemalige Prostituierte ebenso wie ledige Mütter und straffällig gewordene Frauen, schwer erziehbare Kinder und Jugendliche oder geistig zurückgebliebene Mädchen gefasst. Auch andere sozial randständige Gruppen, wie uneheliche Kinder und Pogromwaisen, wurden im Heim aufgenommen. Werdende Mütter sollten in Isenburg in einer „rein jüdischen Umgebung“ Sicherheit und Geborgenheit erfahren. Neben Deutschen fanden auch Kinder und Frauen aus Osteuropa Aufnahme. Eine Adoptionsvermittlungsstelle bemühte sich darum, Waisenkinder in geeignete jüdische Pflegefamilien zu vermitteln. Der hessische Ort Isenburg war bewusst gewählt worden, weil Hessen unmittelbar an der Grenze zu Preußen lag und hier wesentlich mildere Gesetze für „Staatenlose“ galten. Die Gemeinde Isenburg machte allerdings die Auflage, dass sich das Heim wirtschaftlich selbst tragen müsse. Ab 1933 fungierte Isenburg verstärkt als Ausbildungsstätte für Hauswirtschaft, Kinder- und Säuglingspflege.
Als Bertha Pappenheim 1907 ihre Idee eines Heimes für „Gefährdete“ vorstellte, stieß sie zunächst auf helle Empörung. Gegner unterstellten, dass sie auf Jagd nach „gefallenen Mädchen“ gehe und in Isenburg einen „Hafen für die Unsittlichkeit“ begründe. (Posner. S. 9) Die Mitarbeiterin Frieda Posner erinnerte sich an die Anfangsschwierigkeiten:
„Rückblickend gilt es sich klar zu machen, wie bahnbrechend neu – und daher auf Widerstand stoßend – der Geist dieses neuen Heims gewesen ist, in dem man wie selbstverständlich aus einfachster Lebensanschauung heraus jeden aufnahm, der aufnahmebedürftig war, wo man keine ,gefallenen Mädchen‘ kannte [...].“ (Ebd., S. 138.)
Wie in bürgerlichen Kreisen insgesamt war auch in der jüdischen Gemeinschaft das öffentliche Sprechen über Sexualität ein Tabu und eine ledige Mutter oder Prostituierte eine „persona non grata“. Viele Juden verleugneten – auch aus Angst vor Antisemitismus – die Existenz von unehelichen Kindern oder wollten sich zumindest nicht näher mit ihnen befassen. Es traf auf Unverständnis, dass Bertha Pappenheim ohne moralischen Vorbehalt alle aufnahm und ihnen sogar besonderen Schutz zukommen lassen wollte.

Bewohnerinnen des Heims des Jüdischen Frauenbundes beim Ausflug nach Wiesbaden, 1926


Gegen allen Widerstand konnte sich die Idee Bertha Pappenheims schließlich durchsetzen. 1907 wurde das Heim eröffnet, das nach elf Jahren aus vier Häusern bestand. 1914 wurde Haus II für schwangere Mütter, Säuglinge und Kleinkinder eröffnet und 1917 Haus III für erziehungsbedürftige Schulkinder. Dieses Haus nahm im Ersten Weltkrieg elternlose, erholungs- und erziehungsbedürftige Kinder aus West- und Osteuropa auf. Ab 1932 wurde es aus Geldmangel vermietet. 1918 wurde Haus IV eröffnet, ein Wohnhaus für Schülerinnen, das zugleich als provisorische Isolierstation diente. Das Haus war ein Geschenk Bertha Pappenheims. Während das Heim 1908 lediglich zehn Zöglinge (einen Säugling, zwei Kleinkinder, ein Schulkind, zwei Schwangere und vier Mütter) aufgenommen hatte, waren es 1928 schon 152 (16 Säuglinge, 58 Kleinkinder, 23 Jugendliche, 37 Schwangere und 18 Mütter). Bis zur Zwangsauflösung 1942 hatten ca. 1750 Menschen Zuflucht im Heim gefunden.

Kinder und Betreuerinnen vor dem Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg um 1930


Wie in einer traditionell-jüdischen Familie sollte in Isenburg religiöse Alltags- und Festtagskultur gelebt und vermittelt werden. Deshalb richtete sich das Leben im Heim nach dem jüdischen Festkalender, und die Speisegebote wurden eingehalten.
Hannah Karminski beschrieb die Stimmung folgendermaßen: „Ganz selbstverständlich umfängt schon die Kleinkinder die jüdische Atmosphäre des Heims. Daß die Buben zum Essen ihr Käppchen aufsetzen, daß Segensspruch und Tischgebet gesprochen wird, daß der Sabbat sein anderes, festliches Gesicht hat – ausgezeichnet durch Kleidung, Essen, aber auch dadurch, daß man keine Blumen abpflücken darf –, daß es Freitagabend- und Chanukka-Lichte, eine Laubhütte und an besonderen Tagen Gottesdienst gibt, gibt schon ihrem Leben seinen Rhythmus.“ (Karminski, S. 184f.)

Anzeige des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, um 1935


Nach Bertha Pappenheims Tod 1936 war das zu Anfang so umstrittene Heim selbst von ehemaligen Gegnern dieser Idee nicht mehr wegzudenken. Der Weg Isenburgs wurde jedoch gewaltsam abgeschnitten. Haus I, das im Ersten Weltkrieg als Lazarett gedient hatte, wurde am 9. November 1938 vor den Augen der Kinder abgebrannt. Die Heimleiterin Helene Krämer berichtete von der Nacht:
„Wir standen alle, Säuglinge, die wir in Körbchen hinaustrugen, Kleinkinder, Jugendliche und Angestellte, über eine Stunde in der kalten Winternacht im Garten bei dem grausigen Anblick des Brandes der Hauses und Knistern der alten Bäume, plötzlich erlag die elektrische Leitung, wir standen in finsterer Nacht, das Geschrei und Jammern der Kinder war so entsetzlich und herzzerreißend, daß sogar die Barbaren etwas Mitleid hatten und uns erlaubten, in ein Haus zu gehen und verlangten Geld für Kerzen. […] Einige Mädchen erlitten Herzanfälle, so daß wir gezwungen waren, einen christlichen Arzt zu rufen, der mit Kerzenlicht sich durch die Trümmer durcharbeiten mußte. Die Feuerwehr kam erst sehr spät, Das Heim brannte und glimmte noch den nächsten Tag.“ (Krämer, S. 198.)

1942 wurden die noch anwesenden Heimkinder und Erzieherinnen deportiert und in Konzentrationslagern ermordet, die verbleibenden Häuser des Heimes wurden der Hitlerjugend zur Verfügung gestellt. Heute ist der Ort Seminar- und Gedenkstätte.


Literatur
  • Hannah Karminski, 30 Jahre Isenburg, in: Helga Heubach (Hg.), Das unsichtbare Isenburg. Über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907-1942, Neu-Isenburg 1994
  • Helene Krämer, Bericht über die Pogromnacht, in: Helga Heubach (Hg.), Das unsichtbare Isenburg. Über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907-1942, Neu-Isenburg 1994
  • Frieda Posner, Isenburg als Lehrmittel (1934), in: in: Helga Heubach (Hg.), Das unsichtbare Isenburg. Über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907-1942, Neu-Isenburg 1994

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