Das „Frankfurter Hilfswerk des Oberbürgermeisters“ oder: Für die „Volksgemeinschaft“

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„Wenn viele führende Persönlichkeiten des Nationalsozialismus diesen Idealismus und diese Klarheit besitzen wie der Oberbürgermeister, dann werde ich gerne meine ablehnenden Ansichten über diese Regierungsform revidieren.“ Elisabeth Kurtz, 1933

Im Herbst 1933 rief Friedrich Krebs, während der NS-Zeit Stadtoberhaupt der Main-Metropole, ein „Frankfurter Hilfswerk des Oberbürgermeisters“ ins Leben. Dessen karitative Tätigkeit sollte sich auf die Künstler-, Familien- und Schwangerenfürsorge erstrecken. Um Spendengelder einzuwerben, kontaktierte der Initiator angesehene Damen der Stadtgesellschaft, die ihren Einfluss bei Banken und in der Industrie für Zuwendungen zugunsten der nicht durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) betreuten „verschämtem Armen, Künstler und arbeitsunfähigen Handwerker“ geltend machen sollten. Unter anderen empfahl sich die bekannte Kunstsammlerin und Mäzenin Lilly von Schnitzler, Gattin des IG Farben-Managers Georg von Schnitzler – 1947 musste er sich im Nürnberger IG-Farben-Prozess verantworten.

„Tafelrunden“: Nazis und Stadtelite an einem Tisch
Krebs‘ Kontaktpflege mit der Oberschicht festigte seinen Ruf in der Nachkriegszeit, die kommunalpolitische Entwicklung speziell im kulturellen Bereich während der NS-Zeit positiv beeinflusst zu haben. Exemplarisch verwiesen spätere Entlastungszeugen wiederholt auf die Verhinderung der Universitätsauflösung oder die „Rettung“ privater Sammlungen und Stiftungen vor dem Zugriff der NSDAP. Dabei bedeutete „Rettung“ in Krebs‘ Verständnis jedoch Bereicherung zu Gunsten städtischer Museumsbestände, gewinnmaximierende Veräußerung von zwangsweise beschlagnahmten Kunstgegenständen und widerrechtliche Umwidmung von Stiftungszwecken. Die hinter den kulturellen Initiativen stehenden Menschen interessierten ihn nicht; deren Verfolgung und Vernichtung nahm er billigend in Kauf.
Mit ihrer just 1933 ins Leben gerufenen „Tafelrunde“ versuchte Frau von Schnitzler die lokale nationalsozialistische Führungsclique mit den Frankfurter Kulturschaffenden regelmäßig an einen Tisch zu bringen. Krebs soll der prominenteste Gast gewesen sein; aber auch der Generalintendant der Städtischen Bühnen Hans Meissner und sein Chefdramaturg, der Parteikarrierist Friedrich Bethge, gingen im Hause von Schnitzler ein und aus.
Nach einer konstituierenden Sitzung am 15. Oktober 1933 wurde mit der Sammeltätigkeit begonnen. Die Liste der Anwesenden im Protokoll soll – so Stiftungschronist Helmut Mann – einem Who’s who der Frankfurter Oberschicht geglichen haben; darunter Ines Bally, Fanny de Bary, Hilda Berg, Maximiliane Freifrau von Bethmann, Margarete Landgräfin von Hessen, Prinzessin Wolfgang von Hessen, Oberbürgermeistergattin Helene Krebs, Elisabeth Kurtz, Mia von Metzler und Lilly von Schnitzler. Bereits zwei Monate später warteten die emsigen Helferinnen mit einer Spendensumme von 40.000 Reichsmark auf.

„Hilfswerk“ versus „Winterhilfswerk“
Dieses wohltätige Treiben in höchsten Kreisen jenseits offizieller Parteiaktivitäten weckte bald das Misstrauen des Gauleiters. Jakob Sprenger vermutete in dem ursprünglich von ihm selbst genehmigten „Hilfswerk“ eine Konkurrenzeinrichtung zum „Winterhilfswerk“, das ebenfalls Sammel- und Spendenaktionen veranstaltete. In einem Schreiben vom 2. Oktober 1934 belehrte er den Oberbürgermeister, dass es nur zwei Arten der Hilfe geben könne, nämlich die parteiamtliche der NSV sowie die behördliche Hilfe. Vorsorglich verfügte er die Auflösung der Organisation des Oberbürgermeisters und die Eingliederung des Personals in das „Winterhilfswerk“.
Um den Zugriff auf das Vermögen zu verhindern, gliederte Krebs sein „Hilfswerk“ umgehend der bereits 1912 gegründeten Heussenstamm-Stiftung an. Deren Leiterin Elisabeth Kurtz kannte er bereits, denn sie koordinierte den oben erwähnten Damenclub. Die nach dem linksliberalen Sozial- und Bildungspolitiker Karl Jacob Moritz Heussenstamm benannte Einrichtung verfolgte ebenfalls gemeinnützige Zwecke und war Anfang 1935 die einzige soziale Einrichtung mit Sammeltätigkeit in Frankfurt, die noch neben der NSV bestand. An der neuen Satzung, die etwa zu diesem Zeitpunkt in Kraft trat, hatte der Oberbürgermeister maßgeblich mitgewirkt. Der aus seiner Sicht kluge Schachzug gegen den Parteiaktivismus Sprengers erweckte offensichtlich im Umfeld der Stiftung den Eindruck, Krebs hätte die Seite gewechselt und würde nunmehr auf Oppositionskurs gehen. Denn bislang hatte es die Heussenstamm-Stiftung ausgezeichnet, auch antisemitisch oder politisch verfolgte Künstler finanziell zu unterstützen. Und obwohl Krebs im September 1937 ganz linientreu und eindeutig verfügte, „dass die Erträge der Stiftung ausschließlich für bedürftige deutsche Volksgenossen zu verwenden“ seien, hielt sich diese Einschätzung – bis in die jüngere Vergangenheit. So fragte sich Wilfried Ehrlich, früher Chronist der Heussenstamm-Stiftung, noch 1983: „Oder zeigte sich der Oberbürgermeister hier doch als waschechter Nationalsozialist?“

Rassismus und Ausgrenzung
Allein Krebs‘ „Karrieren“ in „Kampfbund für Deutsche Kultur“, Reichskultursenat und Präsidialrat der Reichsmusikkammer hätten die Mitstreiter skeptisch machen können. Kaum zweideutig war auch der Tenor seiner öffentlichen Spendenaufrufe für das „Hilfswerk“. So hieß es unmittelbar nach dessen Gründung: „Wenn bisher die artbewußte völkische Kunst eine Zurückhaltung erlebte, so kann der Aufbau eines neuen künstlerischen Lebens nur in Verbindung mit dem Wiederaufnehmen bodenwüchsiger Überlieferung geschehen.“ Was diese Aussage konkret für „missliebige“ Künstlerinnen und Künstler bedeutete, führte der Oberbürgermeister im Verwaltungsbericht für das Jahr 1934/35 aus. Diese, dort von Krebs als „unzulängliche, nicht lebensfähige Halbkünstler“ diffamiert, sollten „auf einen außerhalb künstlerischer Betätigung liegenden Weg der Fürsorge gebracht werden“. Solche sozialdarwinistischen Töne enthielt auch ein Aufruf zur Hilfe für schwangere Frauen. Darin forderte Krebs potentielle Spender auf, nur „das wertvolle Volksgut … und seine Vermehrung“ finanziell zu unterstützen, damit die Zuwendungen nicht „der Stärkung des Minderwertigen“ dienten. Diese Bitte passte in etwa zur Tagespolitik, denn zwischenzeitlich war es Krebs erfolgreich gelungen, Frankfurt im Reich als ein Zentrum für Erbbiologie und Rassenhygiene zu etablieren.
Im Zusammenspiel mit den einflussreichen Damen baute Krebs seine Kontakte innerhalb des Frankfurter Bürgertums aus. Die vereinnahmten Gelder wurden ab 1935 laut neuer Satzung der Heussenstamm-Stiftung – unter maßgeblicher Mitwirkung des Stadtoberhauptes – vom städtischen Kulturamt verwaltet und im Sinne der NS-Ideologie an „würdige“ Hilfsbedürftige verteilt. Insofern gab es keine erkennbare Distanzierung von den Aktivitäten des „Winterhilfswerks“, das ebenfalls nur „deutsche Volksgenossen“ unterstützte. Im Gegenteil: In einem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Frankfurt umschrieb es Krebs als ein „Gebot des Sozialismus der Tat, das große Werk der Winterhilfe und der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt durch besondere Maßnahmen zu ergänzen“. Damit mag er unausgesprochen auch sein „Hilfswerk“ gemeint haben. Aber es gab noch weitere „besondere Maßnahmen“. So gingen 1938 die Stiftung für Heimarbeiter sowie die Peter-Wilhelm-Müller-Stiftung in der Heussenstamm-Stiftung auf. Was real abermals widerrechtliche Änderungen von Stiftungszwecken bedeutete – die 1910 gegründete Heimarbeiter-Stiftung hatte nämlich Bedürftigen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses Unterstützung gewährt – liest sich noch in der Heussenstamm-Chronik von 2005 verharmlosend so, dass „Krebs weiterhin bemüht war, mildtätige Stiftungen vor dem Zugriff der NSV zu retten“.
Zu keiner Zeit ließ der Oberbürgermeister einen Zweifel an seiner politischen Haltung, und wenn es ihm gleichwohl gelang, sich innerhalb der genannten nichtjüdischen Kreise als integeres und fürsorgliches Stadtoberhaupt zu präsentieren, dann musste es unter deren Protagonisten gewissermaßen zumindest ein stillschweigendes Einverständnis gegeben haben. Das spätere beharrliche, beinahe komplizenhafte Zusammenspiel der Entlastungszeugen für Krebs im Entnazifizierungsverfahren scheint darauf zu verweisen. Womit auch die noch immer nicht beantwortete Frage nach dem offenkundigen Versagen bürgerlicher Eliten berührt wäre.

Mit der Broschüre „Die Heussenstamm-Stiftung – Geschichte, Aufgaben und Dokumentation“ legte die Institution 2010 eine Publikation vor, die endlich auch die wechselvolle Historie der Einrichtung, besonders ihre Kooperation mit der NS-Stadtregierung kritisch hinterfragt.



Literatur und Quellen
  • Heike Drummer, „…dem Wahren, Schönen und Guten zu dienen“
  • Friedrich Krebs (1894-1961) – Oberbürgermeister in der NS-Zeit, in: Stadtoberhäupter, AFGK 73 (2011), S. 195-222
  • Wilfried Ehrlich, Fünfzig Jahre Treue um Treue. Die Geschichte der Heussenstamm‘schen Stiftung, Frankfurt am Main o. J. [1983].
  • Karin Görner, Die Heussenstamm-Stiftung – Geschichte, Aufgaben und Dokumentation. Hg. Heussenstamm-Stiftung, Frankfurt am Main 2010.
  • Helmut Mann, Geschichte der Heussenstamm-Stiftung. Hg. Heussenstamm-Stiftung, Frankfurt am Main 2005.
  • Lilly von Schnitzler, Frankfurt zwischen den beiden Weltkriegen (Tonbandaufzeichnung vom 5. März 1962), Institut für Stadtgeschichte, S 5/364.
  • Institut für Stadtgeschichte, Stiftungsabteilung 196

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  NS-Volkswohlfahrt;   I.G. Farbenindustrie AG Hauptverwaltung;   Winterhilfswerk (WHW);  

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