Max Horkheimer: Sozialphilosph und Mitbegründer der Kritischen Theorie

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Max Horkheimer, Fotografie um 1930

Max Horkheimer gehört zu den Ehrenbürgern der Stadt Frankfurt am Main. Gleichwohl ist das Andenken an den berühmten Sozialphilosophen und Spiritus rector der Kritischen Theorie (Frankfurter Schule) – anders als bei Theodor W. Adorno – in Frankfurts Erinnerung wenig verankert. Freilich war Max Horkheimer kein gebürtiger Frankfurter, sondern kam am 14. Februar 1895 in Zuffenhausen (heute Stadtteil von Stuttgart) zur Welt. Infolge der Totgeburt eines älteren Geschwister wuchs er als einziges Kind des Stuttgarter Textilfabrikanten und Kommerzienrats Moritz (auch Moriz; urkundlich: Moses) Horkheimer (1858–1945) und der Babette geb. Lauchheimer (1869–1946) auf. Die Eltern waren israelitischen Glaubens: „Der Vater war ein konservativer Jude, jedoch keineswegs orthodox eingestellt, politisch nationalliberal gesinnt … Zu Hause lebte man nach den Regeln des Judentums, war aber zugleich Württemberger und Deutscher“ (Rosen 1995, S. 13).
Zusammen mit seinem Lebensfreund Friedrich Pollock, der ebenfalls einer jüdischen Unternehmerfamilie entstammte, volontierte Horkheimer als Kaufmannslehrling von 1912 bis 1914 in Brüssel, Manchester und London. Angesichts der Ausbeutung in den Fabriken öffneten sich beide zunehmend sozialistischen Ideen. Nicht weniger intensiv befasste sich der junge Horkheimer mit jüdischen Fragen und der Geißel des Antisemitismus. 1914 trat er als Juniorchef in die väterliche Textilfabrik ein. Sein Leben nahm jedoch eine unerwartete Wendung: Wegen seiner Liebesbeziehung zu der um einige Jahre älteren, obendrein nichtjüdischen Privatsekretärin seines Vaters, Rose Christine Riekher (1887–1969) – Horkheimer nannte sie zärtlich „Maidon“ – verließ er im Streit Elternhaus und Betrieb. Seine getreue Lebensgefährtin, die später das Exil mit ihm teilte, heiratete Horkheimer 1926 in der Taunusstadt Kronberg bei Frankfurt, wo sie ein Haus im Minnholzweg bezogen.

Akademischer Aufstieg
Nach dem Ende des ihm verhassten Ersten Weltkriegs bestand Max Horkheimer 1919 in München das Externabitur. Bis 1922 studierte er in München, Frankfurt und Freiburg u.a. bei Husserl und Heidegger Psychologie, Philosophie und Nationalökonomie. Offenbar hielt er sich bereits 1919 in Frankfurt auf, Theodor W. Adorno soll er erstmals um 1921 begegnet sein. An der Frankfurter Universität promovierte Horkheimer 1923 summa cum laude bei dem Neukantianer Hans Cornelius als erster Philosoph im Hauptfach über „Zur Antinomie der teleologischen Urteilskraft“. Sein akademischer Werdegang verlief zügig: 1922–1925 wissenschaftlicher Assistent von Professor Cornelius, 1925 Habilitation „Über Kants Kritik der Urteilskraft als Bindeglied zwischen theoretischer und praktischer Philosophie“, 1926–1930 Privatdozent. Mit Förderung von Paul Tillich wurde Max Horkheimer 1930 Ordinarius für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt. In Verbindung mit der Professur folgte er im Januar 1931 Carl Grünberg als Direktor des Instituts für Sozialforschung (im Folgenden IfS genannt). Die Gründung der legendären Forschungseinrichtung in der Viktoria-Allee (heute Senckenberganlage) – das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört – hatte er gemeinsam mit Felix Weil, Kurt Albert Gerlach und Friedrich Pollock vorbereitet. Unter Horkheimers Ägide wurde das anfangs eher orthodox-marxistische IfS zur Stätte einer undogmatischen und interdisziplinären neomarxistischen Gesellschaftsanalyse jenseits von Stalinismus und sozialdemokratischem Reformismus.

Emigration
Schon vor 1933 erkannte Horkheimer die nationalsozialistische Gefahr und rettete das IfS sowie die Zeitschrift für Sozialforschung beizeiten ins Exil. Gleich nach Hitlers Machtübernahme wurde er nicht nur von seinem Lehrstuhl, sondern auch aus seinem Kronberger Privathaus vertrieben. Mit Maidon, Friedrich Pollock und dessen Frau Carlota floh er über die Schweiz nach New York. Dort setzte er seine Forschungen fort: 1936 erschienen im Pariser Verlag Félix Alcan die mit Erich Fromm u.a. betreuten „Studien über Autorität und Familie“. 1939 konnte Horkheimer seine betagten Eltern zur Emigration in die Schweiz überreden. Maidon und Max Horkheimer blieben in den USA. In Pacific Palisades, dem kalifornischen Zentrum des deutschsprachigen literarischen Exils, formulierten Horkheimer und Adorno mit den (Pollock gewidmeten) „Philosophischen Fragmenten“ (1944), die erste Fassung des später unter dem Titel „Dialektik der Aufklärung“ (1947) berühmt gewordenen Hauptwerks der Kritischen Theorie. 1949/50 edierten Max Horkheimer und Samuel H. Flowerman als Ergebnis eines internationalen Pilotprojekts über Vorurteile die fünfbändigen „Studies in Prejudice“, die das Konzept der „Autoritären Persönlichkeit“ weltweit bekannt machten. Angesichts des Nazi-Terrors intensivierte Horkheimer seine Zivilisationskritik an der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die 1933 versagt und ihren Untergang selbst verschuldet habe. Die Shoah ließ ihn zunehmend Partei für die von Verfolgung und Vernichtung bedrohte jüdische Minderheit ergreifen. Wie viele Gerettete plagten auch den Emigranten Max Horkheimer Schuldgefühle, weil er überlebt hatte.

Remigration

Max Horkheimer

Karikatur von Volker Kriegel, erschienen in der ZEIT vom 31.10.1980.


Bereits 1946 ermutigte der Frankfurter SPD-Oberbürgermeister Walter Kolb den vertriebenen Sozialphilosophen zur Rückkehr. Über Horkheimers Bedenken, in das „Land der Täter“ zu remigrieren – die US-amerikanische Staatsbürgerschaft behielt er bei – siegte schließlich sein Wille, an der demokratischen Neugestaltung Deutschlands mitzuwirken. 1949 nahm er den Ruf auf sein altes Ordinariat an der Frankfurter Universität an. Mit Adorno und Pollock leitete er das 1951 offiziell wieder eröffnete Institut für Sozialforschung in der Senckenberganlage 26 – von den jungen Soziologie- und Philosophiestudierenden, die das IfS bundesweit anzog, „Café Max“ genannt. Von 1951 bis 1953 amtierte Max Horkheimer in Frankfurt als erster (ungetaufter) jüdischer Rektor einer deutschen Universität. Für seine Verdienste wurde er mehrfach ausgezeichnet: 1953 Goethe-Plakette sowie 1960 Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt, 1970 Goethe-Plakette des Landes Hessen und Bürgermedaille der Stadt Stuttgart, 1971 Lessing-Preis der Stadt Hamburg.

Jüdische Identität
Nach der Shoah zog es Max Horkheimer immer mehr zum Judentum. Er trat der Frankfurter jüdischen Gemeinde und der Frankfurt-Loge B’nai-B’rith bei; seine Frau Maidon konvertierte zum Judentum. An der Frankfurter Universität gehörte er zu den Initiatoren der „Loeb-Lectures“: Bei renommierten Gastdozenten wie Leo Baeck, Martin Buber, Hans Kohn, Herbert Marcuse und Gershom Scholem konnten Studierende aller Fachbereiche über das Judentum lernen. Horkheimer war Mitglied der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden und referierte vor jüdischen Organisationen in Deutschland, der Schweiz und den USA. Seinem wissenschaftlichen Biografen Zvi Rosen zufolge sah sich der „Jude Horkheimer … als Teil eines Ganzen, d. h. der Menschheit, und glaubt, daß er mit seiner täglichen Arbeit für das Wohl der Menschheit tätig ist … Im Prinzip der Einheit von Individuum und Allgemeinheit sieht Horkheimer den Zusammenhang der Kritischen Theorie mit dem Judentum“ (Rosen 1995, S. 147f.). Zugleich warnte Horkheimer davor, die Vielfalt menschlicher Existenz auf bestimmte Merkmale zu reduzieren:
„Einen Menschen a priori, nicht als einzelnen, als Person, sondern generell und vornehmlich als Deutschen, Neger [sic!], Juden, Fremden oder Welschen zu behandeln … ist barbarisch … Gerne stimme ich den Autoren zu, die erklären, daß die sogenannten jüdischen Charakterzüge, wenn man von Sprache und Umgebung absieht, den deutschen Zügen verwandt, jedoch nicht verwandter sind als denen anderer Länder und umgekehrt. Das Begriffs-Paar Deutsche und Juden klingt allzu zeitgemäß in dieser Welt, die von Nationalismen und anderen Kollektivismen in steigendem Maß und nicht zu ihrem Vorteil gezeichnet ist und in der von der Masse abweichende Individuen und Gruppen es immer schwerer haben, friedlich mit ihr im selben Staat zu leben.“ (Nachwort in: Thilo Koch (Hg.): Porträts zur deutsch-jüdischen Geistesgeschichte, Köln 1997, S. 277f.)

Im Deutschland nach der Shoah wurde Max Horkheimer nicht mehr heimisch. 1959 emeritiert, zog er sich mit Maidon und den Pollocks nach Montagnola im Schweizer Tessin zurück. An den Ereignissen in Deutschland nahm er aber weiterhin regen Anteil. 1967 und 1968 erschienen die Standardwerke „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ und „Kritische Theorie“. Trotz seiner Zweifel an der 1968er Studentenbewegung gehörte Horkheimer zu ihren geistigen Vätern. Im Alter wurde es einsam um ihn: 1969 starben Maidon Horkheimer und Theodor W. Adorno, ein Jahr darauf folgte ihnen Friedrich Pollock. Dieser persönliche Verlust und gesundheitliche Beschwerden verstärkten möglicherweise Horkheimers pessimistische Deutung des Weltgeschehens. Am 7. Juli 1973 starb er in Nürnberg. Sein Leichnam wurde in die Schweiz überführt und neben den Gräbern seiner Eltern, seiner Frau und Friedrich Pollocks auf dem Israelitischen Friedhof zu Bern beigesetzt. Der Horkheimer-Nachlass wird im Frankfurter Horkheimer-Pollock-Archiv aufbewahrt. An Horkheimers ehemaligen Frankfurter Wohnhaus in der Westendstraße 79 ist eine Gedenkplatte zu besichtigen. Anders als in Wuppertal oder Leverkusen ist in Frankfurt keine Straße nach ihm benannt. Aktuell bleibt Max Horkheimers Vermächtnis, das er 1961 in seinem Vortrag „Über die deutschen Juden“ (Köln 1961, S. 19) formulierte: „Wesentlich bleibt … daß die Menschen empfindsam werden nicht gegen das Unrecht an Juden, sondern gegen Unrecht überhaupt, nicht gegen Judenverfolgung, sondern gegen Verfolgung schlechthin, daß sich in ihnen etwas empört, wenn der einzelne, wer er auch sei, nicht als vernünftiges Wesen geachtet wird.“


Literatur
  • Helmut Gumnior, Rudolf Ringguth, Max Horkheimer mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt. 6. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1997;
  • Max Horkheimer, Gesammelte Schriften. Hg. v. Alfred Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr. [Taschenbuchausgabe] Frankfurt/M. 1985–1996, 19 Bände;
  • Zvi Rosen, Max Horkheimer. München 1995
  • http://www.ub.uni-frankfurt.de/archive/horkheimer.html (Horkheimer-Pollock-Archiv).

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