Dr. Hoch’s Konservatorium nach 1918 und seine Umwandlung in eine Musikhochschule

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Dr. Hoch’s Konservatorium wurde 1878 als Stiftung des Frankfurter Bürgers Joseph Hoch (1815-1874) gegründet. Die private musikalische Ausbildungsanstalt hatte laut Testament des Stifters „die Förderung der Musik in jeder Weise und die unentgeltliche Unterweisung unvermögender musikalischer Talente in allen Zweigen der Tonkunst“ zur Aufgabe. Die 1933 versuchte und 1938 gelungene Degradierung dieser Institution durch die Gründung der Hochschule für Musik und die damit einhergehende Zweckentfremdung des Stiftungsvermögens bilden das Ende einer Kette von Ereignissen, die weit in die Weimarer Republik zurückreicht.
Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg hatte zur Folge, dass das Stiftungskapital bedrohlich stark schrumpfte und das Institut von der Schließung bedroht war. Das Kuratorium der Stiftung wandte sich an die Stadt Frankfurt sowie auch an den Staat mit der Bitte um finanzielle Hilfe. Als Privatinstitution bestand jedoch keinerlei Rechtsanspruch auf eine staatliche Unterstützung. Leo Kestenberg, Musikreferent im preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, verfolgte darüber hinaus eine Politik, der Institutionen wie das Hoch’sche Konservatorium ein Dorn im Auge waren. Aus seiner Sicht handelte es sich um elitäre Privatinstitutionen, die nutzloses Virtuosentum hervorbrachten anstatt „Gebrauchsmusiker“ auszubilden. Er sah in dieser Situation die Chance, an die finanzielle Unterstützung des Konservatoriums dessen Verstaatlichung und Umwandlung in eine Musikhochschule zu knüpfen. Sowohl diese Verstaatlichung als auch die neue inhaltliche Ausrichtung waren aber nicht mit dem Willen des Stifters vereinbar. Darüber hinaus gab es erhebliche Differenzen bezüglich der personalpolitischen Vorstellungen des Stiftungskuratoriums auf der einen und der Stadt Frankfurt und des Ministeriums auf der anderen Seite. Noch während dieser Verhandlungen wurde 1923 der Direktor des Konservatoriums, Waldemar von Bausznern, entlassen; er hatte sich zuvor mehrfach mit dem Kuratorium der Stiftung angelegt, da er die Interessen des Kollegiums in der schwierigen finanziellen Lage nicht ausreichend vertreten sah.
Dieser Umstand bot Leo Kestenberg die Möglichkeit, den von ihm bevorzugten Kandidaten Hans Mersmann zu lancieren. Allerdings musste zuvor die Umwandlung des Konservatoriums in eine Hochschule erfolgen, da bis dahin alle Personalentscheidungen in den Händen des Kuratoriums lagen. Das Kuratorium ernannte aber zwischenzeitlich Bernhard Sekles zum Direktor, eine Entscheidung, die Kestenberg verärgerte, denn neben politischen Differenzen war Sekles ein Kandidat, der „als geborener Frankfurter und ehemaliger Schüler des Hoch’schen Konservatoriums enger mit der Tradition der Anstalt und der Stadt verbunden (war) als Kestenberg lieb sein konnte“ (Cahn 1979, S. 246).
Daher ging man von Seiten des Ministeriums zu einem anderen Plan über, der nun aber für die Stadt nicht ohne weiteres akzeptabel war, da er zusätzliche Kosten verursachen würde. Der Plan bestand darin, eine von Dr. Hoch’s Konservatorium unabhängige Musikhochschule zu gründen, die als schulmusikalische Ausbildungsanstalt dienen sollte und dem Konservatorium, das als private Anstalt keine staatlich anerkannten Abschlüsse für Musiklehrer vergeben konnte, unweigerlich Konkurrenz machen würde. Die zögerlichen und umständlich geführten Verhandlungen zwischen Vertretern der Stadt und des Ministeriums dauerten so lange an, bis die Auswirkungen der Wirtschaftskrise den Plan schließlich zum Scheitern brachten. Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung strich 1929 die für die Gründung der Musikhochschule in Frankfurt eingeplanten Geldmittel aus seinem Etat; sie waren seit 1924 stets bereitgehalten worden.
Gegen Ende der Weimarer Republik war das Hoch’sche Konservatorium von ständig wachsenden Zuschüssen der Stadt abhängig. Dies spiegelte sich auch in der Zusammensetzung des Kuratoriums der Stiftung: drei von acht Sitzen hatten mittlerweile Vertreter der Stadt inne. „Die Unabhängigkeit des Konservatoriums war in einem schleichenden Prozeß verlorengegangen, ohne daß sich sein Status gebessert hätte.“ (Hanau 1994, S. 14)
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 erfuhr das Stiftungskuratorium personelle Veränderungen: Neben Oberbürgermeister Friedrich Krebs traten Willi Stöhr, Adjutant des Gauleiters Jakob Sprenger, und ab Oktober 1933 der Generalintendant der Städtischen Bühnen, Hans Meissner, bei. Zum neuen Vorsitzenden wurde der Rechtsanwalt Dr. Hans Rumpf ernannt, dessen erste Aufgabe die „Säuberung“ der Institution war. Der „Ausschuss zur Reorganisation des Dr. Hochschen Konservatoriums“ legte am 10. April 1933 einen Bericht vor, der die Entlassung des Direktors Bernhard Sekles sowie 13 weiterer Lehrkräfte vorsah, betroffen waren u. a. Mátyás Seiber, Leiter der Jazzklasse, Herbert Graf, Leiter der Opernschule, und der Geiger Adolf Rebner.
Als neuer Direktor wurde der Erste Kapellmeister der Oper, Bertil Wetzelsberger, eingesetzt; er übte diese Funktion nebenamtlich aus, wodurch die Stadt Sparsamkeit demonstrieren konnte. Auch in einem weiteren Punkt sollte Ludwig Landmann im Nachhinein ein Versagen unterstellt werden: indem man nun möglichst zügig die Umwandlung des Konservatoriums in eine Städtische Musikhochschule vollzog. Allerdings hatte dies auch Gründe, die hausgemacht waren: Durch die Entlassung der jüdischen Lehrer waren dem Konservatorium zahlreiche Schüler verlorengegangen, so dass sich die seit Ende der 20er Jahre im Schwinden begriffene Schülerschaft noch weiter dezimierte. Dies bedeutete erhebliche finanzielle Einbußen und einen erhöhten Subventionsbedarf durch die Stadt. Daher beabsichtige Krebs auch, im Zuge der Hochschulgründung „die Hoch’sche Stiftung in irgendeiner Form auf die Stadt zu überführen“ (zit. n. Hanau 1994, S. 54). Die im Sommer 1933 eilig betriebene Hochschulgründung erwies sich aber als Farce, da Formfehler gegenüber dem preußischen Kultusministerium gemacht wurden, das die staatliche Anerkennung des Konservatoriums als Hochschule hätte erteilen sollen. Die Bezeichnung „Hochschule“ musste daraufhin wieder zurückgenommen werden.

Zeugnis der verwirrenden Namensgebung: Einladung zu den Eröffnungsfeierlichkeiten der Musikhochschule am 15. und 16. Mai 1938.


Ende 1936 trat eine neue Satzung in Kraft, die die Selbstbestimmung des Konservatoriums endgültig beendete und das Stiftungskuratorium durch ein Gremium ersetzte, das ausschließlich aus Vertretern der Stadt und des Staates bestand. Die Hochschulgründung konnte nun ohne jeglichen Widerstand durch die Stiftung betrieben werden. „Durch Stadtrat Keller vertreten, schloß die Stiftung Dr. Hoch’s Konservatorium am 19. Oktober 1937 einen Vertrag mit der Stadt Frankfurt am Main, vertreten durch den Oberbürgermeister, über die Gründung einer Hochschule: ein Kontrahieren der Stadt mit sich selbst, bei dem die Interessen der Stiftung nicht angemessen vertreten waren und dessen Rechtswirksamkeit bezweifelt werden kann.“ (Hanau 1994, S. 114) Die Vereinbarung sah vor, dass das Konservatorium alle berufsbildenden Abteilungen an die Musikhochschule abtreten sollte; auch die Erträge aus dem Stiftungskapital – die privatrechtliche Stiftung blieb weiterhin erhalten – sollten der Hochschule zufließen. Dem Konservatorium blieb das Betreiben einer „Vorschule“, also der Unterricht für Kinder und erwachsene Laien. Was nach außen hin wie eine Aufwertung des Hoch’schen Konservatoriums zu einer Musikhochschule aussah, war de facto sein Beschneidung, Degradierung und Enteignung.

In der Bildmitte das zerstörte Gebäude des Konservatoriums in der Eschersheimer Landstraße 4 nach dem Angriff im Oktober 1943. Rechts davon das ebenfalls schwer beschädigt Vollksbildungsheim


Am 1. April 1938 wurde die „Staatliche Hochschule für Musik in Frankfurt am Main – Dr. Hoch’s Konservatorium“ eröffnet. In der komplizierten Namensgebung schlagen sich die juristischen Spitzfindigkeiten nieder, die der Gründung der Hochschule vorausgegangen waren. Der Zusatz „Dr. Hoch’s Konservatorium“ wurden in der Folge schleichend fallen gelassen. Nach der Zerstörung des Gebäudes in der Eschersheimer Landstraße 4 am 4. Oktober 1943 wurde der Unterricht in ein Ausweichquartier verlegt. Im Herbst 1944 wurde die Musikhochschule geschlossen.
Ihre Wiederbelebung erfolgte 1947. Vier Jahre später wurde der Unterricht an Dr. Hoch’s Konservatorium wieder aufgenommen. Zwar war die Musikhochschule seit ihrer Gründung 1938 staatlich anerkannt, sie bekam aber keinerlei staatliche Unterstützung. Friedrich Krebs hatte für die Stadt weitreichende finanzielle Zusagen getroffen, deren Auswirkungen bis tief in die Nachkriegszeit hinein reichten. Erst 1968 ging die Trägerschaft der Hochschule und damit ein großer Teil der finanziellen Verantwortung von der Kommune an das Land Hessen über.
Auch die Frage, welche Rolle das Konservatorium in Zukunft zwischen der Musikschule (gegründet 1959) und der Musikhochschule einnehmen würde, sollte die Institution und die Öffentlichkeit auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen. Erst 1985 konnte das Konservatorium wieder einen berufsbildenden Zweig einrichten und so den anderen beiden Institutionen gegenüber sein Profil schärfen. Seit 2002 hat Dr. Hoch’s Konservatorium den Status einer Akademie inne.


Literatur
  • Peter Cahn, Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main 1878-1978, Frankfurt am Main 1979.
  • Eva Hanau, Musikinstitutionen in Frankfurt am Main 1933 bis 1939, Köln 1994.
  • Stiftung Dr. Hoch’s Konservatorium (Hg.): Festschrift 125 Jahre Stiftung Dr. Hoch’s Konservatorium Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2003.
  • Heinz Hupfer, Rechtsgutachten zur Umwandlung des Dr. Hoch’schen Konservatoriums in eine Musikhochschule vom 3. Februar 1975, ISG Manuskripte S 6a/255.

Zusätzliche Stichwörter
Personen:  Mátyás György Seiber;  

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