Engelhard Niemann: Leiter der Devisenstelle S

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„Die verschiedenen, vom Gesetz geregelten devisenwirtschaftlichen Tatbestände lassen die Unterscheidung von 6 Personengruppen zu: Inländer, Ausländer, Auswanderer, Einwanderer, Deutsche und Juden.“ (Engelhard Niemann, Leiter der Devisenstelle S in Frankfurt am Main, 1940)

Leiter der Devisenstelle S
Die Leitung der Straf- und Prüfungsabteilung (Devisenstelle S) übernahm – vermutlich von einem nicht näher fassbaren Dr. Rüdel – am 1. Oktober 1935 Regierungsrat Prof. Dr. Engelhard Niemann. Spätestens seit 1. Januar 1936 war er auch stellvertretender Leiter der Devisenstelle.
Ein Geschäftsverteilungsplan von 1936 der damaligen Abteilung VII. Devisenprüfungen, Ermittlungen und Strafsachen führt keine speziell auf die Ausplünderung antisemitisch Verfolgter ausgerichteten Sachgebiete auf. Dies entsprach der Gesetzeslage, nach der noch keine besonderen Regelungen hinsichtlich der Bearbeitung derartiger Fälle bestanden. Mit der „Geschäftsordnung für die Devisenstelle Frankfurt a.M.“ vom September 1938 wurde die Behörde jedoch grundlegend neu organisiert und die Aufteilung in zwei voneinander unabhängige Abteilungen festgeschrieben. Sie war damit auf die nach § 59 Devisengesetz vom 12. Dezember 1938 auszusprechenden Sicherungsanordnungen gegenüber antisemitisch Verfolgten vorbereitet, die in Frankfurt am Main mit seinem hohen Anteil jüdischer Bürger eine beträchtliche Anzahl ausmachen würden.
Nach Zeugenaussagen der Nachkriegszeit liefen sämtliche Strafverfahren durch Niemanns Hände. Er führte die Unterwerfungsverhandlungen sowie die Bearbeitung umfangreicher und rechtlich komplizierter Straffälle. Außerdem vertrat er die Devisenstelle bei Gerichtsverhandlungen als Nebenkläger oder Sachverständiger.
Zur abschließenden Zeichnung waren ihm oder seinem Stellvertreter alle wichtigen Schriftwechsel vorzulegen. Er war demnach an allen Sicherungsanordnungen und Verfügungsbeschränkungen, die Juden auferlegt wurden, selbst beteiligt. Zu seinen engsten Mitarbeitern zählte Betriebsobmann „Pg.“ [Parteigenosse] Wilhelm Seeger. Der Sachgebietsleiter Auswanderung und Umzugsgut „Pg.“ Karl Menger vertrat Niemann seit 1939 in dessen Abwesenheit.
In der Devisenprüfungs-, Ermittlungs- und Strafsachenabteilung waren Anfang 1936 rund 20 Prüfer und fünf Angestellte in Registratur und Schreibstube beschäftigt. Nur drei Jahre später verfügte die Devisenstelle S über 73 Mitarbeiter, von denen einige an die Zollfahndungsstelle Frankfurt beziehungsweise die Zollfahndungszweigstelle Mainz abgeordnet waren. Die Anzahl promovierter Akademiker unter den Mitarbeitern der Devisenstelle S ist mit 20 von 73 auffallend hoch. Das Durchschnittsalter der Prüfer lag 1941 zwischen 40 und 45 Jahren. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter waren früher als Bankbeamte tätig gewesen.


Steile Karriere nach 1933
Der am 5. August 1892 in Herborn geborene Engelhard Niemann hatte 1922 seine Laufbahn in der Finanzverwaltung begonnen. Er war zehn Jahre beim Finanzamt Frankfurt-Ost und ab 1. Mai 1934 im Finanzamt Frankfurt-Außenbezirk beschäftigt. Niemann lehrte seit 1930 als Privatdozent an der Johann Wolfgang Goethe-Universität und der Verwaltungsakademie Staats-, Verwaltungs- und Steuerrecht. Auch publizistisch engagierte er sich und legte 1930 einen Beitrag zum allgemeinen Steuerrecht vor.
Die Versetzung zur Devisenstelle entsprach laut eigener Angabe im Spruchkammerverfahren nicht seinem Wunsch. Trotzdem machte er anschließend eine beachtliche Karriere. Im Jahre 1938 wurde er zum außerordentlichen Professor an die Universität Frankfurt berufen und 1939 zum Oberregierungsrat befördert. Zusammen mit dem rechtskonservativen Professor Friedrich Giese veröffentlichte er im selben Jahr einen in mehreren Auflagen publizierten Kommentar zum Devisenrecht. Ebenfalls ab 1939 war er auch für die Personalverwaltung der Dienststelle verantwortlich, die er nach eigener Angabe 1942/43 wieder abgab. Zuletzt war er Leiter der gesamten Devisenstelle. Da er nicht zum Kriegsdienst eingezogen worden war, gehörte er Anfang 1945 zu den wenigen in Frankfurt am Main verbliebenen Lehrenden an der juristischen Fakultät.

Nationalsozialist als „Mitläufer“ entnazifiziert
Laut Parteibuch gehörte Niemann seit 1. Mai 1933 der NSDAP an. Im Entnazifizierungsverfahren gab er allerdings an, 1933, als alle Regierungsräte des Finanzamtes Aufnahmeanträge stellten, zunächst als einziger abgelehnt worden und erst 1935 oder 1936 auf äußeren Druck hin tatsächlich in die Partei eingetreten zu sein. Diese Angabe ließ sich jedoch nicht verifizieren. Niemann war außerdem laut Entnazifizierungsakten förderndes Mitglied der SS und Angehöriger zahlreicher weiterer NS-Organisationen, teilweise bereits seit 1933. Zwei Wochen vor dem Einmarsch der US-Truppen wurde er als Leiter der Devisenstelle von seinen vorgesetzten Behörden angewiesen, Frankfurt zu verlassen.
Wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft enthob die US-Militärregierung Engelhard Niemann 1945 seines Amtes. Im Spruchkammerverfahren wurde er zunächst in Gruppe II der Aktivisten eingestuft. Gegen den Sühnebescheid erhob Niemann Einspruch und beantragte die Feststellung seiner „völligen Entlastung“, da er als Leiter der Devisenstelle Frankfurt einen „so weitgehenden Widerstand geleistet habe“, wie er zu seiner Rehabilitation argumentierte. Mit Bescheid vom 19. Dezember 1948 wurde er schließlich in die Gruppe IV der Mitläufer eingereiht. Dazu dürfte unter anderem der „Persilschein“ seines ehemaligen Hochschulkollegen Friedrich Giese beigetragen haben, der „in der festen Überzeugung politischer Unangreifbarkeit“ massenweise ehemalige Nazis reinwusch, wie der Rechtshistoriker Michael Stolleis 1989 feststellte. Niemanns Antrag auf völlige Entlastung wies die Spruchkammer am 26. Januar 1949 jedoch endgültig zurück.
Im Mai 1952 stellte der Präsident des Landespersonalamtes Hessen förmlich die Dienstunfähigkeit von Niemann fest, was ihn zum Pensionär machte. Dennoch publizierte er schon seit 1948 wieder, zunächst einen Kommentar zum Einkommensteuergesetz. Zahlreiche Fachveröffentlichungen folgten bis Anfang der 1960er Jahre, teilweise in mehrfach aufgelegter und überarbeiteter Fassung. Niemanns weiterer Lebensweg ist unbekannt.


Literatur
  • Bernhard Diestelkamp, Zur Geschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main, in: Bernhard Diestelkamp/Michael Stolleis (Hg.), Juristen an der Universität Frankfurt am Main. Baden-Baden 1989, S. 25.
  • Michael Stolleis. Friedrich Giese, in: Bernhard Diestelkamp/Michael Stolleis (Hg.), Juristen an der Universität Frankfurt am Main. Baden-Baden 1989, S. 117-127.
  • Jutta Zwilling, Engelhard Niemann, in: Susanne Meinl/Jutta Zwilling, Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen, Frankfurt/New York 2004, S. 422f.

Zusätzliche Stichwörter
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