Der braune Magistrat: Johann Adolf Joseph Kremmer

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Der gelernte Postbeamte Joseph Kremmer löste 1937 den zum stellvertretenden Gauleiter in Hessen-Nassau berufenen Karl Linder auf dem Posten des Frankfurter Bürgermeisters und Personaldezernenten ab. Kremmer stammte aus Wanfried im Kreis Eschwege im Nordosten Hessens, wo er am 10. Januar 1886 als Sohn eines Landwirts zur Welt gekommen war. Nach Schulzeit, vorzeitigem Abgang vom Gymnasium mit der Obersekundareife und seiner Ausbildung bei der Post in Kassel arbeitete er bis 1933 zunächst als Postinspektor in Frankfurt. Während des Ersten Weltkriegs diente er bei Feldpostsammelstellen in Kassel und im Ruhrgebiet.

Joseph Kremmer (links) inmitten von Parteigenossen. Das Entstehungsjahr dieser Aufnahme ist nicht überliefert.


Kremmer wurde 1930 mit der Nummer 215 260 NSDAP-Mitglied. Seit 1932 war er als Leiter zuständig für den Aufbau der Beamtenabteilung der NSDAP im Gau Hessen-Nassau Süd, aus der später das Amt für Beamte hervorging. 1933 zog er als NSDAP-Stadtverordneter in den Frankfurter Römer ein, doch bereits im Oktober desselben Jahres wechselte er nach Geisenheim im Rheingau, als stellvertretender Landrat für den Rheingau-Taunus-Kreis. 1934 übernahm er diesen Landkreis endgültig als Landrat. Doch scheint das nur zweite Wahl gewesen zu sein. Denn ursprünglich hatte er das gleiche Amt in Montabaur (Unterwesterwaldkreis) ausüben sollen, dort schlug ihn jedoch ein junger nationalsozialistischer Verwaltungsjurist, Freiher Rudolf von Preuschen, aus dem Rennen. 1934 schied Kremmer auch endgültig aus dem Postdienst aus.
Irgendwann in den zwanziger Jahren, während seines Dienstes bei der Post in Frankfurt, muß er den damals ebenfalls dort als Postbeamten beschäftigten Jakob Sprenger, den späteren Leiter des Gaus Hessen-Nassau, kennengelernt haben. Seit dieser Zeit war er enger Mitarbeiter Sprengers, der ihn nach Kräften protegierte: Ihm verdankte er sowohl den Posten als Landrat, als auch eine Vorzugsbeförderung zum Oberpostinspektor, die allerdings nicht mehr ausgesprochen wurde, weil Kremmer mittlerweile aus dem Postdienst ausgeschieden war; Sprenger war auch derjenige, der ihn 1937 als Bürgermeister wieder nach Frankfurt holte.
Zeugen beschrieben Kremmer später als „subalterne Natur“, auch der wenig schmeichelhafte Spitzname „Unterschreibmaschine“ charakterisiert ihn als beflissenen und anpassungsbereiten Beamten. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum der Gauleiter auf seine Mitarbeit setzte. Sprenger war bekannt dafür, daß er sich vorzugsweise mit einer Clique eher mittelmäßiger, aber treuer Gefolgsleute und unerfahrener, junger Gauamtsleiter umgab. Geistige Überlegenheit oder übertriebene eigene Ambitionen schätzte er in seiner Umgebung nicht. Das sicherte eine stabile Führungsposition.
Auf eine Ausschreibung der Bürgermeister-Stelle hatte Sprenger verzichtet – ein Vorgehen, das er sich nachträglich vom Preußischen Innenminister bestätigen ließ –, und damit konsequent die Wünsche des Frankfurter Oberbürgermeisters ignoriert, der zwei andere Kandidaten für den Bürgermeisterposten ins Auge gefaßt hatte. Die Hauptarbeit als Personaldezernent hatte Kremmers Vorgänger, Karl Linder, bereits geleistet: unter seiner Ägide waren die Bestimmungen des Berufsbeamtengesetzes in die Tat umgesetzt, das heißt politisch unliebsame Beamte und Angestellte der Stadt entlassen worden. Für Kremmer blieb die Rolle des Kontrolleurs der Stadtverwaltung. Bezeichnenderweise sah Stadtkämmerer Lehmann in ihm einen ebenso gefährlichen Parteifunktionär wie beispielsweise den Gauleiter selbst oder den Gauschatzmeister Walter Eck.
Gegen Kriegsende setzte sich Kremmer an seinen Geburtsort nach Nordhessen ab, wurde dort aber im Mai 1945 verhaftet. Bereits einen Monat zuvor war er vom neuen Frankfurter Bürgermeister seines Amtes enthoben worden. Im Juni wurde er auf Befehl der amerikanischen Militärregierung offiziell entlassen. Bis zur Eröffnung seines Spruchkammerverfahrens 1948 blieb er in verschiedenen Lagern interniert. In Kremmers Abwesenheit hatte der Frankfurter Hauptuntersuchungsausschuß inzwischen entschieden, daß eine Weiterbeschäftigung unmöglich sei, denn Kremmer sei alter Nationalsozialist, habe für sein Amt nicht die nötige Vorbildung gehabt und es nur wegen seiner Tätigkeit für die NSDAP erhalten. Die Spruchkammer stufte ihn in ihrem Spruch als Belasteten ein, was den Verlust seiner Rentenansprüche bedeutete.
Damit wollte er sich nicht abfinden. Er versuchte in den folgenden zehn Jahren in etlichen Gerichtsverfahren gegen die Stadt Frankfurt, eine günstigere Einstufung zu erreichen und seine Versorgungsbezüge zu erstreiten, hatte damit aber nur mäßigen Erfolg. Selbst 1957 sah die Kommune noch keine Veranlassung, ihm sein Ruhegehalt als Stadtrat zu zahlen. Sie beharrte auf ihrem Standpunkt, daß ihm lediglich die Bezüge aus seiner letzten Stellung als Postbeamter zustünden. Das Verfahren wurde erst 1961 letztinstanzlich durch den Hessischen Verwaltungsgerichtshof entschieden.
Kremmer starb 1976 im Alter von 90 Jahren in Gersfeld in der Rhön.


Literatur
  • Bettina Tüffers, Der Braune Magistrat. Personalstruktur und Machtverhältnisse in der Frankfurter Stadtregierung 1933-1945 (Studien zur Frankfurter Geschichte 54), Frankfurt am Main 2004

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