Ins Exil getrieben: Der Redakteur und Autor Siegfried Kracauer (1889-1966)

Druck

„Meistens sind Journalisten gescheiterte Existenzen.“ (Siegfried Kracauer)
Siegfried Kracauer wird am 8. Februar 1889 in Frankfurt am Main als einziges Kind des Kaufmanns Adolf Kracauer und von Rosette Kracauer, geb. Oppenheimer, geboren. 1898 tritt der Junge in das Frankfurter Philanthropin ein und besucht von 1904 bis 1907 die Klinger-Oberrealschule.
Bereits als Schüler spielt Siegfried Kracauer mit dem Gedanken, Schriftsteller zu werden – zum Leidwesen der Eltern. Onkel Isidor Kracauer (1852-1923), bekannt als Chronist des Frankfurter Judentums, fördert indes die geistigen Interessen des Neffen. Dieser leidet an einer Sprachbehinderung: „… erst wenn ich nicht mehr stottere, dann fühle ich die Kraft in mir, es zu etwas zu bringen.“ Das Handikap kompensiert Kracauer mit kleinen Texten und Zeichnungen. Im Alter von 17 Jahren publiziert er sein erstes Feuilleton in der „Frankfurter Zeitung“ (FZ). Der schließlich gewählte „Brotberuf“ Architekt befriedigt Kracauer nicht. Bereits im Studium belegt er kulturhistorische Lehrveranstaltungen – zum Beispiel bei den Philosophen und Soziologen Georg Simmel und Max Scheler. Bald belasten das freiberufliche Architekten-Dasein und ökonomische Unsicherheit den angehenden Schriftsteller und Philosophen: „Ich bin doch schon über 31 Jahre, also uralt, diese ewige provisorische Existenz reibt mich auf.“
Mit „Georg Simmel. Ein Beitrag zur Deutung des geistigen Lebens unserer Zeit“ (1919) und „Soziologie als Wissenschaft“ (veröffentlicht 1929) entstehen die ersten Werke. Beide würdigen den geistigen Lehrer und die junge Forschungsdisziplin. Laut Kracauer habe Simmel „das Denken der Zeit aus starrer Begrifflichkeit befreit“ und „gelehrt, den Blick auf die unerschöpfliche Lebenswirklichkeit selber zu lenken“. Ein Prinzip, das – ergänzt um politische Anspielungen – in Kracauers Schriften fortlebt. Intellektuelle Prägung erfährt Kracauer ab 1920 auch im Freien Jüdischen Lehrhaus, einer jüdischen Volkshochschule. Er schließt dort Bekanntschaft mit dem Philosophenkreis um den Leiter Franz Rosenzweig, Ernst Simon, Margarete Susman und Martin Buber sowie mit dem Psychoanalytiker Erich Fromm und dem Literatursoziologen Leo Löwenthal.

„Denkbilder“ und Miniaturen – Redakteur der „Frankfurter Zeitung“
Kracauer erhält 1921 eine Anstellung bei der FZ. Bis 1933 avanciert er vom Lokalreporter zum Kulturkritiker der Weimarer Republik. Seine Beiträge, meist mit den Sigeln „raca.“ und „Kr.“ gezeichnet, greifen anscheinend nichtige Phänomene des Alltags auf, die jedoch den Geist der Zeit spiegeln: „Der Grundgehalt einer Epoche und ihre unbeachteten Regungen erhellen sich wechselseitig.“ Bald wendet er sich der marxistischen Theorie zu. Benno Reifenberg, ab 1924 Leiter des Feuilletons, vermittelt Kracauer das Ressort Film. Nunmehr Vollzeitredakteur schreibt dieser zufrieden: „Wenigstens habe ich seit 3 Wochen mein eigenes Zimmer in der Zeitung … Ich will es mir von jetzt ab bequemer machen; d[as] h[eißt] ich will mit äußerster Intensität meine Arbeiten fördern.“ 1928 erscheint sein Roman „Ginster. Von ihm selbst geschrieben“.
Ende der 1920er Jahre kommt es zu Konflikten mit dem einstmals linksliberalen Blatt, das politisch nun nach rechts tendiert. Mit Gründung der FZ-Reichsausgabe übernimmt Kracauer 1930 in Berlin die Feuilleton-Redaktion; als „Vertreibung“ entlarvt ein Kollege den Wechsel. Im selben Jahr erscheint seine Studie „Die Angestellten“ und er heiratet Elisabeth Ehrenreich (1893-1971), die bislang als Bibliothekarin am Frankfurter Institut für Sozialforschung beschäftigt war. Die Berliner FZ-Leitung erschwert Kracauer das Arbeiten, behindert den Abdruck seiner Artikel. Nach Hitlers Regierungsantritt prognostiziert der hellsichtige Realist, „daß die schlimmen Drohungen wahrgemacht werden“. Gewarnt von FZ-Verleger Heinrich Simon flüchtet das Ehepaar Kracauer in der Nacht des Reichstagsbrandes am 27. Februar 1933 in das französische Exil nach Paris. Kracauers resignativer Kommentar zum Verhalten der FZ lautet: „Den Juden und Linksmann wollen sie los sein, sonst nichts. Dafür habe ich elf Jahre gearbeitet, mich exponiert, mein halbes Leben vertan.“

Im Vakuum der Exterritorialität
In Paris widmet sich Kracauer der Vollendung seines Romans „Georg“, der „Gesellschaftsbiographie“ über Jacques Offenbach und später wissenschaftlich dem Phänomen des Faschismus. Finanziell kaum abgesichert lebt der vormals umtriebige Redakteur und Flaneur zurückgezogen; dem Widerstand bleibt er fern. Seine Artikel, etwa über die Kulturpolitik der Nationalsozialisten, erscheinen anonym. Aufträge des in die USA emigrierten Instituts für Sozialforschung lehnt er ab. Dessen Mitglieder betreiben später intensiv die Rettung des Ehepaares Kracauer aus der „Mausefalle Marseille“ und aus Europa. Zwischen 1939 und 1941 kommt es wiederholt zu Verschleppungen in Internierungslager für deutsche Emigranten nahe Paris.
Kracauer und seiner Ehefrau gelingt schließlich die Flucht nach Marseille und von dort über Spanien nach Portugal. „Jetzt kommt die letzte Chance, die ich nicht verspielen darf, sonst ist alles vorbei“, schreibt Kracauer im März 1941 verzweifelt an seinen Freund Theodor W. Adorno: da steht die erlösende Einschiffung von Lissabon nach New York unmittelbar bevor.
Dort ist Kracauer gezwungen, sein Leben neu zu ordnen. Von 1945 bis 1948 arbeitet er freiberuflich als Schriftsteller. In der Filmbibliothek des Museums of Modern Art erhält er eine bescheiden dotierte Stelle. 1947 publiziert Kracauer „From Caligari to Hitler. A Psychological History oft he German Film“; das Buch erscheint 1958 stark gekürzt im Rowohlt-Verlag unter dem Titel „Von Caligari bis Hitler“. Zwischen 1952 und 1958 fungiert er als Direktor am „Bureau of Applied Social Research” der Columbia University. Diverse Stipendien und ab 1950 Beiträge für die Zeitschrift „Voice of America“ ermöglichen ihm die Realisierung seiner Bücher „Theory of Film“ und das Werk zur Geschichtsphilosophie; letzeres erscheint deutschsprachig unter dem Titel „Geschichte – Von den letzten Dingen“ postum 1971.
Im Jahr 1956 wagt Kracauer eine Europa-Reise und den ersten Besuch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Weitere, zum Teil mehrmonatige Europa-Aufenthalte in 1958, 1960, 1964 und 1966 folgen. Die Skepsis seiner alten Heimat gegenüber bleibt indes: „Die Tatsache, dass es in Deutschland nie eine Gesellschaft gab, zeigt sich erschreckend. … Die Leute sind not so much human beings. Kurzum, ich traue ihnen nicht.“
Am 26. November 1966 stirbt Siegfried Kracauer in New York an den Folgen einer Lungenentzündung. Der Philosoph und Humanismusforscher Paul Oskar Kristeller würdigt Kracauer mit den Worten: „Alles, was er sagt und schreibt, ist ein kostbares Zeugnis seines Denkens und Lebens und einer Welt, die er, unvollkommen wie sie ist, erfuhr, erlitt und meisterte.“


Literatur
  • Alfons Arns, „Ex Kino lux!“ – Siegfried Kracauer, Frankfurt am Main und das Kino; in: Lebende Bilder einer Stadt. Kino und Film in Frankfurt am Main (Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums Frankfurt), Frankfurt am Main 1995, S. 90-117.
  • Momme Brodersen, Siegfried Kracauer, Reinbek bei Hamburg 2001.
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling, Von Börne zu Reich-Ranicki. Juden und Publizistik in Frankfurt auf dem Weg in die Moderne. Jüdisches Museum Frankfurt (Hg.), Frankfurt am Main 2009, S. 52-61.
  • Michael Kessler/Thomas Y. Levin (Hg.), Siegfried Kracauer. Neue Interpretationen, Tübingen 1990.
  • Gertrud Koch, Kracauer zur Einführung, Hamburg 1996.
  • Wolfgang Schopf (Hg.), Theodor W. Adorno – Siegfried Kracauer. Briefwechsel 1923-1966, Frankfurt am Main 2008.
  • Siegfried Kracauer. Text + Kritik, Heft 68, Oktober 1980, München 1980.
  • Helmut Stalder, Siegfried Kracauer. Das journalistische Werk in der ‚Frankfurter Zeitung‘ 1921-1933, Würzburg 2003.
  • Andreas Volk (Hg.), Siegfried Kracauer. Zum Werk des Romanciers, Feuilletonisten, Architekten, Filmwissenschaftlers und Soziologen, Zürich 1996.
  • Ders. (Hg.), Siegfried Kracauer. Frankfurter Turmhäuser. Ausgewählte Feuilletons 1906-30, Zürich 1997.

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: ..