Die Musikbibliothek Paul Hirsch und der Versuch ihrer Beschlagnahmung

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Paul Hirschs Haus in der Neuen Mainzer Straße 57, um 1930

Die Sammlung des Industriellen Paul Hirsch beruhte, wie auch die Kunstsammlung seines Bruders Robert von Hirsch, nicht auf einem ererbten Bestand, sondern sie wurde von ihm selbst aufgebaut. Paul Hirsch hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Sammlung zusammenzutragen, die die Kriterien einer wissenschaftlichen Bibliothek erfüllen und als solche für die Öffentlichkeit nutzbar sein sollte. Hirsch erwarb neben praktischen Notenausgaben vor allem musikwissenschaftliche und -theoretische Literatur. Seine Leitlinien dabei waren: wissenschaftliche Bedeutung, gute Erhaltung, Seltenheitswert, Typographie, Einband und Ausstattung (z. B. Bilderschmuck). Einen der Schwerpunkte von Hirschs Sammeltätigkeit bildeten Musikdrucke aus der Frühzeit des Notendrucks. Mit der Zeit erreichte dieser Teil der Sammlung einen Umfang, der mit den großen National- und Universitätsbibliotheken der Welt konkurrieren konnte. Im Jahr 1896 begonnen, suchte die Musikbibliothek Paul Hirsch Ende der 1920er Jahre in Europa ihresgleichen.
Hirsch machte sich auch durch die Herausgabe von Katalogen – zum Teil gemeinsam erarbeitet mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Kathi Meyer Baer – und Nachdrucken aus seinen Sammlungsbeständen einen Namen.

Innenansicht der Musikbibliothek, um 1930.


Seit 1909 war die Musikbibliothek für Besucher geöffnet. Die erhaltenen Benutzerbücher aus den Jahren 1923 bis 1936 dokumentieren eine rege Nutzung der Sammlung durch Studenten der Frankfurter Universität und des Hoch’schen Konservatoriums bis hin zu international renommierten Musikern und Wissenschaftlern. Paul Hirschs Engagement beinhaltet auch eine über 400 Konzerte umfassende Reihe von Kammermusikabenden. Zudem wirkte er bei der Organisation und Bestückung von Musikfesten und Ausstellungen mit, war Gastgeber und Organisator von Tagungen sowie Begründer der Frankfurter Bibliophilen Gesellschaft. Anlässlich der Goethe-Tage 1932 erhielt Hirsch eine der in jenem Jahr erstmal verliehenen Goethe-Plaketten.
Ende Juni 1936 wurde in der Stadtverwaltung bekannt, dass Hirsch Frankfurt verlassen wollte. Man reagierte sofort, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen war die Stadt seit längerem schon auf der Suche nach einem neuen Unterbringungsort für das Modeamt (1938-1944), und Hirschs Haus in der Neuen Mainzer Straße 57 war nach Ansicht des Oberbürgermeisters Friedrich Krebs für diesen Zweck ideal geeignet. Man einigte sich schließlich auf einen Kaufpreis von 111.500 RM, was dem damaligen Einheitswert entsprach. Die Presseberichte nach der feierlichen Einweihung des Hauses im November 1938 enthalten keinen Hinweis auf die vormals darin untergebrachte Musikbibliothek, sondern man bezog sich lediglich auf die frühere Geschichte des Hauses und bezeichnete es als „ehemaliges Stadtpalais der Familie Brentano“.
Zum anderen sollte die Abwanderung der Musikbibliothek nach England vermieden werden. Anfang Juli 1936 schrieb Krebs daher an den Stadtrat Rudolf Keller und fragte an, „ob wir nicht ein Beschlagnahmerecht zu Gunsten der Stadt Frankfurt a. M. ausüben können, um diese Werte in irgendeiner Form hier zu behalten“. Keller antwortet ausweichend. Es sei unklar, ob man in diesem Fall auf die Verordnung für die Ausfuhr von Kunstwerken zurückgreifen könne, da er nicht sicher sei, ob die Musikbibliothek dem Gesetz entsprechend als Kunstwerk definiert werden könne. Er empfahl Krebs, sich zunächst nach Berlin zu wenden und dort eine Gesetzesänderung zu erwirken. Zu diesem Zeitpunkt hätte zumindest Krebs, der ja auch in den Schriftverkehr in der Angelegenheit des Modeamtes eingebunden war, merken können, dass sich Paul Hirsch bereits dauerhaft in London aufhielt. Die Musikbibliothek, die noch in Frankfurt verblieben war, stand kurz vor dem Abtransport durch ein Umzugsunternehmen. Wie sich später herausstellte, war die Korrespondenz zwischen Frankfurt und Berlin bezüglich einer Gesetzesänderung unnötig und verzögerte die Beschlagnahmung der Bibliothek. Dadurch gelang es, große Teile der Sammlung noch nach England zu bringen, bevor der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung am 17.08.1936 die Musikbibliothek Paul Hirsch – ohne eine Änderung des Gesetzes – in das „Verzeichnis der national wertvollen Kunstwerke“ eintrug und damit die Ausfuhr der Sammlung ohne seine Zustimmung verbot.
In Frankfurt zurückgeblieben waren 24 Kisten, die in den Lagerräumen der Spedition Fermont beschlagnahmt wurden. Ein günstiger Umstand für Paul Hirsch war, dass er bereits einen Vertrag mit der Universität Cambridge abgeschlossen hatte, wodurch seine Sammlung als Leihgabe an die dortige Universitätsbibliothek übergegangen war. Die Einigung mit der Stadt Frankfurt sah schließlich vor, dass Hirsch der Stadt „geschenkweise“ sieben Bände aus den beschlagnahmten Kisten überlassen musste, der Rest konnte nach Cambridge gebracht werden.
Olga und Paul Hirsch haben 1948 diese erzwungene Schenkung angefochten. Aber nur durch ihre stetig wiederholten Vorschläge, wo nach den Objekten zu suchen und wer als Zeuge zu befragen sei, tauchten schließlich bis Februar 1953 alle sieben Stücke wieder auf. Paul Hirsch hat das Ende dieser zähen Suche nicht mehr miterlebt, er starb im November 1951.
Bis 1946 war die Musikbibliothek von Paul Hirsch in den Räumen der Universität Cambridge untergebracht. Da Hirsch eine Stiftung seiner Sammlung, wie er es ursprünglich einmal vorgehabt hatte, aus finanziellen Gründen nicht mehr in Erwägung zog, verkaufte er sie 1946 an das British Museum. Die „Paul Hirsch Collection“ ist heute Teil der Musikabteilung der British Library.

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