Walter Kolb, Oberbürgermeister Frankfurts

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Gedenktafel für Walter Kolb an der Paulskirche

Walter Kolb wurde am 22. Januar 1902 in Bonn-Poppelsdorf geboren. Seine Eltern waren Eduard Kolb und Clementine Kolb, geborene Stichter. Walters Bruder Erich, fiel 1916 im Ersten Weltkrieg. Nach dem Abitur 1920 studierte Walter Kolb bis 1924 Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften in Bonn. Schon bald nach seiner Immatrikulation trat er der SPD bei und engagierte sich für die republikanisch-demokratische Staatsform, die seit ihrer Gründung durch links- und rechtsextreme Kräfte gefährdet war. Als Student in Bonn bezog Kolb eindeutig Stellung gegen antidemokratische und reaktionäre Tendenzen in Gesellschaft und Hochschule.
Aufgrund seines politischen Engagements während der Ruhrkrise geriet Walter Kolb vorübergehend wegen unerlaubten Grenzübertritts in französischen Gewahrsam und musste ab August 1923 eine nahezu fünfmonatige Untersuchungshaft über sich ergehen lassen. Seine Verurteilung im März 1924 musste er aufgrund der langen Untersuchungshaft nicht antreten. Er verließ den Gerichtssaal als freier Mann. Am 2. September 1924 trat er dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei. Sein Sozialismusverständnis, das sich an seinem Vorbild Friedrich Ebert orientierte, setzte auf behutsamen gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritt durch Reformen. Doktrinäre und radikale Konzeptionen waren ihm fremd. Dieses für ihn grundlegende Politikverständnis bekräftigte er durch sein ab 1927 beginnendes Engagement im Leuchtenburgkreis, einem linksbürgerlich-sozialistischen Zirkel.
Seine juristische Ausbildung hatte Kolb inzwischen nach verschiedenen Stationen als Gerichtsferendar zwischen 1924 und 1930 abgeschlossen. 1932 heiratete er Anna Maria Elisabeth Trimborn, die Tochter des SPD-Landrates von Opladen, Peter Trimborn.
Walter Kolb spürte die Gefahr, die vom Nationalsozialismus und seiner Ideologie ausging und geriet bald nach der Machtübernahme 1933 in Schwierigkeiten. So wurde er mit Erlass des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 7. April 1933 im Sommer des Jahres aus dem Staatsdienst entlassen. Wie viele wählte Kolb die innere Emigration, nachdem er zuvor das Exil erwogen und dann doch verworfen hatte. Ab Januar 1934 arbeitete Kolb als Verwaltungsrechtsrat mit eigener Anwaltskanzlei in Bonn. Ohne die geringste innere Überzeugung und aus rein formellen Gründen trat er in dieser Zeit auch der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und dem NS-Rechtswahrerbund bei.
Wie sein Biograph Thomas Bauer bemerkt, war Kolb „kein Widerstandskämpfer“ während des Nationalsozialismus und fügt hinzu: „Von den Nazis Verfolgte und Bedrohte unterstützte er aber juristisch und materiell nach Kräften“ (Bauer, S. 19). Der ehemalige Vorsitzende der Bonner Jüdischen Gemeinde, Arthur Samuel, würdigte das Verhalten Kolbs in diesen Zeiten mit den Worten: „Je trostloser und hoffnungsloser die Situation für die Juden wurde, im selben Verhältnis stieg Ihre Hilfsbereitschaft und Ihr tiefer Gerechtigkeitssinn für die Leiden der jüdischen Menschen, die Ihre Hilfe angingen.“ (Ebd., S. 19)
Dass das Leben Walter Kolbs auch selbst mehrfach in Gefahr war, bezeugen die häufigen Verhaftungen im Rahmen der Vergeltungsaktionen des NS-Regimes nach dem misslungenen Attentat der Männer des 20. Juli 1944. Nachdem Kolb unmittelbar nach diesem Attentat von der Gestapo verhaftet wurde, dann aber wieder freigelassen worden war, kam er am 28.12.1944 erneut in Köln in „Schutzhaft“.

„Aktion Trümmerbeseitigung“. Walter Kolb am Presslufthammer am 17. Oktober 1946

Nach dem Zusammenbruch und der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945, begann für Walter Kolb politisch eine neue Zeit. Da er im Sinne des demokratischen Sozialismus wirken wollte, war ihm, als politisch Unbelasteten, seine Ernennung zum Oberbürgermeister von Düsseldorf durch die britischen Besatzungsbehörden recht. Allerdings wollte Walter Kolb als Oberbürgermeister vor allem politisch wirken. Da jedoch entsprechend der Kommunalverfassung in der britischen Besatzungszone das Amt des Oberbürgermeisters stärker verwaltungstechnische Aufgaben vorsah und weniger politische Gestaltung, bemühte sich Kolb um einen neuen Posten als Stadtoberhaupt und wurde in Frankfurt am Main fündig.
Das Wirken für Frankfurt begann mit Kolbs Weggang aus Düsseldorf und seiner Wahl zum neuen Stadtoberhaupt am 25. Juli 1946 durch die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Sein Amts- und Politikverständnis machte er nach dem Ablegen des Amtseides am 1. August 1946 in seiner Ansprache deutlich:
„Es ist ein Grundsatz der Gerechtigkeit und Objektivität, den wir Deutschen lernen müssen, einander zu achten, auch dann, wenn wir in anderen politischen Lagern stehen. Aus dieser Grundhaltung heraus, aus diesem eindeutigen und klaren Bekenntnis zur Demokratie, die eine sozial vernünftige Fundierung erfahren muss, wenn alle Volksschichten sich wohl fühlen sollen im Vaterhaus, betrachte ich meine Arbeit … als der ganzen Bürgerschaft und nicht einem Teil derselben gewidmet.“ (Ebd., S. 24)

Walter Kolb bei der Einweihung der provisorischen Alten Brücke am 13. September 1947


Dass Kolb Oberbürgermeister für alle Frankfurter sein wollte, wird auch aus seinen folgenden Worten erkennbar, die ebenfalls seiner Antrittsrede entstammen: „Für mich spielt es in der alltäglichen Arbeit keine Rolle, welcher Partei, welcher Konfession oder welcher Rasse der einzelne angehört. Für mich sind alle Bürger gleichen Rechts, die mit Sorgen zu mir und meinen Mitarbeitern kommen und dann in sachlich anständiger, wohlwollender und kameradschaftlicher Weise beraten werden. So sehen wir unsere Arbeit. Ich glaube, dass die grosse historische Aufgabe unserer Zeit darin liegt, in Deutschland, diesem Land der Mitte Europas – geistig wie geographisch –, die Synthese zu finden zwischen den grossen ethischen Kräften der modernen Arbeiterbewegung und den ewig gültigen Werten des Christentums.“ (Ebd.)
Neben diesen grundsätzlichen Vorstellungen ging es bei der alltäglichen Arbeit um handfeste Probleme der unmittelbaren Nachkriegszeit: die Trümmerbeseitigung, die Sanierung zerstörter Wohnungen, der Aufbau neuer Wohnungen und die wirtschaftliche Gesundung der Handelsstadt Frankfurt. Walter Kolb gab am 17. Oktober gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Magistrats den Startschuss für den Bürgereinsatz bei der Trümmerbeseitigung und legte selbst Hand an. Auf diese einfache Art und Weise gelang es dem Oberbürgermeister, die Frankfurter Bevölkerung von der Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen; ein wichtiger Grundstein für seine spätere Popularität war hiermit gelegt worden.

Von der Krankheit gezeichnet: Walter Kolb bei seiner Rede zum 10. Jahrestag der Stadtverordnetenversammlung 1956


Neben der Trümmerbeseitigung galt eines der Hauptaugenmerke Kolbs dem Wohnungsbau. Die Hauptaufgabe „Sozialer Wohnungsbau“ konnte bis Mitte der 1950er Jahre zufriedenstellend gelöst werden. Bis 1954 wurden rund 170.000 Wohnungen bezugsfertig errichtet. Von 53.000 beschädigten Wohnungen konnten bis 1948 bereits über 20.000 Wohnungen wieder hergestellt und bezogen werden. Die Koordinierung und Bündelung der Aufbaumaßnahmen lag beim Amt für Wohnungsbauförderung und Siedlungswesen.
Persönlich setzte sich Walter Kolb auch für die Restaurierung und den Wiederaufbau bedeutender Wahrzeichen Frankfurts und wichtiger kultureller Denkmäler ein. Hierzu zählte zuallererst die Paulskirche, der Ort des ersten deutschen Nationalparlaments. Nach politischer sowie kultureller Diskussion über Sinn und Zweck der Bauausführung und der Grundsteinlegung am 17. März 1947, konnte die Paulskirche am 18. Mai 1948, zur 100 Jahrfeier der Nationalversammlung, offiziell als wiedereröffnet erklärt werden. Ein weiteres Herzensanliegen war der Wiederaufbau des Goethehauses. Schon 1947 wurde hierzu der Grundstein gelegt und am 10. Mai 1951 wurde es feierlich eingeweiht.
Die Popularität Walter Kolbs speiste sich jedoch nicht allein aus seinem politischen Programm oder dem optimistischen Anpacken der sozialen und ökonomischen Wiederaufbaus der Stadt Frankfurt, sondern lag auch in seiner Persönlichkeit begründet. Seine freundliche und hilfsbereite Art und sein unkomplizierter Umgang mit Menschen machten ihn bei vielen Frankfurtern sehr beliebt. Gesellschaftliches Engagment zeigte Walter Kolb nicht nur durch seine politische Arbeit als Oberbürgermeister, sondern auch durch seine Tätigkeit als Schirmherr des Deutschen Turnfestes vom 19. bis 22. August 1948 in Frankfurt. Die Gründung des Deutschen Turnerbundes (DTB) am 2. September 1950 ging maßgeblich auf seine Initiative und sein Wirken zurück.
„Die Frankfurter natürlich würdigen vor allem Kolbs Leistungen für die Gemeinde. Den raschen und imponierenden Wiederaufbau, die schönen neuen Siedlungen, die Messe, den Rhein-Main-Flughafen und manches andere betrachten sie mit Recht als Säulen seines Ruhmes. Das alles trägt selbstverständlich zu seiner Volkstümlichkeit bei, ist aber für diese keine genügende Erklärung… Walter Kolb ist eben kein Typ – weder der Typ des kalten Intellektuellen noch des betriebsamen Managers noch des pergamenthäutenen Bürokraten. Er ist, mit allen schwachen und starken Seiten, einfach ein Mensch, an dem der eine die Wärme, der andere die Toleranz, ein dritter (sic!) die Vitalität schätzt oder bewundert.“ (Furtwängler, S. 31f.)
Walter Kolb starb am 20. September 1956 im Alter von 54 Jahren in Frankfurt.







Literatur und Quellen
  • Thomas Bauer, „Seid einig für unsere Stadt“. Walter Kolb - Frankfurter Oberbürgermeister 1946-1956, Frankfurt am Main 1996.
  • Frolinde Balser, Geschichte der Stadt Frankfurt am Main 1945-1989, Sigmaringen 1995.
  • Franz-Josef Furtwängler, Der volkstümliche Oberbürgermeister, in: Arno Scholz/Walter G. Oschilewski, Köpfe der Zeit. Walter Kolb. Dargestellt von Leo Brandt, Willi Emrich u.a., Berlin-Grunewald 1953.
  • Stadtverwaltung Frankfurt am Main (Hg.), Oberbürgermeister Dr. h.c. Walter Kolb 1902-1956. Frankfurt am Main o.J.
  • Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt, S2 60.

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