Frauen in der „Alten Garde“ der Frankfurter NSDAP

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Die Frauengruppe der NS-Ortsgruppe Frankfurt am Main 1926

In der parteiamtlichen Chronik der NSDAP Hessen-Nassau von Adalbert Gimbel und Karl Hepp, „So kämpften wir!“ finden sich zwar immer wieder Hinweise auf die „deutschen Frauen“, die ihre Männer in der Kampfzeit der nationalsozialistischen Bewegung tatkräftig unterstützten, doch erst auf den letzten Seiten zollt der Autor den „Alten Kämpferinnen“ Tribut:
„Welch prachtvolle Kämpferinnen standen nicht nur als Parteigenossinnen in unseren Reihen, sondern traten auch für Adolf Hitler und seine Idee in so ‚mannhafter‘ Art und Weise ein, daß sie manchem Angehörigen des starken Geschlechts hätten zum Vorbild dienen können. Viele alte Parteigenossen in unserer Gauhauptstadt werden sich noch der ersten Führerin der Frauengruppe in Frankfurt a.M., unserer tapferen Parteigenossin Mees erinnern, die gerade in den Jahren des Kampfes wertvollste Hilfe für unsere arbeitslosen SA- und SS-Männer geleistet hat. Ihr wurde im Jahre 1934 das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP verliehen.“
Viele Frauen unterstützten von Anfang Hitler und seinen Anhang bei Aufstieg der kleinen nationalsozialistischen Arbeiterpartei, ohne dass sie unbedingt in die NSDAP oder in eine der nationalsozialistischen Frauen- und Mädchengruppen eintraten (die in Frankfurt ab Mitte der zwanziger Jahre existierten). Doch nur wenige von ihnen sind in Frankfurt über das Jahr 1933 hinaus bekannt geblieben, galt doch die Frau in der Ideologie des „Dritten Reiches“ als apolitisches Wesen, das auf die Familie und sozial-karitative Arbeit reduziert wurde; getreu dieser Devise hatten Frauen im politischen Leben nach 1933 auch fast keinen Platz mehr. Hitler und andere Parteigrößen bedienten sich ihrer gerne, doch ihre Verdienste wurden meist den Männern zugeschrieben.
Als Mitte der dreißiger Jahre die so genannte „Alte Garde“ der NSDAP – mit Mitgliedsnummer bis 100.000 – von der Parteileitung aufgefordert wurde, ihre „Kampferlebnisse“ aufzuschreiben, befanden sich darunter auch einige Frauen, die sich zumeist an der Seite ihrer Männer oder Söhne in der völkischen Szene engagierten. Nur einige wenige Frankfurterinnen sind dort mit eigenen Berichten vertreten, darunter Berta Mees und Eva Leupold, deren Berichte Adalbert Gimbel und Karl Hepp für die Gau-Chronik auswerteten.
In den Berichten der Männer werden sie – wenn überhaupt erwähnt – meist im karitativen Umfeld verortet, werden als Krankenschwestern, Köchinnen, im Einsatz bei Spendenaktionen, in der Erwerbslosenbetreuung, Pflegedienste für verletzte Parteigenossen und SA-Männer gerühmt. Wenn sie sich selbst äußerten, sind sie meist knapp und bescheiden, alle Verdienste den männlichen Parteigenossen in ihrer Umgebung zuzuschreibend.
Doch sie waren nicht nur schmückendes Beiwerk und selbstlose Krankenschwestern, sondern auch eigenständig politisch Handelnde wie die von Gimbel/Hepp geehrte Parteigenossin Leubold:
„Wer von den Parteigenossen der ehemaligen Sektion Norden der Ortsgruppe Groß-Frankfurt kannte und kennt nicht die Parteigenossin Leubold, die bei den heftigsten und drohendsten Straßendebatten selbst den wüstesten Kommunisten gegenüber stets das letzte Wort behielt und die Lacher immer auf ihrer Seite hatte? Auch ihr wurde im Jahre 1934 das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP verliehen. Sie ist heute noch flott auf den Beinen; wenn der Tag graut, ist sie schon unterwegs und bringt den Volksgenossen das ‚Frankfurter Volksblatt‘ ins Haus. Das schlichte Arbeitskleid aber schmückt das goldene Ehrenzeichen der NSDAP.“

Gerühmt für ihren Mut werden in einer langen Erzählung die Frauen der Familie Engelhardt, aus der Lindenstraße 34, nahe dem späteren Dienstgebäude der Geheimen Staatspolizei:
„Da sehe ich eine der Frauen vor mir, die ebenfalls alle das Goldene Ehrenzeichen der Bewegung tragen: Die alte Mutter Engelhardt mit ihren beiden Töchtern. Für sie war es in der Kampfzeit besonders schwer, sich zu Adolf Hitler zu bekennen, denn sie wohnten damals in einem Stadtviertel, das alles andere als freundlich auf den Nationalsozialismus zu sprechen war. Eine der beiden Töchter war besonders immer da zu finden, wo der Wind am kräftigsten wehte, denn sie war sozusagen nebenher noch erste Sekretärin der Frankfurter SS, für die sie nämlich viele schriftliche Arbeiten erledigte.
Eines Abends kommt die Parteigenossin mit mehreren Bekannten von einer Versammlung im Stadtteil Sachsenhausen zurück. Als die Heimkehrenden die Obermainbrücke passieren und in die Hans-Handwerk-Straße (damals Lange Straße) einschwenken, sehen sie vor sich in einiger Entfernung zwei SA-Männer mit der Fahne gehen. Die SA-Männer wollen gerade in die Anlagen hinter dem Rechneiweiher einbiegen, als aus dem Rechneigraben mehrere Gegner hervorstürzten und über die beiden ahnungslosen Nationalsozialisten herfallen. In der Straße ‚Rechneigraben‘befand sich ein Verkehrslokal der Kommune [der Kommunisten], das bekannt war als Treffpunkt sogenannter Rollkomandos. Ohne sich zu besinnen, springt unsere Parteigenossin vor, reißt ihre Handtasche auf und in ihrer Hand schimmert die Pistole: ,Zurück, ich schieße!‘. Nach allen Seiten stieben die Helden der roten Front auseinander, laufen und laufen, um den todbringenden Geschossen – des Hausschüssels zu entrinnen! Es war allerdings ein Hausschlüssel besonderen Formats, so ganz zu einem Alt-Frankfurter Haus aus dem 18. Jahrhundert passend: Zentimeter lang und ungefähr ein halbes Pfund schwer! So von ungefähr scheint ja bei unserer Parteigenossin die Ideenverbindung vom Hausschlüssel zur Pistole doch nicht ganz gewesen zu sein! Es muß bei ihr so eine gewisse Vorliebe für Waffen vorgelegen haben, denn auch bei der folgenden Begebenheit sahen wir sie mit so unheimlichen Werkzeugen hantieren.
Es war bei einer Versammlung im Volksbildungsheim im letzten Kampfjahr, als einige Minuten vor Beginn der Kundgebung ganz plötzlich Polizei im Saal erscheint. ‚Keiner verlässt bis auf weiteres den Saal!‘ Schneidend hallte die Stimme des Polizeioffiziers durch den Raum. Jeder der Kundigen weiß sofort, was das bedeutet: Untersuchung nach Waffen! Der das Kommando führende SS-Führer blinzelt unserer Parteigenossin zu. Sie sowohl als auch die anderen SA- und SS-Männer haben sofort den Führer verstanden. Sie geht völlig unbefangen durch die Reihen der Männer der Kampfformationen hindurch, hier und da ganz kurz bei dem einen oder anderen verweilend. ‚Niemand verlässt den Saal, auch Frauen nicht!‘ knallt die Stimme des Polizeigewaltigen nochmals durch die Luft. Vorbei ist es mit Dir und deiner schönen Stellung, fährt es unserer Parteigenossin durch den Kopf, und krampfhaft drückt sie ihre merkwürdig pralle Handtasche an sich. Da schießt ihr wie ein Blitz der rettenden Gedanke durch den Kopf. Es wird ihr furchtbar übel, sterbensübel, und mit vor den Mund gepreßtem Taschentuch wankt sie dem Saalausgang zu, der von einem grimmig dreinschauenden Polizisten bewacht wird. ‚Keiner kommt raus‘, knurrt er die ‚Schwerkranke‘ an … Nach einigem Zögern gibt er unserer Parteigenossin den Weg frei und sie wankt hinaus, taumelt bis zur Treppe und entwickelt plötzlich wieder eine ganz erstaunliche Behendigkeit, bis sie auf der Straße ist … Hinterher ist ihre Handtasche wieder viel bescheidener; man sieht ihr an, dass sie höchstens ein Taschentuch, ein Spiegelchen, ein schmales Portemonnaie und noch einige andere niedliche Dinge enthalten kann. Ob vorher wieder ‚Hausschlüssel‘ in der Handtasche geruht haben, vermag ich nicht zu beurteilen.“

Es gehört zu den vielen noch offenen Frage zur Parteigeschichte der NSDAP nach 1933, wie in Frankfurt die „Akten Kämpferinnen“ für ihren Einsatz für Adolf Hitler und seine Braunhemden belohnt wurden. Während die Männer zumeist die Karriereleiter emporstiegen und sich ihre sozialen Verhältnisse häufig stark verbesserten, musste eine Eva Leupold offenbar weiter „wenn der Tag graut“ unterwegs sein und den Volksgenossen das „Frankfurter Volksblatt“ ins Haus bringen, aber: „Das schlichte Arbeitskleid … schmückt das goldene Ehrenzeichen der NSDAP.“


Literatur und Quellen
  • A. Gimbel/S. Hepp, So kämpften wir! Schilderungen aus der Kampfzeit der NSDAP im Gau Hessen-Nassau, Frankfurt am Main 1941

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