Adolf Ellegard Jensen, Ethnologe und Direktor des Museums für Völkerkunde

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Adolf E. Jensen

Adolf Ellegard Jensen wurde am 1.1.1899 in Kiel geboren. Sein Vater war der Werkmeister Peder Jensen, seine Mutter Margaretha Cäcilie Hansen. Nach dem Abitur 1917 nahm er mit Auszeichnung am Ersten Weltkrieg teil. 1919 begann er ein Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften und promovierte 1922 über die naturphilosophischen Schriften von Ernst Mach und Max Planck. Nach ersten Anstellungen an einer Privatschule und bei einer Privatbank wurde er 1924 wissenschaftlicher Assistent an Leo Frobenius’ Forschungsinstitut für Kulturmorphologie in München. Im darauf folgenden Jahr zog er mit dem Institut nach Frankfurt am Main und nahm von dort aus an Frobenius’ Forschungsreisen teil (Südafrika 1928-30, Libyen 1932).
Bereits 1933 bekam Adolf E. Jensen die veränderten politischen Verhältnisse zu spüren. Er durfte, auf Grund neuer Bestimmungen bezüglich älterer Habilitationen, seine Prüfung zum Thema „Beschneidungs- und Reifezeremonien bei Naturvölkern“ nicht mit der geforderten Antrittsvorlesung in Frankfurt beenden. Erst nach einem Einspruch der Fakultät konnte er das Verfahren abschließen und im Wintersemester 1933/34 mit der Lehre beginnen. Vorgeworfen hatte man ihm, dass er sich geweigert hatte an den geforderten Arbeitsdiensten und Geländesportlagern teilzunehmen. Jensen wurde dann als sogenannter „Privatdozent alter Ordnung“ im Lehrbetrieb geduldet.
Seine erste selbst geleitete Forschungsreise führte 1934-35 nach Südäthiopien, gefolgt von einer zweiten 1937 auf die Molukkeninsel Ceram. 1936 erhielt er zusätzlich zum Lehrauftrag an der Universität und seiner Arbeit am Institut eine Stelle als Kustos am Städtischen Völkermuseum.
Nach dem Tod von Leo Frobenius 1938 wurde Jensen Leiter des Instituts für Kulturmorphologie. Seine beruflichen Ziele waren es, das Amt des Museumsdirektors am städtischen Völkermuseum zu übernehmen und Dozent auf Lebenszeit an der Universität zu werden. Dafür setzten sich der Frankfurter Oberbürgermeister, der Kurator der Universität, der Dekan der Philosophischen Fakultät und der Reichsinnenminister ein, doch verhinderten der „Stellvertreter des Führers“ und der Reichsdozentenbundführer Heinrich Guthmann diesen Plan. Guthmann hatte im Mai 1940 an den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung über Jensen geschrieben: „dass Dr. Jensen dem Nationalsozialismus vollkommen wesensfremd gegenübersteht. Er bildet mit seiner Frau, die Mischling 2. Grades ist, die Spitze eines politisch höchst fragwürdigen Kreises“ (zitiert nach Geisenhainer). Jensen wurde nicht zum „Dozent neuer Ordnung“, nach dem Reichshabilitationsgesetz von Dezember 1934 ernannt und verlor in Folge dessen im Juli 1940 seine Lehrbefugnis. Ebenso wenig wurde er als Beamter auf Widerruf akzeptiert, wodurch er die Leitung des Völkermuseums lediglich kommissarisch übertragen bekam.
Verheiratet war Jensen seit 1927 mit Erna Marie Plass, deren Großvater väterlicherseits vom Judentum zum Christentum konvertiert war; somit galt sie im NS-Jargon als „Vierteljüdin“. Obwohl die Ehe anscheinend nicht besonders glücklich war, ließ sich das Ehepaar Jensen erst nach dem Krieg scheiden.
Jensen reagierte auf seine beruflichen Rückschläge mit der Demonstration eines besonderen Pflichtbewusstseins: Ab 1940 diente er als Soldat und ließ sich freiwillig an die Front versetzen, nachdem er zunächst wegen seiner Sprachkenntnisse zur geheimen Feldpolizei eingeteilt worden war.
Als Soldat konnte er weder die Leitung des Museums noch des Instituts wahrnehmen, Karin Hissink übernahm für ihn die Geschäfte. Dennoch konnte er immer wieder als Völkerkundler arbeiten. Dank seiner guten Kontakte zu Oberbürgermeister Friedrich Krebs, zur Kanzlei des Führers und dem Kolonialpolitischen Amt der NSDAP wurde Jensen während seiner Soldatenzeit 1940 bis 1945 immer wieder vom Wehrdienst beurlaubt für die Teilnahme an Tagungen, für die Arbeit an einem kolonialpolitisch orientierten völkerkundlichen Handbuch und für Einkaufsreisen des Städtischen Völkermuseums ins besetzte Ausland. Er nahm 1940 an der „Arbeitszusammenkunft deutscher Völkerkundler“ in Göttingen teil. Dort versuchte man eine koloniale Zielsetzungen der Völkerkunde im Sinne der „nationalsozialistischen Bewegung“ zu formulieren. Die Fachgruppe „Koloniale Völkerkunde“ tagte unter Jensens Teilnahme verschiedene Male bis zum Januar 1943. An Wissenschaftsprojekten der nationalsozialistischen Zeit wie der „Aktion Ritterbusch“ nahm er ebenfalls teil, einer Aktion unter Leitung des nationalsozialistischen Juristen Paul Ritterbusch, die dem „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“ diente und „eine neue geistige Ordnung Europas“ anstrebte. Jensen hatte allerdings Probleme, die Frobeniussche Kulturmorphologie vorteilhaft in die NS-Ideologie einzubringen.
Da in der Kulturmorphologie die Kultur als Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen galt, also die vom politischen System geforderte Berücksichtigung des Rassegedankens keine Rolle spielte, bildeten vor allem Gau-Dozentenbundführer Heinrich Guthmann, Gauleiter Jakob Sprenger, das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Reichsforschungsrat eine starke Gegenfront gegen Jensen, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Forschungsrichtung des Instituts. Jensen reagierte im Oktober 1942 in einem Brief an Dr. Longert vom Amt Wissenschaft des Beauftragten des Führers für die weltanschauliche Erziehung. Darin entschuldigte er sich dafür, dass Frobenius seiner Kulturmorphologie keinen wertenden Rassebegriff zu Grunde gelegt hatte. Schuld daran sei die Rückständigkeit der biologischen Wissenschaft um 1900 gewesen. Jensen betonte, dass aber schon zu Frobenius’ Lebzeiten der Frobeniuskreis national und deutsch gedacht habe.

Im September 1945 kam Adolf E. Jensen aus der Kriegsgefangenschaft zurück und wurde zum Direktor des nun in Museum für Völkerkunde umbenannten Hauses ernannt. An der Universität wurde er rehabilitiert und 1946 mit dem neu errichteten Ordinariat für Kultur- und Völkerkunde betraut, was gleichzeitig die Leitung des in „Frobenius-Institut“ umbenannten Kulturmorphologischen Instituts bedeutete. Ab 1950 organisierte er wieder Forschungsreisen.
1965 erhielt Prof. Dr. Adolf E. Jensen die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main. Am 20. Mai 1965 starb er in Mammolsheim im Taunus und wurde dort auch beerdigt.

Jensens Lehre
Während Leo Frobenius sich über die Untersuchung von Gegenständen, die so genannte materielle Kultur, dem Verständnis fremder Völker genähert hatte, kam Jensen über die Philosophie zur Völkerkunde. Jensens Interesse galt dem Wort, und so wandte er seine besondere Aufmerksamkeit den Mythen zu.
Seine Lehre, zu deren Formulierung und Publizierung er erst nach dem Krieg Zeit fand, wurde geprägt von den Erfahrungen der Vorkriegsexpeditionen und der Kulturmorphologie von Leo Frobenius. 1948 veröffentlichte er das ethnographische Material, das er schon 1937 auf Ceram zusammengetragen hatte. Und 1951 erschien mit „Mythos und Kult bei Naturvölkern“ der „bis heute letzte große systematischen Entwurf der Religionsethnologie im deutschsprachigen Raum“ (Kohl).
Jensens Lehre basiert auf Frobenius’ Drei-Phasen-Modell, nach dem alle kulturelle Schöpfung die Stadien: „Ergriffenheit“, „Ausdruck“ und „Anwendung“ durchlaufen. Damit sind die Kulturen, anders als es das evolutionistische Weltbild des 19. Jahrhunderts sieht, nicht zwangsläufig an eine Entwicklung vom Primitiven zum Höheren gebunden. Dies wäre nach Jensen eine Projektion des rationalen modernen Denkens, das ein wirkliches Verständnis von religiöser Überzeugung und Handlung verstelle. Im nicht rationalen mythologischen Denken sieht er dagegen eine Möglichkeit, die Erkenntnis über das „Wesen der lebendigen Wirklichkeit“ auszudrücken. Kohl formuliert: „Indem er [Jensen]sich ganz auf die Fragen der Erfassung von Weltbildern konzentriert, eröffnet er gerade durch seinen ‚lebensphilosophischen Irrationalismus‘ (Fuchs) einen Zugang zum Verständnis nicht-westlicher Denkformen“. Und weiter: „In der szientistischen Wissenschaftslandschaft der Nachkriegszeit konnte sich eine solche romantische Geisteshaltung nicht mehr durchsetzten“.



Literatur
  • Hans Fuchs, Die Religions- und Kulturtheorie Ad. E. Jensens und ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln unter besonderer Berücksichtigung des Opferrituals. Eine geistesgeschichtliche Studie, Aachen 1999.
  • Katja Geisenhainer, Frankfurter Völkerkundler während des Nationalsozialismus, in: Jörn Kobes und Jan-Otmar Hesse, Frankfurter Wissenschaftler zwischen 1933 und 1945, Göttingen 2008.
  • Eike Haberland/Meinhard Schuster, Helmut Straube, Daten zu Leben und Werk von Ad. E. Jensen. In: Festschrift für Ad. E. Jensen. Teil 1, München 1964.
  • Frank-Rutger Hausmann, Deutsche Geisteswissenschaft im Zweiten Weltkrieg. Die Aktion Ritterbusch (1940-1945), Dresden 1998.
  • Karl-Heinz Kohl, Adolf Ellegard Jensen, in: Christian F. Feest, Karl-Heinz Kohl, (Hg.), Hauptwerke der Ethnologie, Stuttgart 2001.
  • Meinhard Schuster, Museum und Institut. Zu Genealogie und Vernetzung der Frankfurter Ethnologie 1904 – 1965, in: Karl-Heinz Kohl/EdithaPlatte (Hg.), Gestalter und Gestalten, Frankfurt am Main/Basel 2006.
  • Josef Franz Thiel, Zur neueren Geschichte des Museums für Völkerkunde, in: Museum der Weltkulturen – Ansichtssachen. Ein Lesebuch zu Museum und Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2004.
  • Hans Voges, Frankfurter Völkerkunde im Nationalsozialismus, 1933 – 1945,in: Museum der Weltkulturen – Ansichtssachen. Ein Lesebuch zu Museum und Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2004.

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