Landtagswahlen 1946 und 1950

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Plakatierung für die Landtagswahl am 1. Dezember 1946

Die Landtagswahlen 1946 stellten die Weichen für die politische Gestaltung in Hessen. Zusätzlich zur Landtagswahl am 1.12.1946 fand die Volksabstimmung über den Verfassungsentwurf und den Artikel 41 der Hessischen Verfassung statt, der die Einführung einer Sozialisierung des Bergbaus und weiterer Grundstoffindustrien des Landes vorsah. Zur Wahl stellten sich CDU, SPD, KPD und LDP, die im Wahlkampf gesellschaftlichen und ökonomischen Entwürfe vorstellten. Während SPD und KPD als Arbeiterparteien vor allem den sozial gerechten Wiederaufbau des Landes, die Entnazifizierung und die Sozialisierung von Bergbau und Grundstoffindustrien (Kali, Kohle, Erze) thematisierten, hatte sich die neu gegründete CDU unter Werner Hilpert als dezidiert linksorientierte, überkonfessionelle Partei an alle Volksschichten gewandt und warb inhaltlich für einen Neubau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft unter christlichen und sozialen, teilweise sozialistisch anmutenden Vorzeichen. Die LDP verstand ihre programmatische Ausrichtung hingegen als bewusste Gegenposition zum demokratischen Sozialismus der SPD, zum sowjetrussischen Rätemodell der KPD und zum christlichen Sozialismus der CDU. Ihrem Selbstverständnis nach war sie die einzige bürgerliche und (national-)konservative Kraft im Land.

Der spätere Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard 1946 im Landtagswahlkampf für die CDU

Wahlplakat der CDU zur Landtagswahl 1946: die Gemeinschaft des christlichen Abendlandes hört mitten in Deutschland auf


Die Landtagswahl vom 1. Dezember 1946 lieferte ein ähnliches Ergebnis wie die Kommunalwahlen, die zwischen Januar und Mai des Jahres durchgeführt worden waren. Die SPD erreichte im Land 42,7% der Stimmen und verwies die CDU mit 30,9% auf den zweiten Platz. Die LDP kam auf 15,7%, die KPD auf 10,7%. Die Sozialdemokraten erhielten 38 Sitze, die CDU 28, die Liberaldemokraten 14 und die KPD 10. Aus diesem Ergebnis wurde über die Kommunalwahlen hinaus die Dominanz der Sozialdemokraten auch auf Landesebene sichtbar und initiierte die Entwicklung hin zum „roten Hessen“. Für die Annahme der Hessischen Verfassung mit dem darin ausgesprochenen Sozialisierungsgebot nach Artikel 41 votierten 76,8% der Wähler. Die Wahlbeteiligung in Hessen lag bei 73,2%. Aus politischen Gründen waren auch bei dieser Wahl immer noch 5,3% der Wähler nicht wahlberechtigt, die meisten, weil sie in einem Spruchkammerverfahren verurteilt worden waren.
In Frankfurt waren die Stimmenabgabe für die Parteien ähnlich ausgefallen: Auf Platz eins kamen die Sozialdemokraten mit 40,9%, die CDU erreichte 27,4% und lag leicht unter dem Landesdurchschnitt. Überdurchschnittlich fiel das Frankfurter Ergebnis der Liberaldemokraten mit 17,8% aus. Die Wahlbeteiligung in Frankfurt lag mit 70,6% geringfügig niedriger als im Rest des Landes. Bekannte Politiker der Stadt, die in den Hessischen Landtag einzogen, waren z.B. Nikolaus Fleckenstein (1906-1979) für die CDU, Wilhelm Knothe für die SPD, Kurt Göbel (1900-1983) für die LDP und Leo Bauer für die KPD. Wie im Rest des Landes begann sich auch in Frankfurt die Dominanz der SPD zu etablieren.
Die Landtagswahl vom 19. November 1950 war durch die Auseinandersetzungen in der vorherigen SPD/CDU-Regierung von Ministerpräsident Christian Stock (1884-1967) geprägt. Nachdem noch 1946 die Gemeinsamkeiten zwischen CDU und SPD vor allem in der Frage der Wirtschafts- und Sozialordnung groß waren und der linke Flügel der CDU um Werner Hilpert die Sozialisierung befürwortet hatte, verschoben sich in der CDU die parteiinternen Machtverhältnisse zugunsten des seit 1949 von Konrad Adenauer unterstützten bürgerlich-konservativen Parteiflügels mit seiner marktwirtschaftlichen und gesellschaftlich restaurativen Orientierung. Die Spannungen zwischen SPD und CDU wuchsen insbesondere in den letzten Regierungsjahren unter Stock und entzündeten sich an den Fragen der Sozialisierung und der Bekenntnisschulen.
Diese zunehmenden politischen Meinungsverschiedenheiten prägten den Wahlkampf . Bei den Sozialdemokraten gab es wie schon 1946 keinen Spitzenkandidaten; Christian Stock, Wilhelm Knothe und Georg-August Zinn zogen als Führungstrio gemeinsam in den Wahlkampf, der vom Parteivorsitzenden Kurt Schumacher am 29. Oktober 1950 eröffnet wurde. Themenschwerpunkt der SPD war neben der sozialen Sicherheit und der Sozialisierung die Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Letzteres stand in engem Zusammenhang mit der von der Regierung Adenauer geplanten Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland, die von der SPD vehement abgelehnt wurde.
Die hessische CDU befand sich in einem Dilemma, denn die Themen, die ihr und ihrem Vorsitzenden Werner Hilpert wichtig waren, wurden von den Sozialdemokraten zur Wahlwerbung verwendet und waren somit besetzt. Auch ihr Einsatz für die konfessionelle Bekenntnisschule (ein Thema, das vor allem von katholischen Wählern honoriert worden war) spielte im überwiegend protestantischen Hessen nur eine geringe Rolle. Die FDP füllte im Wahlkampf von 1950 weiterhin die Rolle der antisozialistischen Bürgerpartei und (national-)konservativen Rechtspartei aus. Isoliert war weitgehend die KPD, deren Vorstellungen einer „Diktatur des Proletariats“ für die meisten Wähler keine politische Alternative darstellte.
Das Wahlergebnis vom 19. November 1950 bestätigte die Entwicklung des Landes zum „roten Hessen“ und brachte den Sozialdemokraten mit landesweit 44,4% an erste Stelle, gefolgt von den Liberaldemokraten mit danach nicht wieder erreichten 31,8%. Dieser auch für die Nachkriegszeit ungewöhnlich hohe Stimmenanteil ging jedoch zu einem guten Teil auf das Konto des GB/BHE. Mit dieser Partei hatten die Liberalen vor der Wahl ein Listenbündnis geschlossen, das auch acht BHE-Kandidaten in den Hessischen Landtag einziehen ließ. Den dritten Platz nahmen die Christdemokraten mit 18,8% ein. Mehr als halbiert hatte sich der Anteil der KPD, sie verfehlte mit nur 4,7% den Einzug ins Landesparlament.
In Frankfurt votierten die Wähler folgendermaßen: Die SPD errang 52,3% der Stimmen, die CDU lag bei 16,9%, die Liberaldemokraten kamen auf 25,2%, die KPD-Stimmen verschwanden in den 5,6% der „Sonstigen“. Die Wahlbeteiligung lag bei 50,7% und damit deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 64,9%. Unter den neu in den Hessischen Landtag gewählten Frankfurter SPD-Abgeordneten war auch Oberbürgermeister Walter Kolb und für den GB/BHE Fritz Czermak (1894-1966).



Literatur und Quellen
  • Bernd Heidenreich/Konrad Schacht (Hg.), Hessen. Wahlen und Politik, Stuttgart/Berlin/Köln 1996 (Schriften zur Politischen Landeskunde, Bd. 3).
  • Wolf-Arno Kropat, Hessen in der Stunde Null 1945/47, Wiesbaden 1979.
  • Walter Mühlhausen, Hessen 1945-1950. Zur politischen Geschichte eines Landes in der Besatzungszeit, Frankfurt/Main 1985.
  • Nils Diederich u.a.. (Bearb.), Wahlstatistik in Deutschland. Bibliographie der deutschen Wahlstatistik 1848-1975, München 1976 (Berichte und Materialien des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung ZI 6 der Freien Universität Berlin).
  • Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, S3/T 10.372.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Europäische Verteidigungsgemeinschaft;  
Personen:  GEorg-August Zinn;  

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