LDP/FDP – Der politische Liberalismus nach 1945

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Der politische Liberalismus hatte seit dem 19. Jahrhundert einen seiner wichtigen Ausgangspunkte in Frankfurt am Main und ist fest mit der Deutschen Nationalversammlung 1848/49, dem „Paulskirchenparlament“ verbunden. Hier wurde die auf demokratischen Prinzipien ruhenden Paulskirchenverfassung earbeitet, beteiligt waren frühe Liberale wie Heinrich von Gagern (1799-1880) oder Eduard von Simson (1810-1899).
Nach dem Scheitern der ersten deutschen Demokratie in der Weimarer Republik, versuchte der Liberalismus nach 1945 an diese geistigen und politischen Wurzeln anzuknüpfen. Anders als SPD, KPD und später noch als CDP/CDU gelang den Liberalen in Hessen wie auch in Frankfurt erst gegen Ende 1945 die Etablierung einer politischen Organisation. Die Gründung der Frankfurter Liberaldemokraten (LDP, bis 1948 der Vorläufername der heutigen FDP) im September 1945 markierte den Neuanfang auf kommunaler Ebene. Politisch fußte der Liberalismus der Frankfurter Neugründung auf zwei in Hessen vorherrschende Strömungen: dem konservativen Nationalliberalismus und dem eher der Tradition von DDP (Deutscher Demokratischer Partei) und Fortschrittspartei nahestehendem Linksliberalismus. In Frankfurt gab es kaum Anknüpfungsversuche an deutschnationale Wurzeln, also an die Tradition der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

Programm der Liberal-Demokratischen Partei


Die Gründung der Frankfurter Liberaldemokraten im September 1945 war eng verbunden mit dem ersten Landesvorsitzenden der Partei von 1945 bis 1946, Georg-Ludwig Fertsch (1890-1948). Aus einer Kaufmannsfamilie stammend war dieser seit 1923 Geschäftsführer eines eigenen Unternehmens in Frankfurt und bekleidete zahlreiche zumeist ehrenamtliche Positionen in der Stadt, so u.a. in der Frankfurter Industrie- und Handelskammer. Politisch stand er in der Tradition des Weimarer Rechtsliberalismus der Deutschen Volkspartei (DVP) mit einer stark wirtschaftspolitisch motivierten Programmatik. Von 1932 bis zum Mai 1933 war er ehrenamtlicher Stadtrat in Frankfurt am Main.
Die Gründung der Frankfurter LDP war von Fertsch gemeinsam mit dem ehemaligen DVP-Fraktionsvorsitzenden der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, Ernst Landgrebe (1878-1955), sowie mit Wilhelm Schwarzhaupt (1871-1971), dem ehemaligen Stadtschulrat der Mainmetropole von 1920 bis 1933, initiiert worden.

Wahlplakat der LDP von 1946


Allen drei Mitgründern der LDP Frankfurt war gemeinsam, dass sie aus der Zeit des Nationalsozialismus politisch unbelastet herauskamen und somit geeignet waren, die schwierige Aufgabe einer Parteigründung unter demokratischen und liberalen Gesichtspunkten in Angriff zu nehmen. Während Wilhelm Schwarzhaupt mit knapp 75 Jahren auf eine aktive Rolle in der LDP verzichtete, war Ernst Landgrebe mit 67 Jahren zu stärkerem Engagement in der Lage. Die Hauptlast der Parteiarbeit trug jedoch der 55jährigen Georg-Ludwig Fertsch. Diesem gelang aufgrund eines zähen und geschickten Verhandelns mit den amerikanischen Besatzungsbehörden in Frankfurt, am 28.9.1945 endlich die Genehmigung zur Gründung der LDP Frankfurt erhalten.
Diesem ersten Schritt auf kommunaler Ebene folgte die Gründung von Parteistrukturen auf Landes- und Zonenebene, die die amerikanischen Besatzungsbehörden erst nach und nach gestatteten, um den Prozess der Demokratisierung und Parteigründung kontrollieren zu können.
War schon die Errichtung der Frankfurter Parteiorganisation unter den schwierigen Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit eine kräftezehrende Aufgabe, so gestaltete sich die Aufbauarbeit auf Landesebene noch komplizierter, wobei Fertsch sein Engagement im Frankfurter Bürgerrat 1945 bis 1946 zugute kam.
Am 29.12.1945 trugen die Bemühungen Früchte, und der Vorsitzende der Frankfurter Liberaldemokraten konnte zur Konferenz der Gründung der LDP Groß-Hessens nach Frankfurt einladen. Die Gründungsversammlung fand im Hotel Baseler Hof statt.
Der auf dieser Gründungsversammlung neu gewählte Landesvorstand bestätigte Georg-Ludwig Fertsch als Vorsitzenden und unterstrich die Bedeutung dieses Frankfurter Liberalen auch in der Landesparteiorganisation.
Über die weiteren Mitglieder des Landesvorstands ist bei Georg Luckmeyer zu lesen:
„Seitdem hatte die LDP Groß-Hessens einen gewählten Landesvorstand: Landesvorsitzender wurde Dr. Georg-Ludwig Fertsch, Frankfurt am Main, Stellvertretender Landesvorsitzender Dr. Friedrich Schönwandt, Kassel – ihm folgte bereits im Frühjahr 1946 Landrat August-Martin Euler, Hersfeld, Schatzmeister Ludwig Schäfer, Frankfurt am Main, Stellvertretender Schatzmeister Nessel, Offenbach am Main.“ (Luckemeyer, Liberale S. 126). Seit Januar 1946 residierte die LDP Groß-Hessen mit ihrer Landesgeschäftsstelle in Frankfurt am Main, Kaiserstraße 37. Zum gewählten Namen „Liberaldemokraten“ erklärte der Vorsitzende des Landesverbandes, Fertsch, am 15.5.1946:
„Der Name ‚Liberal-Demokratische Partei‘ bringt klar und unzweideutig zum Ausdruck, daß sich die Anhänger der Partei zur liberalen Weltanschauung und zu demokratischer Staatsgesinnung bekennen… Die Bezeichnung ‚Liberal-Demokratische Partei‘ hat sich … überraschend gut und leicht eingeführt. Jedermann … weiß, was er unter LDP zu verstehen hat, diese drei Buchstaben sind wirklich zu einem Begriff geworden…“ (Ebd., S. 131)
Auch wenn mit Fertsch und Schäfer zwei bekannte Frankfurter Persönlichkeiten im Landesvorstand der LDP Groß-Hessen vertreten waren, bzw. diesen leiteten, so war dies noch kein Garant für einen gemäßigten Liberalismus, der nicht extrem nach rechts orientiert war, aber auch zum demokratischen Sozialismus einen respektablen Abstand hielt. Mit dem Tode Georg-Ludwig Fertschs schon 1948 war der Weg endgültig frei geworden für August-Martin Euler (1908-1966), dessen Konzeption eines freiheitlichen Liberalismus sich seit seinem Amtsantritt 1946 als Landesvorsitzender in einigen Fragen deutlich von der „Frankfurter Richtung“ unterschieden hatte.

Titelseite der ersten LDP-Zeitung von 1946


Er war in Hessen der konsequenteste Vertreter einer programmatisch dezidiert antisozialistischen Sammlungspolitik bürgerlicher Kräfte rechts von der CDU, die ihm und anderen in der LDP/FDP zu „links“ orientiert war. So sprach er sich für eine weitgehend von staatlichen Einflüssen freie Wirtschafts- und Sozialverfassung für die entstehende Bundesrepublik aus. Ebenso plädierte Euler für eine Wiederbewaffnung des neuen Staates, auch dies eine Forderung, die kurze Zeit nach dem Krieg weithin unpopulär war, sogar in Teilen der eigenen LDP/FDP-Anhängerschaft. Diese programmatische Profilierung als bürgerliche Rechtspartei war für die Euler LDP/FDP bis etwa Mitte der 50er Jahre typisch, von lokal oder regional davon abweichenden linksliberalen Ausrichtungen in Hessen abgesehen. Ein typischer Vertreter eines gemäßigteren und konzilianteren Liberalismus, der sich allgemein ab Mitte der 1950er Jahre zunehmend durchsetzte und das Erscheinungsbild der FDP als liberale Kraft deutlicher werden ließ, war der damalige Landes- und Bundesvorsitzende der Deutschen Jungdemokraten (DJD) von 1952 bis 1957 und ehemalige Frankfurter Stadtverordnete Wolfgang Mischnick (1921-2002), der in späteren Jahren sowohl Bundestagsabgeordneter (ab 1957) und Vorsitzender der FDP-Fraktion gewesen ist. Über ihn hieß es anlässlich einer Kandidatenvorstellung des 17. Wahlkreises zur Bundestagswahl 1949 in der „Frankfurter Neuen Presse“: „Seine Parole: Gesunder Menschenverstand als Grundlage der Vernunftpolitik. Enge Verbindung zwischen Wähler und Kandidat. Daraus vernünftige Gesetzgebung.“ (Luckmeyer, Mischnik, S. 29)



Literatur und Quellen
  • Ludwig Luckemeyer, , Wolfgang Mischnick und die FDP Hessen 1945-1971, Frankfurt/M. o.J.
  • Ludwig, Luckemeyer, Liberale in Hessen 1848-1980, Melsungen 1980.
  • Theo Schiller, Die FDP in Hessen 1945-2005, in: Helmut Berding/Klaus Eiler (Hg.), Hessen. 60 Jahre Demokratie, (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Nassau, Bd. 45), Wiesbaden 2006, S. 125-150.
  • Dieter Hein, Zwischen liberaler Milieupartei und nationaler Sammlungsbewegung: Gründung, Entwicklung und Struktur der Freien Demokratischen Partei 1945-1949. Düsseldorf 1985.
  • Archiv des Liberalismus (ADL), Gummersbach.

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