Bertha Pappenheim (1859-1936). Teil I: Die Zeit bis 1933

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Bertha Pappenheim, Sommer 1882

Als Bertha Pappenheim 1888 mit ihrer Mutter nach Frankfurt zog und zur Pionierin jüdischer Frauenemanzipation heranreifte, hatte sie bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Am 27. Februar 1859 in Wien geboren, wuchs sie in einer „streng jüdische[n], orthodox bürgerliche[n] Familie“ auf (Blätter des Jüdischen Frauenbundes Nr.7/8 (1936), XII. Jahrgang, S. 11). Ihr Vater Sigmund (1824-1881) war aus dem Pressburger Ghetto nach Wien eingewandert, die Mutter Recha (1830-1905) stammte aus der alteingesessenen Frankfurter Familie Goldschmidt. Bertha Pappenheim hatte zwei Schwestern, Henriette und Flora, die beide im Kindesalter starben, und einen ein Jahr jüngeren Bruder, Wilhelm. In Wien führte sie das typische Leben einer „höheren Tochter“, deren Schulzeit mit 16 Jahren beendet war und deren Lebensziel in einer frühen Eheschließung gesehen wurde. Um der häuslichen Enge zu entkommen, flüchtete Bertha Pappenheim immer öfter in eine innere Traumwelt. Als 1880 ihr Vater erkrankte, nahm ihr Leben eine dramatische Wende. Bei der Pflege entwickelte sie Krankheitssymptome, wie z.B. Sprachverlust oder Lähmungserscheinungen, die der Arzt Dr. Breuer als „Hysterie“ diagnostizierte. Gemeinsam mit ihm entwickelte sie eine „talking cure“, eine „Redekur“. Sie entdeckten, dass es eine heilende Wirkung hatte, wenn Bertha Pappenheim unter Teilhypnose erzählte, seit wann und warum die Symptome auftraten. Damit legten sie den Grundstein für die Psychoanalyse.

Frankfurter Zeit
Vollständig geheilt war sie nach der Behandlung jedoch nicht, weil sich ihre Lebensumstände nicht verändert hatten. Nach mehreren Rückfällen und Sanatorienaufenthalten begann für sie mit dem Umzug nach Frankfurt ein neuer Lebensabschnitt. In der Frauenbewegung und im sozialen Bereich fand sie neuen Lebenssinn. Seitdem wurden keine Rückfälle mehr bekannt.
In ihren ersten Frankfurter Jahren arbeitete sie sich Schritt für Schritt in die Wohltätigkeitsarbeit und Frauenbewegung ein. 1895 übernahm sie dann, zunächst kommissarisch, später fest, die Leitung des Mädchenwaisenhauses des Israelitischen Frauenvereins. In den zwölf Jahren ihrer Amtstätigkeit etablierte sie eine vorausschauende Erziehungsarbeit, die den Mädchen ein eigenständiges Leben ermöglichen sollte. Im selben Jahr nahm sie auch an der Gesamttagung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Frankfurt teil und beteiligte sich am Aufbau der Frankfurter Ortsgruppe.
Durch die Mitarbeit an der Reform der öffentlichen und privaten Fürsorge der Stadt Frankfurt am Main gewann Bertha Pappenheim fundierte Kenntnisse im Bereich Wohltätigkeitsarbeit. Seit 1900 wirkte sie als ehrenamtliche Waisen- und Armenpflegerin vor allem in der städtischen Kinder- und Jugendfürsorge. Sie war Mitarbeiterin der „Auskunftsstelle für Gemeindeämter der Frau“ des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, die unter Leitung von Jenny Apolant in Frankfurt eine gesetzlich gesicherte Kinder- und Jugendfürsorge etablieren wollte. Von 1910 bis 1916 befasste sich Bertha Pappenheim als Mitglied des Städtischen Armenamtes mit der organisatorischen Reformierung der Wohlfahrtspflege Frankfurts und war an der Einrichtung staatlicher Institutionen zur Armenpflege wie Arbeitsamt (1912), Wohnungsamt und Jugendamt (1914), beteiligt.
Angeregt durch jüdische Frauen wie Lina Morgenstern, Henriette Goldschmidt, Fanny Lewald und Jeanette Schwerin war in Frankfurt langsam eine Bewegung angestoßen worden, die traditionelle Wohlfahrtsarbeit der jüdischen Ehefrauen zu modernisieren und zu professionalisieren. Ab 1901 spezialisierte sich auch Bertha Pappenheim auf die jüdische Wohlfahrtspflege und die Organisation der jüdisch-sozialen Frauenarbeit in Frankfurt. Vor allem die soziale Notlage von „Ostjuden“ erregte ihre Aufmerksamkeit. Der Kampf gegen den „Mädchenhandel“ wurde zum Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Zwischen 1902 und 1930 beteiligte sie sich an jeder jüdischen und überkonfessionellen Konferenz zu diesem Thema. Weil sich Bertha Pappenheim ein eigenes Bild von der Lage verschaffen und Ursachenforschung betreiben wollte, bereiste sie immer wieder Galizien, Russland und die Balkanländer, sprach mit Betroffenen und initiierte Hilfsprojekte.
Als eine der Ersten verlangte sie in der jüdischen Gemeinschaft die gleichen Rechte für Frauen. Wie die gemäßigte bürgerliche Frauenbewegung argumentierte sie, dass die Frauen ihre Pflichten erfüllten und deshalb mehr Rechte „verdienten“. Weil sie auf dem Gebiet der sozialen Arbeit vorbildliche Dienste leisteten, verdienten Jüdinnen ihrer Ansicht nach sowohl in der allgemeinen Gesellschaft als auch in der jüdischen Gemeinschaft das Recht auf Bildung und die Gleichberechtigung als Frauen und als Jüdinnen. Bertha Pappenheim hatte den Mut, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auch gesellschaftlich tabuisierte Themen wie Prostitution, „Mädchenhandel“, ledige Mütter und uneheliche Kinder sowie die fatale rechtliche Lage lediger Mütter (Agunot) mit deutlichen Worten zur Sprache zu bringen. Bei Rabbinern und anderen jüdischen Wortführern traf sie mit ihren Forderungen meist auf Gleichgültigkeit oder offene Ablehnung. Aber Bertha Pappenheim war eine streitbare, kämpferische Natur. Sie hatte keine Scheu vor Autoritäten und kritisierte auch Größen wie Martin Buber und Franz Rosenzweig. Eine Auseinandersetzung mit orthodoxen Führungspersonen wurde sogar vor Gericht weitergeführt. Auch innerhalb des 1904 von ihr gegründeten Jüdischen Frauenbundes kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen. Bertha Pappenheim drohte mehrfach mit ihrem Rücktritt, wenn dieser ihrer Linie nicht folgen wollte.

Der Verein Weibliche Fürsorge und der Jüdische Frauenbund
Um die Einzelinitiativen jüdischer Frauen in der sozialen Arbeit zusammenzubinden und zu professionalisieren, gründete Bertha Pappenheim 1901 gemeinsam mit Henriette Fürth in Frankfurt den Verein „Weibliche Fürsorge“. Schon 1902 unterhielt die „Weibliche Fürsorge“ Kommissionen für Säuglingspflege, Pflegestellenwechsel, Wohnungspflege und Fürsorge für Durchreisende. Bald gab es auch eine Kommission für Familienfürsorge, die von Bertha Pappenheim geleitet wurde, und seit 1906 eine Stiftung für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Stellenvermittlung und Berufsberatung. Dem Verein waren zudem ein Kinderhaus, eine Säuglings-Milchküche, eine Kostkinderkommission, ein Mädchenklub, die Frankfurter Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes und das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg angeschlossen. Mit der Gründung des Mädchenklubs, Stellenvermittlung und Berufsberatung reagierte die Weibliche Fürsorge auf die spezifischen Probleme berufstätiger alleinstehender Mädchen und junger Frauen und half ihnen bei der Wohnungs- und Stellensuche sowie bei der Gestaltung ihrer Freizeit.
Die Weibliche Fürsorge wollte die Ursache von Armutsprostitution bekämpfen. Statt planlos und unpersönlich Almosen zu vergeben, wurde deshalb Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Die Unterstützung sollte auf die individuelle Notlage abgestimmt sein und die Lebensverhältnisse dauerhaft verbessern. In regelmäßigen Zusammenkünften wurden die einzelnen „Fälle“ sorgfältig diskutiert, geprüft und einer individuellen Betreuerin zugeteilt. Weil man wollte, dass Bürgerinnen und Arbeiterinnen gegenseitig voneinander lernten, gab man dem persönlichen Kontakt Vorrang vor jeder Art von distanzierter, bürokratischer Fürsorge. Dem jüdischen Kontext wurde Rechnung getragen, insofern die Fürsorge an jüdischen Frauen insgesamt auf eine Verbesserung der Situation der „Ostjuden“ und die Stärkung der jüdischen Gemeinschaft zielte. Aufgrund ihrer vorbildlichen Praxis und modernen Grundausrichtung war die Weibliche Fürsorge Vorbild für die Umgestaltung der gesamten jüdischen Wohlfahrtspflege.
Ermutigt durch den Erfolg der Weiblichen Fürsorge, strebte Bertha Pappenheim nach einer noch breiteren Vernetzung jüdischer Fraueninteressen. Seit der Gründung des Deutsch-Evangelischen-Frauenbundes 1899 und des Katholischen Deutschen Frauenbundes 1903 hatte sie über die Notwendigkeit eines jüdischen Frauenbundes nachgedacht. Unterstützung fand Bertha Pappenheim bei der „Weiblichen Fürsorge“ und dem Israelitischen Humanitären Frauenverein in Hamburg, insbesondere bei dessen Vorsitzender Sidonie Werner. 1904 konnte der Jüdische Frauenbund auf der Tagung des „International Council of Women“ in Berlin ins Leben gerufen werden. Bertha Pappenheim wurde zur ersten Vorsitzenden gewählt. Sie blieb zwanzig Jahre lang Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes und war bis zu ihrem Tod 1936 Vorstandsmitglied. Alle ihm eingegliederten Vereine sollten reformiert, zentralisiert und modernen Grundsätzen angepasst werden. Dem Jüdischen Frauenbund schlossen sich 42 Tochterverbände an. Der Jüdische Frauenbund war einer der ersten überregionalen Wohlfahrtsverbände des deutschen Judentums. 1907 trat er als erster religiöser Frauenverein dem Bund Deutscher Frauenvereine bei und war bald schon dessen größte Tochterorganisation. 1913 hatte er 32.000 Mitglieder, später sogar 50.000, das heißt, 20 bis 25 Prozent aller über 30-jährigen jüdischen Frauen gehörten ihm an. Bertha Pappenheim engagierte sich von 1914 bis 1924 im Vorstand des Bundes

Deutscher Frauenvereine.
Bertha Pappenheim und der Jüdische Frauenbund kämpften für die Gleichberechtigung als Frauen und als Jüdinnen. Sie strebten nach einer Verbindung ihrer frauenemanzipatorischen Ziele mit jüdischer Tradition, von jüdischer Religioität und deutscher Kultur. Wohltätigkeitsarbeit war für sie nicht nur soziales Engagement, sondern „mizwah“, Gebot, Pflicht und Gottesdienst.
1914 mündeten Bertha Pappenheims Ideen zur internationalen Vernetzung jüdischer Fraueninteressen in die Gründung des „Weltbundes Jüdischer Frauen“ in Rom. Aufgrund des Ersten Weltkrieges musste der Weltbund seine Arbeit jedoch unterbrechen und nahm sie erst in den Zwanziger Jahren wieder auf. Bertha Pappenheim regte zudem die Gründung der Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden an und wurde 1917 mit Henriette May als erste Frauen Gründungs- und Vorstandsmitglied.

Bertha Pappenheim war auch literarisch tätig. Von ihrer vielfältigen schriftstellerischen Tätigkeit seien hier die Übersetzung des Klassikers der Frauenbewegung „Die Verteidigung der Rechte der Frauen“ von Mary Wollstonecraft erwähnt, der Memoiren der Glückel von Hameln, der Frauenbibel Zennah u-Reenah und des Maassee-Buches, ein Erbauungsbuch mit Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch, sowie„Sisyphusarbeit“, ihre Studien über den Kampf gegen den Mädchenhandel.

Brüche und Generationenkonflikte in der Weimarer Republik
In der Weimarer Republik begann sich nach und nach der Beruf der Sozialarbeiterin zu etablieren. Dies stand in engem Zusammenhang mit dem Ausbau, der Zentralisierung und Bürokratisierung des Wohlfahrtssystems, durch den der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften stieg.
Während Bertha Pappenheim immer auf die Professionalisierung und Zentralisierung jüdischer Wohltätigkeit gedrängt hatte, befürchtete sie jetzt, dass kein Platz mehr für Fürsorge, ehrenamtliches Engagement und für die religiöse Dimension von sozialer Arbeit sein würde. Wenn Frauen für ihre Dienste finanziell entlohnt würden, könnten sie keine ideelle Entlohnung mehr erwarten. Und genau diese bedeutete für Bertha Pappenheim die vollständige Gleichberechtigung von Frauen und Juden. Deshalb hielt sie daran fest, dass vor allem ehrenamtliche Kräfte in der Wohltätigkeitsarbeit wirken sollten. Dabei kam sie in Konflikt mit der jüngeren Generation von Sozialarbeiterinnen, die sich beruflich qualifizieren wollten und auf eine bezahlte Tätigkeit zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes angewiesen waren.


Literatur
  • Britta Konz, Bertha Pappenheim (1859-1936). Ein Leben für die jüdische Tradition und weibliche Emanzipation, Frankfurt/New York 2005

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