„meine große Not und Verzweiflung“: Die Altistin Leonore Neumaier (1889– unbekannt)

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„Wenngleich im Cabel steht, Visum Ende November zu erwarten, so habe ich keine Hoffnung mehr, dass ich es noch packen kann … aber Ihr könnt Euch nicht in meine Lage versetzen, um mein große Not und Verzweiflung ermessen zu können. Aber nun ist ja alles vorbei …“ (Leonore Neumaier an ihren Sohn, 2. November 1941)
Die Opernsängerin Leonore Neumaier, als Künstlerin unter ihrem Mädchennamen Leonore Schwarz bekannt, kommt am 23. Juni 1889 in Wien zur Welt. In Frankfurt heiratet sie im Januar 1921 den Kaufmann Otto Neumaier; es ist seine zweite Ehe. Im selben Jahr wird sie von einem Sohn entbunden.
Leonore Neumaier singt bereits während ihrer Schulzeit bei öffentlichen Konzerten. Ab 1905 nimmt sie Gesangsunterricht in Wien. Ein erstes Engagement erhält sie 1912 als Altistin an der Oper in Graz, wo sie unter Giuseppe Rio auf der Bühne steht. Anschließend tritt sie zwei Jahre in Nürnberg unter dem Dirigenten Bruno Walter auf. Ab 1916 hat Leonore Neumaier ein Engagement in Magdeburg.
Nach einem Gastspiel wird sie von 1917 bis 1921 als erste Altistin am Frankfurter Opernhaus verpflichtet. Mit gefeierten Auftritten in verschiedenen Rollen wie Prinz Orlofsky in „Die Fledermaus“, als Amneris in „Aida“, als Hänsel in „Hänsel und Gretel“ macht die Sängerin von sich reden. Nach der Geburt des Sohnes zieht sich Leonore Neumaier zunächst aus dem öffentlichen Musikleben zurück und singt später meist in Solokonzerten – zum Beispiel mit dem Bariton Umberto Urbano und dem Tenor Giovanni Manuritta, beide von der Mailänder Scala – und für den Frankfurter Rundfunk sowie am Dr. Hoch’schen Konservatorium. Ab 1934 darf Leonore Neumeier wie alle jüdischen Künstlerinnen und Künstler nur noch bei Konzerten des Jüdischen Kulturbundes und anderer jüdischer Einrichtungen auftreten.
Der Ehemann wird im Zusammenhang mit dem November-Pogrom 1938 kurzzeitig in der Festhalle inhaftiert, auf Grund seines Alters von 64 Jahren jedoch nicht in ein Lager verschleppt. Ehemann und Sohn emigrieren 1940 beziehungsweise 1939. Die Flucht von Leonore Neumaier glückt jedoch nicht mehr. Sie besitzt zwar eine Bürgschaft für die Einreise in die USA, doch der amerikanische Konsul verweigert ihr eine die Wartezeit reduzierende Non-Quota-Nummer. Nach Angaben ihres Sohnes wird 1942 ein katholischer Bankier, mit dem sie zu Hause ihre Vermögensangelegenheiten bespricht, denunziert und in ihrer Wohnung von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Leonore Neumaier will ihm helfen und geht selbst zur Geheimen Staatspolizei – anschließend darf sie nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Eine Bekannte kann ihr nur noch einen Koffer mit den notwendigsten Utensilien bringen.
Leonore Neumaier wird im Juni 1942 vermutlich in das Vernichtungslager Majdanek verschleppt und dort wahrscheinlich ermordet.
Das Jüdische Museum Frankfurt erinnerte 2003 mit einer von Diane Neumeier, Enkelin Leonore Schwarz-Neuermeiers, gestalteten Ausstellung im Museum Judengasse an die Frankfurter Altistin.
Leonore Neumaier ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur und Quellen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.), Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
  • Judith Freise/Joachim Martini, Jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt 1933-1942, Frankfurt am Main 1990, S. 69 (Anhang).
  • Dies./Georg Heuberger (Hg.)/Neumaier, Diane (Ill.), Ausstellung Zum Verstummen gebracht … Die Frankfurter Opernsängerin Leonore Neumaier (1889-1942), Frankfurt am Main 2003 .
  • Artur Holde, Hundert Jahre jüdisches Frankfurt, o. O. 1960, S. 16.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Zwischen Ausgrenzung und Vernichtung. Jüdische Musikerinnen und Musiker in Leipzig und Frankfurt a. M. 1933-1945. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig 1996, S. 61.
  • Institut für Stadtgeschichte S 2/18 022.

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