Vom völkischen Aktivisten zum Nationalsozialisten der ersten Stunde: Otto Schröder und die Sicherheitspolizei in Frankfurt

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Mitte der dreißiger Jahre forderte die NSDAP ihre „Alte Garde“ (Mitglieder mit Eintrittsdatum in die NSDAP vor 1930) auf, ihre „Kampferlebnisse“ zu schildern. Einer von ihnen war der Sicherheitspolizist Otto Schroeder aus dem Freundeskreis von Friedrich Wilhelm Heinz und Ernst von Salomon. Otto Schroeder zählte zu den Frankfurter Nationalsozialisten der ersten Stunde und berichtete im Februar 1937 über die Anfänge der NSDAP in seiner Heimatstadt.
Schroeder wurde am 8 März 1898 als zweites von sieben Kindern eines Försters im Forsthaus Braunhaus (Kreis Schlochau, Westpreußen) geboren. Nach dem Besuch der Dorfschule trat Otto Schroeder eine Kaufmannslehre an, die er nach Kriegsbeginn 1914 nicht beendete. Er meldete sich wie Tausende anderer junger Männer als Kriegsfreiwilliger und kämpfte sowohl an der Ost- wie an der Westfront, zuletzt als Vizefeldwebel. Nach Kriegsende kehrte er in seine Heimat zurück und wurde Wahlkampfhelfer für die neu gegründete „Deutschnationale Volkspartei“, einem Zusammenschluss extrem konservativer, nationalistischer und völkischer Gruppierungen . Seine Rückkehr ins Zivilleben währte nur kurz: Otto Schroeder trat in eines der zahlreichen Freikorps ein, die in den Grenzgebieten zum neuen polnischen Staat gegen polnische Aufständische, aber auch gegen Demokraten und Republikaner unter den eigenen Landsleuten kämpften.
Die Stimmung in den teils als offizielle Regierungstruppen, teils als inoffizielle Freiwilligeneinheiten aufgestellten Freischärlertrupps war antidemokratisch, nationalistisch und latent antisemitisch. Über einen der frühen Nationalsozialisten Mecklenburgs, Wilhelm Just-Filehne, kam Otto Schroeder zu einer der gefährlichsten rechtsradikalen Organisationen der Weimarer Republik, dem „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“: „Von diesem Zeitpunkt an (Sommer 1919) habe ich mich aktiv in der völkischen und später ab 1921 in der nationalsozialistischen Bewegung betätigt. Als Just und ich Ende 1919 die Truppe verliessen, war auch der letzte Mann unserer Batterie mit der Judenfrage in Berührung gebracht … Als ich nach Warnemünde versetzt wurde, das von jüdischen Badegästen nur so strotzte, setzte ich meine Propagandatätigkeit dort fort. Über 120 Mitglieder habe ich dort für den deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund geworben.“
Im Herbst 1920 kam Otto Schroeder als Polizist nach Frankfurt. Frankfurt war ein gänzlich anderes Pflaster als Westpreußen: Als Schroeder mit dem Hakenkreuz auf dem Rockaufschlag seinen Dienst antrat, warnte ihn sein Vorgesetzter vor Schwierigkeiten. „Die Sicherheits- und später Schutzpolizei in Frankfurt war vorwiegend republikanisch und ‚rot‘. … Ich stieß bald darauf auch bei meinen Werbeversuchen und beim Verteilen von Zeitungen und Flugschriften auf heftige Ablehnung und wurde als ‚national‘ verschrieen, d.h. ich war ‚unzuverlässig‘.“
Doch in der Sicherheitspolizei gab es nicht nur überzeugte Republikaner: Mit dem späteren Kreisleiter von Calw, Georg Wurster, dem späteren Gauredner der NSDAP, Kaspar Maus, und Peter Umhofer, später als Aktivist der so genannten „Schwarzen Reichswehr“ in einen Fememord verwickelt, begann Schroeder mit Gesinnungsgenossen in Kontakt zu kommen. „Mit der Frankfurter völkischen Bewegung kam ich schon nach einigen Tagen in Berührung, und zwar durch den Buchhändler Karl Böhle, der mich, da ich das Hakenkreuz trug, auf der Strasse ansprach. Er brachte mich zu einer Versammlung, in der Dr. [Ferdinand] Werner-Butzbach, sprach.“ Werner, ein Gymnasialprofessor aus Oberhessen, war einer der Kristallisationsfiguren des völkischen Antisemitismus in Hessen.
Doch den jungen Aktivisten war die Hetze gegen die Juden bald zu wenig, die „Runenrauner und Rasse-Rassler“ (Ernst von Salomon) eine zahme Gruppe trinkfreudiger und ruhmrediger Honoratioren: „Die Frankfurter Völkischen waren sicherlich von einem guten Willen beseelt, im Grunde genommen aber alles nach ‚gutbürgerlicher Art‘ aufgezogen“. Um militärische Vorbereitungen zu treffen, gründeten Schroeder und der spätere „Reichsdietwart“ [NS-Begriff für Erziehung zum NS-Denken] der „Deutschen Turn- und Sportbewegung“ einen völkischen Sportverein, „Deutsche Turngesellschaft Jahn“ (gegr. 1921), der zugleich auch den Saalschutz bei den ersten größeren Veranstaltungen der Völkischen übernahm. Gezielt trat man auch bei öffentlichen Diskussionen des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ auf, um diese zu sprengen wie beispielsweise Ende Oktober 1920.
Ende 1920 wurde er als Leser des „Völkischen Beobachters“ auf Adolf Hitler aufmerksam. Bei einer Kurierfahrt nach München besuchte er eine Versammlung mit diesem im Circus Krone und unterschrieb den Aufnahmeantrag in die NSDAP. Außerdem lernte er Friedrich Wilhelm Heinz kennen, der Schroeder als Vertrauensmann der Organisation Consul (OC) in der Polizei einsetzte: „Ich stiess hier zum ersten Male auf eine Gruppe von Männern, die mir und meinem politischen Wollen insofern restlos zusagten, als sie nicht durch Vereinsmeierei und Proteste die herrschenden unwürdigen Zustände in Deutschland beseitigen wollten, sondern durch die offene Revolution, durch den Umsturz.“
Otto Schroeders Aktivitäten zugunsten rechtsradikaler Geheimaktionen überspannten bald den Bogen der toleranten Frankfurter Polizeiführung. Im Februar 1922 musste Schroeder den Dienst quittieren, und konnte sich daher fast vollständig in den Dienst der OC stellen. Im Juni 1922 wurden auf Scheidemann und Rathenau von der OC zwei Attentate verübt: während Scheidemann einem Giftgasanschlag entkommen konnte, erlag Rathenau in Berlin noch im Wagen seinen Verletzungen, die ihm die beiden Attentäter Erwin Kern und Hermann Fischer zugefügt hatten.
Über den jungen Bankbeamten Ernst von Salomon und auch Heinz führte die Spur der Attentäter wiederum nach Frankfurt. Auch Schroeder war neben Plaas, Karl Tillessen, Salomon und Heinz an den Vorbereitungen beteiligt: „Am 22. Juli [sic] rollte dann die ‚Hinrichtung‘ Rathenaus ab. Man mag zu diesen Dingen stehen wie man will, ich bin stolz darauf, an ihr beteiligt gewesen zu sein. Wurde doch der Republik einer ihrer besten Köpfe genommen und eine ungeheure Unsicherheit hervorgerufen.“
Obwohl die Frankfurter NSDAP durch die Verzahnung mit der Organisation Consul von der Verhaftungswelle nach der Attentatsserie dezimiert wurde, konnte sie ihre Aktivität im Jahr 1923 steigern. „Die Erklärung des passiven Widerstandes [nach dem Einmarsch französischer und belgischer Truppen ins Ruhrgebiet] gab uns von Frankfurt aus reichliche Gelegenheit zu Betätigung. Mehrmals habe ich mit Kameraden Geld und sonstige Dinge ins besetzte Gebiet gebracht.“
Neben den Aktionen gegen die Franzosen galt das Hauptinteresse der nunmehr als „Bund Wiking“ firmierenden OC den militärischen und politischen Vorbereitungen eines Staatsstreiches. Überall im Land, aber vor allem in Bayern, formierten sich militärische Kräfte, die ähnlich wie Mussolini einen „Marsch auf Berlin“ und den Sturz der Regierung planten: „Ende Oktober, Anfang November 1923 lag etwa in der Luft. Wir wurden durch Heinz plötzlich in Alarmbereitschaft versetzt und mussten uns marschbereit halten.“ In den Tagen vor dem 9. November 1923 warteten eine ein Anzahl Sa- und Wiking-Männer in der Gastwirtschaft Heun, „Kaiser Friedrich“, in der Gutleutstraße 127. Doch der Fehlschlag des Putsches in München ließ die Wartenden nicht zum Einsatz kommen.
Nach dem gescheiterten Putsch war der Katzenjammer groß. Wer war Schuld am Fehlschlag? „War bisher eine klare Scheidung zwischen NSDAP und den verschiedenen Kampfverbänden wie Brigade Ehrhardt, Bund Oberland, Reichskriegsflagge, Bayern und Reich usw. nicht feststellbar, so führte ich zunächst für meine Person diese Klärung in einer Versammlung der Kampfverbände herbei, in der Heinz über seine Münchner Erlebnisse berichtete. Er hatte die Verbindung nach dem 9. November wieder aufgenommen, dabei hatte man ihm aber wohl einen falschen Bericht gegeben, und er verstieg sich zu der Behauptung, dass nun alles vorbei sei. Ludendorff und Hitler seien an der falschen Politik schuld, und es wäre wohl besser gewesen, sie wären bei der ersten Salve an der Feldherrnhalle geblieben. Ich habe mich nach diesen Worten erhoben und … erklärt, dass ich bis hierher mitgegangen sei, aber nicht weiter könne, worauf ich aufgefordert wurde, den Saal zu verlassen.“

Gasthaus Storch


Schroeder blieb den Nachfolgeorganisationen der NSDAP bis zu ihrer Neugründung 1925 treu. Als sich im Frühjahr 1925 einige Getreue um den späteren Gauleiter Jakob Sprenger in der Gastwirtschaft „Storch“ versammelten, war auch Schroeder wieder dabei. Er erhielt nun die Mitgliedsnummer 5338. In der neuen Ortsgruppe Frankfurt trat Schroeder wenig in Erscheinung, berufliche Wechsel nach Offenbach und Gießen verhinderten ein intensives Engagement. Doch als die Partei 1933 an die Macht kam, konnte auch Schroeder die Belohnung für seine Treue einfordern: Als Kommissar für die freien Gewerkschaften war er vermutlich an deren Zerschlagung in Offenbach tätig, seine „Kampferlebnisse“ schrieb er 1937 schon in Berlin.


Literatur
  • Der im Original im Bundesarchiv Berlin befindliche „Kampfbericht“ Otto Schroeders ist abgedruckt in:
  • Bruno W. Reimann, Heiko Boumann, Susanne Meinl u.a. (Hg.), Zur Vorgeschichte, Entwicklung und Durchsetzung der nationalsozialistischen Bewegung, Ideologie und Organisationen in Giessen 1918-1933, Gießen o.J., S. 606-618
  • Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler, Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz, Berlin 2000
  • Martin Sabrow, Der Rathenaumord. Rekonstruktion einer Verschwörung gegen die Republik von Weimar, München 1984
  • Eberhard Schön, Die Entstehung des Nationalsozialismus in Hessen, Meisenheim am Glan 1972
  • Friedrich Wilhelm Heinz, Sprengstoff, Berlin 1930
  • Ernst von Salomon, Die Geächteten, Berlin 1930
  • Ernst von Salomon, Der Fragebogen, Reinbek 1951

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Attentat auf Walther Rathenau;  

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