Tod unter dem Fallbeil: Der Dramaturg und Schriftsteller Adam Kuckhoff (1887-1943)

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„Berlin-Plötzensee, den 5. August 1943
Mein lieber Sohn Ule! …
Du wirst Deinen lieben Vater nicht wiedersehen. So gerne hätte er Dich aufwachsen sehen, er hat Dich auch so lieb, so lieb gehabt, so viel Schönes wollte er noch mit Dir erleben und Dich lehren: immer, wenn er etwas las, hat er dabei an Dich gedacht. … Ich küsse Dich mit ganzer Vaterliebe Dein Adam-Vater.“ (Adam Kuckhoff wenige Stunden vor der Hinrichtung an seinen Sohn)
Adam Kuckhoff, der durch die NS-Verfolgung zu den vergessenen und nicht wieder aufgelegten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gehört, kommt am 30. August 1887 in Aachen als einziges Kind eines wohlhabenden Nadelfabrikanten zur Welt. Er wächst in einem weltoffenen und liberalen Elternhaus auf. Bereits im jugendlichen Alter reist er nach Frankreich und sieht sich 1900 auf Anregung des Vaters die Weltausstellung in Paris an. Regelmäßige Theaterbesuche, auch in Frankreich, wecken schon früh sein Interesse an Literatur und Schauspiel. Der städtische Konzertmeister erteilt ihm Geigenunterricht.
Nach dem Abitur am traditionsreichen und antipreußisch ausgerichteten Kaiser-Karls-Gymnasium 1906 geht er nach Freiburg, später nach München, Heidelberg und Berlin, um zunächst Medizin, Jura und Volkswirtschaft zu studieren. Sein Kommilitone Hermann Flesche erinnerte sich: „Er studierte wenig und dichtete viel, hauptsächlich Gedichte.“ In Halle, wo er ab 1909 eingeschrieben ist, schließt er sich der „Literarischen Gesellschaft“ an, die berühmte Autoren zu Lesungen einlädt. Außerdem wird er Mitglied, bald sogar zweiter Ausschussvorsitzender und Leiter der literarischen Abteilung der freistudentischen Bewegung. Die Finken werden in Halle nach einem Vortrag Helene Stöckers zur Gleichberechtigung der Frau und dem Artikel „Student und Politik“ von August Bebel im Freistudentischen Taschenbuch 1910/11 verboten. Von seinem Freund Adolf Grimme übernimmt Kuckhoff 1909 die verantwortliche Redaktion des „Freistudenten“, später „Der Akademiker“. Unter seiner Leitung entwickelt sich die literarische Abteilung der Freien Studentenschaft „zu einem Faktor im literarischen Leben Halles“. Bei deren Aufführungen begeistern Kuckhoff und seine spätere Frau neben der Kritik auch die Zuschauer. Eigene Texte trägt er in diesem Rahmen ebenfalls vor. Währenddessen mahnen die Eltern: „Es ist doch endlich einmal an der Zeit, daß Du mit Deinem Studium weiterkommst …“ Sein Studium der Deutschen Philologie, Geschichte und Philosophie schließt der gut situierte Fabrikantensohn 1912 mit der Promotion zu „Schillers Theorie des Tragischen“ ab. Er heiratet 1913 die Freistudentin und Schauspielerin Marie Viehmeyer; 1912 war bereits ihr gemeinsamer Sohn Armin-Gerd geboren worden. Die Ehe wird 1923 geschieden. Im gleichen Jahr heiratet er die Schauspielerin Gertrud Viehmeyer.

Volksbildung durch Theater
Nach ersten literarischen und journalistischen Versuchen lässt sich Kuckhoff 1914/1915 am Schauspielhaus Düsseldorf ausbilden. Bühnenerfahrung sammelt er anschließend am Fronttheater in Laon, am Stadttheater Elberfeld und in Krefeld.
Von 1917 bis 1920 wirkt Kuckhoff als Dramaturg am Neuen Theater in Frankfurt am Main, wo sein Drama „Der Deutsche von Bayencourt“ 1918 uraufgeführt wird. Es thematisiert die unmittelbare Gegenwart: die des Krieges. Neben Auftritten als Schauspieler führt er in diversen Stücken Regie – so etwa bei der deutschen Erstaufführung von Nikolaj Gogols „Die Spieler“ und 1919 bei der dramatischen Lesung seines eigenen Textes „Die Revolution des deutschen Geistes von Luther bis heute“. Für die Hauszeitschrift des Neuen Theaters „Der Zuschauer“ zeichnet er ab 1919 als Herausgeber verantwortlich. Außerdem arbeitet Kuckhoff für das Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“. Statt ein Angebot des Stadttheaters Köln anzunehmen, nutzt er die Intendanz der gerade gegründeten Wanderbühne „Frankfurter Künstlertheater für Rhein und Main“ des Verbands für Volksbildung von 1920 bis 1923, um gemeinsam mit Oberspielleiter Robert George ein Volkstheater mit neuen, bildenden Grundsätzen zu realisieren. In den Wandertheatern sieht er „geradezu die Urstellen einer organischen Theatergestaltung“. Desillusioniert von ungleichmäßiger Gagenzahlung oder der Unmöglichkeit eines geregelten Spielbetriebs treten Kuckhoff, George und das gesamte Ensemble 1923 zurück.

Engagierter und provokanter Autor und Herausgeber
Kuckhoff arbeitet parallel immer als Autor und Herausgeber. So erscheinen etwa die Werke Georg Büchners 1927 in einer von ihm kommentierten Volksausgabe. Es entstehen mehrere Romane und diverse Bühnenstücke. Als Filmtheoretiker zählt er zu den Pionieren. Dabei wendet er sich gegen die „sentimentale Verlogenheit des Gesellschaftsfilms“. In der aktuellen Rubrik „Gesicht der Zeit“ der kulturpolitischen Zeitschrift „Die Tat“ veröffentlicht Kuckhoff regelmäßig. Im April 1928 übernimmt er schließlich die Leitung des bislang konservativen Blattes, das nun den Untertitel „Monatsschrift zur Gestaltung neuer Wirklichkeiten“ und rasch ein linkes Profil erhält. Dort erscheinen etwa 50 vielfach provokante Artikel von ihm, was schon 1929 zu seinem Ausscheiden führt, denn nach Intention des Herausgebers sollte nur ein Generationenwechsel und kein radikaler Wertewandel des Blattes eingeleitet werden.
Von 1930 an beruft ihn der sozialdemokratische Kultusminister Preußens, Adolf Grimme, zum Ersten Dramaturg am Berliner Staatstheater, dem damals bedeutendsten Sprechtheater Deutschlands. Seine Inszenierungen provozieren so sehr, dass die Zusammenarbeit schon 1932 wieder endet. Anschließend bis zur Verhaftung 1942 ist er nurmehr freiberuflich tätig, unter anderem als Lektor beim Ullstein-Verlag. Mit dem Roman „Scherry“, publiziert vom traditionsreichen Frankfurter Verlag Rütten & Loening, glückt ihm 1931 der Durchbruch als Schriftsteller. „Der Deutsche von Bayencourt“, erster Teil eines als Trilogie geplanten Stoffes, kommt 1937 auf den Markt. Um einer Umdeutung im nationalsozialistischen Sinne vorzubeugen, lehnt er die lukrative Verfilmung seines Romans ab. Eine niederländische Zeitung kommentiert: „Dieser Roman trägt mehr zur Völkerverständigung bei als großartige Kongreßreden.“ Im gleichen Jahr heiratet er in dritter Ehe Greta Lorke; der zweite Sohn Ule kommt 1938 zur Welt. Seitdem arbeitet Kuckhoff an Drehbüchern für Unterhaltungsfilme mit – allerdings ohne namentlich in Erscheinung zu treten, um seinen Ruf nicht zu schädigen.

Aktives Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle
Auch persönlich bedeutet das Jahr 1933 eine tiefe Zäsur für Kuckhoff: Die Geheime Staatspolizei foltert seinen Schwager, den Schauspieler und Kommunisten Hans Otto. Nach 1933 pflegt Kuckhoff, der sich inzwischen zum Marxisten entwickelt hat, gemeinsam mit seiner Ehefrau Greta Kontakte zum Widerstandskreis Rote Kapelle, besonders zu den Ehepaaren Mildred und Arvid Harnack sowie Libertas und Harro Schulze-Boysen. Der Zirkel organisiert Flugblattaktionen und dokumentiert NS-Verbrechen. Die Widerständler wollen außerdem Möglichkeiten für Friedensverhandlungen mit der Sowjetunion schaffen. Die Eheleute Kuckhoff versuchen, Gleichgesinnte zu gewinnen, und gehören zu den Mitverfassern illegaler Schriften. Allein der für die Reihe „Offene Briefe an die Ostfront“ von Kuckhoff geschriebene Brief „An einen Polizeihauptmann“ hat sich erhalten. Darin fordert er von den Soldaten ein eigenverantwortliches, gegen das Morden und die Mörder gerichtetes Handeln auf Basis humanistischer Ideale. Adam Kuckhoff ist in die Beschaffung und Vermittlung von Informationen an sowjetische Stellen eingebunden und in die Widerstandstätigkeiten der Gruppe eingeweiht.
Nachdem die Rote Kapelle durch die Entschlüsselung eines Funkspruches auffliegt, werden am 12. September 1942 auch Adam Kuckhoff, der sich zu Filmaufnahmen in Prag aufhält, und seine Ehefrau in Berlin verhaftet. Kuckhoffs Drama „Till Eulenspiegel“, dessen Uraufführung mit Bernhard Minetti in der Titelrolle für Oktober 1942 in Posen geplant ist, wird vom Spielplan abgesetzt. Ihn selbst erwarten Verhöre in der Berliner Gestapo-Zentrale. Bis zum Prozess, der als „Geheime Kommandosache“ Anfang Februar 1943 unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor dem 2. Senat des Reichskriegsgerichts stattfindet, bleibt er stets gefesselt. Die Geheime Staatspolizei foltert ihn. Die Mutter erhält keine Besuchserlaubnis; über das Schicksal seiner Frau bleibt er im Ungewissen: „Es ist das Schwerste, ja das einzig Schwere, daß ich nicht wissen werde, was mit Dir geworden ist, obwohl ich gute Hoffnung für Dich habe.“ Die Eheleute sehen sich letztmalig vor Gericht. Von seinem damals fünfjährigen Sohn muss sich Adam Kuckhoff in Handschellen verabschieden.
Sein Jugendfreund und Mitangeklagter Adolf Grimme erinnerte sich: „Was nun seine Haltung vor Gericht betrifft, so ist sie dieselbe gewesen, die er in den letzten Wochen seines Lebens gezeigt hat: Mannhaft, keinen Augenblick innerlich oder äußerlich nachgebend und wie besessen in dem Glauben, daß er sein Leben für eine große Sache zum Opfer bringen müsse.“ Am 3. Februar 1943 ergeht gegen Adam Kuckhoff wegen angeblicher „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens und wegen Feindbegünstigung“ das Todurteil. Anfang März wird er in das Strafgefängnis Plötzensee überstellt. Das Gnadengesuch lehnt Adolf Hitler am 21. Juli 1943 ab. Kurz vor seinem Tod fasst Kuckhoff in seinem literarischen Testament „Mein Werk“ auch die nachgelassenen Schriften zusammen; vieles blieb unvollendet und ungeschrieben. Am 5. August 1943 wird der 55-jährige Adam Kuckhoff in Plötzensee um 19.06 Uhr als dritter von 15 zum Tode verurteilten Mitstreiterinnen und Mitstreitern durch das Fallbeil hingerichtet. Die Leichen gehen zu Forschungszwecken an die Anatomie, was den Verurteilten bekannt ist.
Die zunächst ebenfalls zum Tode verurteilte Ehefrau erhält eine zehnjährige Zuchthausstrafe und wird am 8. Mai 1945 von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Waldheim befreit.

Späte Ehrungen
Die Deutsche Demokratische Republik ehrt Kuckhoff als Widerstandskämpfer unter anderem 1964 durch eine Briefmarke. Ab 1964 verleiht die Martin-Luther-Universität in Halle jährlich den Adam Kuckhoff-Preis für wissenschaftliche, kulturelle und sportliche Leistungen. Zum 20. Jahrestag der Gründung der DDR zeichnet das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR Adam Kuckhoff und einige seiner Mitstreiter 1969 mit dem Rotbanner-Orden aus. Inzwischen sind nicht nur in den neuen, sondern auch in den alten Bundesländern einige Straßen, Plätze und öffentliche Einrichtungen nach Kuckhoff und seiner Frau benannt.
Adam Kuckhoff ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur
  • Hans Coppi (Hg.), Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994.Ders./Jürgen Danyel/Johannes Tuchel (Hg.), Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994.
  • Ingeborg Drewitz (aufgezeichnet), Leben und Werk von Adam Kuckhoff, Berlin 1968.
  • Regina Griebel/Marlies Coburger/Heinrich Scheel, Erfasst? Das Gestapo-Album zur Roten Kapelle. Eine Foto-Dokumentation, Halle 1992, besonders S. 70-74.
  • Karlheinz Jackstel (Hg.), Adam Kuckhoff – Tradtion und Aufgabe, Halle-Wittenberg 1977.
  • Adam Kuckhoff, Eine Auswahl von Erzählungen, Gedichten, Briefen, Glossen u. Aufsätzen. Aus d. Nachlass hg., eingeleitet und kommentiert von Gerald Wiemers, Berlin 1970.
  • Greta Kuckhoff (Hg.), Adam Kuckhoff zum Gedenken. Novellen, Gedichte, Briefe, Berlin 1946 (2. Auflage).
  • Dies., Vom Rosenkranz zur roten Kapelle. Ein Lebensbericht, Berlin 1972.
  • Siedhoff, Das Neue Theater, S. 20 f., 250 ff., 258, 263, 265, 268 f., 276, 278.
  • Gerald Wiemers, Ein Stück Wirklichkeit mehr. Berlin o. J.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;  

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