Der braune Magistrat: Karl Friedrich Reinhold Niemeyer

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Reinhold Niemeyer, der 1885 in Peckelsheim in Westfalen geboren wurde, trat 1931 die Nachfolge des über die Grenzen Frankfurts hinaus berühmt gewordenen Baustadtrats Ernst May an. Nach seinem Studium des Hoch- und Städtebaus in München und Hannover war Niemeyer als Regierungsbauführer in Paderborn tätig gewesen, später, nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, hatte er im schlesischen Oppeln gearbeitet, seit 1927 als Geschäftsführer der Landesplanung Oberschlesien. 1930 wurde er Präsident des Ruhrsiedlungsverbands.
Niemeyer setzte sich mit seiner Kandidatur in Frankfurt gegen 72 Konkurrenten durch, was zeigt, wie begehrt, aber auch umkämpft diese Stelle war. Die Diskussion um die Nachfolge Mays war dabei eindeutig ideologisch geprägt. Mays Konzept des „Neuen Bauens“ beziehungsweise der „Neuen Sachlichkeit“ wurde von konservativen und rechtsgerichteten Kreisen heftig kritisiert. Zudem stand die Wahl – wie auch diejenige des neuen Kämmerers im selben Jahr – im Zeichen der sich allgemein verschärfenden politischen und wirtschaftlichen Lage.
Dennoch wurde Niemeyer im April 1931 nach anfänglichen Hindernissen einstimmig von der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt. Er beteiligte sich erst gar nicht an den Auseinandersetzungen über bestimmte architektonische Positionen und vermied damit eine eindeutige Festlegung, sondern sah es vielmehr als seine vorrangige Aufgabe, Wohnungen so preiswert zu bauen, daß die Mieten von einer breiten Bevölkerungsschicht bezahlt werden könnten.
Niemeyer trat am 18. April 1933 mit der Mitgliedsnummer 1.811.542 in die NSDAP ein. Einer anderen Partei hatte er zuvor nach allem, was man weiß, nicht angehört, er soll aber der nationalliberalen Deutschen Volkspartei nahegestanden haben.
1938 mußte Niemeyer aus dem Frankfurter Magistrat ausscheiden. Bereits seit 1936 war er von seinem Amt suspendiert: Er hatte nach längerem Hin und Her gehen müssen, weil mittlerweile die halbe Stadt davon sprach, daß er Alkoholiker war und eine Geliebte hatte. Oberbürgermeister Krebs begann, nachdem immer mehr Einzelheiten über Niemeyers Privatleben an die Öffentlichkeit gedrungen waren, ein Dienststrafverfahren mit dem Ziel der Amtsenthebung in die Wege zu leiten. Niemeyer war damit der einzige der schon in den zwanziger und beginnenden dreißiger Jahren berufenen Stadträte, der noch nach der Entlassungswelle von 1933 sein Amt aufgeben mußte, nachdem er das Prüfungsverfahren nach dem sogenannten Berufsbeamtengesetz unbeschadet überstanden hatte.
Die Untersuchungen gegen Niemeyer und das sich anschließende Entlassungsverfahren zogen sich über etliche Monate hin. Die Vorwürfe gegen ihn waren inzwischen zu einem stattlichen Berg angewachsen: man legte ihm falsche Reiseberichte und Abrechnungen zur Last, verdächtigte ihn, Dienstreisen zu privaten Zwecken genutzt und Sitzungen wegen Trunkenheit versäumt zu haben und ähnliches mehr. Die Angriffsfläche, die Niemeyer dadurch bot, nutzte die NSDAP aus, um ihrerseits sein politisches „Fehlverhalten“ anzuprangern. Er habe ernsthaft einen Ruf in die UdSSR erwogen, sich abfällig über den Führer und seine SS-Ehrenwache geäußert und versucht, den ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeister Landmann vor seiner drohenden Verhaftung zu schützen.
Im Januar 1937 jedoch wurde das Dienststrafverfahren gegen Zahlung einer Strafe von 1000 Reichsmark plus der Verfahrenskosten wegen Geringfügigkeit der Verfehlungen eingestellt. Bei der Überprüfung der Vorwürfe hatte sich überdies ergeben, daß sich Be- und Entlastungen in etwa die Waage hielten. Diese Auffassung teilte Oberbürgermeister Krebs allerdings nicht: Niemeyer war durch sein Verhalten und den damit verbundenen Ansehensverlust zu einer Schwachstelle im Magistrat und Krebs selbst damit als Stadtoberhaupt angreifbar geworden. Vor allem deshalb und nicht allein aus moralischer Entrüstung bestand Krebs auf einer Entlassung „aus Gründen der Dienstzucht“. Das war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr nötig: Niemeyer hatte von sich aus auf seinen Posten verzichtet, er beabsichtigte, auf eine Stelle als Landesplaner in der Kurmark zu wechseln. Als dieser Wechsel vorläufig nicht zustandekam, wäre beinahe eine Rückberufung nach Frankfurt nötig geworden. Denn eine Übernahme als Baurat in eine andere Stadt schied aus, es gab keine andere Stadt, die ihn haben wollte. Die äußerst zähen Verhandlungen zwischen Oberbürgermeister, Wiesbadener Reigerungspräsident, den Ministerialbeamten in Berlin und dem Oberpräsidenten in Brandenburg um die Stelle als Landesplaner und die Entlassung aus Frankfurter Diensten zogen sich noch bis in den Frühsommer 1938 hin, dann endlich wurde Niemeyer zum Landesrat des Provinzialverbandes Brandenburg ernannt.
Informationen über seinen weiteren Lebensweg sind nur bruchstückhaft vorhanden. Man weiß lediglich, daß Niemeyer sich um die Planungen und den Bau des sogenannten Gauforums in Frankfurt an der Oder kümmerte. In den vierziger Jahren wurde er Abteilungsleiter im Reichsministerium Speer.


Literatur
  • Bettina Tüffers, Der Braune Magistrat. Personalstruktur und Machtverhältnisse in der Frankfurter Stadtregierung 1933-1945 (Studien zur Frankfurter Geschichte 54), Frankfurt am Main 2004

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