Konsens im Dissens – Oberbürgermeister und Gauleiter

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„Nicht vergessen möchte ich aber auch den Dank abzustatten an alle Persönlichkeiten des Gaues und unseres Gemeinwesens, … vor allem auch unserem Gauleiter, die uns mit Rat und Tat unterstützt, manchen Plänen zur Verwirklichung verholfen haben und sich mit uns um die gedeihliche Weiterentwicklung unserer Gauhauptstadt bemüht und verdient gemacht haben.“ Friedrich Krebs, 13. März 1943

Das persönliche Verhältnis zwischen dem Frankfurter Oberbürgermeister Friedrich Krebs und dem Gauleiter von Hessen-Nassau Jakob Sprenger war ausnehmend schlecht. Dieser Befund ist heute allgemein gesichert; er beschreibt aber eher eine Regel, denn die Ausnahme. Konnten Stadtoberhäupter vor 1933 noch für sich in Anspruch nehmen, als Verwaltungschefs, Fachpolitiker und Repräsentanten städtischer Gesellschaften wie auch des Staates relativ souverän zu entscheiden, so erwuchs ihnen während der NS-Zeit mit den Gauleitungen und den Gauämtern für Kommunalpolitik ernst zu nehmende Konkurrenz. Denn diese etablierten sich sukzessive als parallele Machtzentren auch für kommunalpolitische Belange. Mittels diktatorischen Maßnahmen suchten sie Einfluss zu nehmen und klassische Felder der traditionellen Verwaltung ideologisch zu dominieren. Die Stadtoberhäupter sahen sich in diesem Gefüge mehr und mehr zu ausführenden Organen herabgestuft. Häufig kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, da die neuen Amtsinhaber – so auch Friedrich Krebs – in der Mehrzahl zwar ebenfalls als (altgediente) NS-Funktionäre auf ihre Posten gelangt waren, sich aber in Orientierung an der überlieferten Repräsentativität ihres Amtes eher mit den städtischen Anliegen identifizieren mussten. Wiederkehrende Streitpunkte mit den Gauleitern und der NSDAP waren die Personalpolitik und immer wieder Haushaltsfragen.
Die meisten Publikationen zur Frankfurter Stadtgeschichte in der NS-Zeit beleuchteten bislang den Dissens zwischen Gauleiter und Oberbürgermeister, nicht aber den Konsens. In der überstrapazierten „Paar-Konfrontation“ Sprenger/Krebs steht dabei der Erstgenannte quasi als Personifizierung des Bösen, des Nationalsozialismus in Frankfurt schlechthin, während in deutlicher Abgrenzung zu dieser Täterfigur Krebs eher verständnisvoll etwa als Mann der „zwei Gesichter“ in „nicht ganz unumstrittene(r) Position“, als Retter, mit „ausschließlich schützender Haltung“, der Schlimmeres verhütete, als „Mann des Rechts“, „Zauberlehrling“ oder gar Widersacher des Regimes verbrämt wird.
Die Konsequenz: Krebs erscheint in der Literatur eher als „Spielball“ zwischen Partei und Staat denn als handelndes Subjekt, wodurch einer Relativierung seiner Verantwortlichkeit als doch herausragendem Parteifunktionär Vorschub geleistet wurde und wird. Denn neben dem radikalen Gauleiter wirkte der antidemokratische Gestus bei Krebs beinahe gemäßigt, weil er als selbstverständliche Grundvoraussetzung des NS-Regimes unauffälliger und eher in bürokratischer Weise in Erscheinung trat.

Der Postler und der Jurist
Krebs und Sprenger kannten sich bereits aus Zeiten der „Bewegung“. Beide hatten sich ab 1922 politisch erst in der NSDAP, später nach deren Verbot unter anderen in der „Deutschen Partei“ profiliert. Wenngleich alte Parteigenossen Krebs „zu den engsten und längstjährigen Mitarbeitern“ zählten, so gehörte er doch nicht zum Freundes- oder Vertrautenkreis des Gauleiters. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass Sprenger ausgeprägte Abneigungen gegen Akademiker hegte – offenkundig ein Minderwertigkeitskomplex, der immer wieder mit seiner abgebrochenen „Postlerlaufbahn“ erklärt wird.

„Es ist eine Schande, daß Juden Frankfurts Rathaus beherrschen. … Morgen wird dieses Ungeziefer ausgebrannt wie Wanzen, wird es ausgeräuchert wie pestverdächtige Ratten … Frankfurt wird morgen deutsch.“ Jakob Sprenger, 11. März 1933

Sprenger war ein fanatischer und ehrgeiziger Nationalsozialist, und so trägt auch eine biografische Skizze zu Recht den Titel „Der Machthunger des Gauleiters war unstillbar“. Spätestens mit Hitlers Regierungsantritt begann seine steile Karriere: Als langjähriger Gauleiter von Hessen-Nassau-Süd wurde er 1933 zum Gauleiter von Hessen-Nassau, 1943 zum Reichsverteidigungskommissar für den Gau Hessen-Nassau und 1944 zum Oberpräsidenten der Provinz Nassau ernannt. In diesen Funktionen konnte Sprenger seine Einflusssphäre kontinuierlich ausdehnen, zumal er in der NS-Führung, namentlich bei Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, hohes Ansehen genoss. „Opfer“ seiner ungezügelten Politik gab es tatsächlich einige: etwa den Polizeikommissar des Reiches Heinrich Müller, den hessischen Staatspräsident Ferdinand Werner – beide übrigens auch promovierte Akademiker –, den Landeshauptmann in Nassau und früheren Gefolgsmann Wilhelm Traupel oder den hessischen Regierungspräsident Fritz von Pfeffer. Sie alle verloren im Kompetenzgerangel mit Sprenger ihre Ämter.
Der Oberbürgermeister hingegen, schließlich von Sprenger selbst für die Position vorgeschlagen, blieb von 1933 bis 1945 im Amt, was angesichts der rigiden Abberufungspraxis keineswegs der Norm entsprach. Das Missverhältnis beider Machtpolitiker schien also aus persönlichen Rivalitäten zu resultieren. Krebs, dem Zeitgenossen übrigens ebenfalls ein unbeherrschtes und grobschlächtiges Benehmen nachsagten, fühlte sich offenkundig durch die Selbstherrlichkeit des Gauleiters provoziert. Dass dieser intellektuell eher schlichte Charakter den Juristen permanent bevormundete, muss für diesen schwer erträglich gewesen sein. Die Konflikte verschärften sich mit der Zeit, da Krebs in seinem Amt als Stadtoberhaupt und den kommunalpolitischen Fragen zunehmend an Souveränität gewann und ab 1937 mit Aufgabe seiner Kreisleiterfunktion stärker für städtische Interessen eingetreten sein soll. Welche und wessen Interessen aber vertraten Oberbürgermeister und Gauleiter?
Immer wieder werden die gleichen Belege angeführt, etwa Krebs‘ taktisch geschickte Angliederung des „Frankfurter Hilfswerkes des Oberbürgermeisters“ an die Heussenstamm-Stiftung, um Sprengers Zugriff auf das Stiftungsvermögen zu vereiteln; oder die Weigerung des Stadtoberhauptes, Anordnungen des Gauleiters bezüglich des Zuzugs von Juden nach Frankfurt und den „Arisierungen“ Folge zu leisten; oder die ablehnende Haltung Krebs‘ gegenüber Sprengers Wunsch nach Errichtung eines Gauforums in Frankfurt.

Die Situation eskaliert
In der gespannten Beziehung kam es schließlich zu einer Eskalation, die für die spätere Beurteilung von Krebs besondere Bedeutung erlangen sollte. Im Sommer 1944 wurde es publik: Sprenger beabsichtigte, den Oberbürgermeister nicht länger im Amt zu belassen. Krebs wie auch Bürgermeister Joseph Kremmer, seit 1937 der Nachfolger Karl Linders, hatten in dieser Angelegenheit bereits beim Gauleiter vorgesprochen. Laut Version des Stadtoberhaupts hatten sich Sprenger und Staatssekretär Wilhelm Stuckart darauf verständigt, dass sich Krebs mit Ablauf seiner Amtszeit nach einem Posten in der Industrie umsehen sollte – „je früher, desto besser“. Anlass zu dieser Drohung hatte angeblich das widerspenstige Verhalten des Oberbürgermeisters vornehmlich in rechtlichen Fragen gegeben, durch das dieser sich – so der Gauleiter – als „reaktionär und politisch unzuverlässig“ erwiesen hätte. Gegen diesen Vorschlag verwahrte sich indes „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler und entschied persönlich, Krebs für die Dauer des Krieges im Amt zu belassen.
Der beabsichtigte „Mordanschlag“ oder „die Hinrichtung“, so dramatisierte Krebs‘ Verteidiger 1947 im Spruchkammerverfahren eine Begebenheit in Frankfurt wenige Tage vor Kriegsende, standen im Zusammenhang mit einer der letzten Amtshandlungen. Am 26. März 1945 widersetzten sich angeblich Oberbürgermeister und Ratsherren auf einer Sitzung in der Ziehen-Schule dem Befehl des Gauleiters, die Versorgungsbetriebe zu sprengen und die Stadtverwaltung aufzulösen. Sprenger, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht in Richtung Bad Nauheim befand, soll von der Weigerung erfahren und der Frankfurter SA-Führung den Auftrag erteilt haben, Krebs zu verhaften und bei Widerstand zu erschießen. Allein der Einmarsch der US-Amerikaner am 28. März 1945 hätte die Ausführung dieses Befehls verhindert. Die überstrapazierte Schilderung der Differenzen mit Sprenger, die schließlich in jenem nicht ausgeführten „Mordanschlag“ gipfelten, ließen aber den Oberbürgermeister in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu einem Widersacher des NS-Staates mutieren.
Während Krebs sich dann als „Täter mit gutem Gewissen“ (Wolfgang Bialas) den US-Militärs stellte, flüchtete Jakob Sprenger auf weiteren Umwegen nach Kössen in Tirol und beging dort gemeinsam mit seiner Ehefrau Selbstmord. Der Gauleiter gehörte augenscheinlich zu den Nationalsozialisten, für die nach Hitlers Tod und dem Ende des NS-Systems das Weiterleben in einem Deutschland jenseits des NS-Staates unvorstellbar war. Gleichzeitig wird Sprenger als Realist beschrieben; er schien zu ahnen, dass ihn die Besatzungsmächte aufgrund seines prominenteren Status und der Täterschaft im „Dritten Reich“ zur Rechenschaft gezogen hätten.

Fazit 1945
Dass in der historischen Aufarbeitung der Frankfurter NS-Zeit bis heute die Täterschaft von Krebs falsch gewichtet wurde, resultiert auch daher, dass in der Persönlichkeit Sprengers eher der Gegenspieler aufgebaut, als der Komplize betrachtet werden sollte. An ideologischem Einvernehmen beider Machtpolitiker, mögen sie auch eine Privatfehde ausgetragen haben, mangelte es grundsätzlich aber kaum; und in ihrer – wenngleich nicht extra verabredeten – Arbeitsteilung in Frankfurt waren sie schließlich in einem NS-ethischen Sinne „erfolgreich“. Im Frühjahr 1945 – nach zwölfjähriger Amtszeit der beiden wichtigsten NS-Funktionäre in Frankfurt – liest sich das Fazit gemeinschaftlichen Täterhandelns wie folgt:
Vernichtung der in Relation zur Stadtbevölkerung größten jüdischen Gemeinschaft im Reich, Zerstörung ihrer Einrichtungen, Raub, fiskalische Ausplünderung, Vertreibung ins Exil und schließlich die Deportation von mehr als 11.000 Menschen – die letzte mit fünf Personen organisierte die Geheime Staatspolizei noch am 15. März 1945; an diesem Tag überquerten Panzer der 87. US-Division bereits die Mosel. Ein kleiner Kreis konnte untertauchen, und nur eine geringe Zahl Überlebender kehrte aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern nach Frankfurt zurück. – In verbrecherische Praxis umgesetzt wurde das Programm „Vernichtung lebensunwerten Lebens“; spätestens ab 1935 ließen städtische Bedienstete regelmäßig Insassen aus Frankfurter Kliniken – Frauen, Männer und Kinder – mittels „Sammelbeförderungen“ vornehmlich in hessische Mordanstalten überführen. – Auf Grundlage des „Auschwitz-Erlasses“ von Heinrich Himmler wurden am 9. März 1943 auch die in Frankfurt noch ansässigen Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Von den etwa 100 Personen kamen die meisten in der Haft zu Tode; nur wenige überlebten.


Literatur
  • Heike Drummer, „…dem Wahren, Schönen und Guten zu dienen“
  • Friedrich Krebs (1894-1961) – Oberbürgermeister in der NS-Zeit, in: AFGK 73. Erscheint 2011.
  • Dieter Rebentisch, Der Machthunger des Gauleiters in Frankfurt war unstillbar“, in: FAZ, 20. August 1983.
  • Ders., Persönlichkeitsprofil und Karriereverlauf der nationalsozialistischen Führungskader in Hessen, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 33/1983, S. 293-331.
  • Franz Hermann Woweries, Reichsstatthalter Gauleiter Jakob Sprenger. Lebensbild eines Gefolgsmannes Adolf Hitlers, Berlin o. J. [1934/35].
  • Stephanie Zibell, Jakob Sprenger – Eine Studie zur Biographie und Politik des nationalsozialistischen Gauleiters in Hessen-Nassau (Inaugural-Dissertation), Mainz 1998 (Druck 1999).

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