Die SPD nach 1945

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Flugzettel „Große Massenkundgebung der SPD“ in Frankfurt am 16. September 1945

Die Sozialdemokraten hatten während des Nationalsozialismus von allen politischen Parteien neben den Kommunisten die meisten Opfer zu beklagen.
In Hessen unternahmen bereits im März 1945 – und damit noch in der Illegalität – einzelne Sozialdemokraten wie Ludwig Metzger, Willy Knothe, Franz Ulrich und Rudi Menzer Anstrengungen, ehemalige Parteimitglieder zu reaktivieren und die Wiederbetätigung der SPD schrittweise zu ermöglichen. In dieser Zeite wurden noch Sozialdemokraten auf Befehl des NS-Funktionärs Alfred Schmiering wegen „Aufwiegelei“erschossen.
Erste ebenfalls noch illegale Parteiaktivitäten initiierte Max Hartig Anfang April 1945. Er rief zusammen mit Peter Fischer (KPD) und Alois Brisbois (Zentrum) zur Bildung von Aktionsausschüssen in Frankfurt auf, nachdem die Amerikaner die Stadt eingenommen hatten.
Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8.5.1945 begann sich die Situation zu normalisieren, wenngleich es den Parteien noch immer nicht möglich war, ohne ausdrückliche Genehmigung der amerikanischen Besatzungsmacht Organisationsstrukturen auszubilden und sich aktiv zu betätigen. Für die Frankfurter SPD bedeutete dies daher zunächst im Verborgenen weiterzuarbeiten. In kleinen Gruppen trafen sich alte Sozialdemokraten und ehemalige Mitglieder und berieten, wie die SPD wiederbegründet werden könne. Diese Treffen bedeuteten auch die Wiederaufnahme zumeist jahrzehntelanger persönlicher Kontakte unter alten Genossen. Nicht zuletzt aufgrund dieses sozialdemokratischen Netzwerks gelang der SPD der Aufbau der Partei besser als allen anderen Parteien in Hessen.
In Frankfurt fand schon am 8. August 1945 die erste Bezirksversammlung der SPD statt, nachdem zunächst nur lokale bzw. kommunale Parteigründungen durch die amerikanischen Behörden gestattet worden waren. Willy Knothe sprach als Vorsitzender der „Landesparteileitung“ das Grußwort und analysierte die aktuelle politische Situation sowie die Chancen für die SPD, Dinge politisch zu gestalten. Er riet den anwesenden Mitgliedern die Organisationsstrukturen für Frankfurt sowie für Hessen so schnell wie möglich wieder aufzubauen. Der einmalige Beitrag für den Beitritt betrug zu diesem Zeitpunkt zwei Reichsmark, der Monatsbeitrag wurde auf eine Reichsmark festgelegt.
Die offizielle Wiedergründung der Frankfurter SPD (noch ohne Genehmigung, aber unter Duldung der Besatzungsbehörden) fand am 12. August 1945 im Zimmerweg 12 statt. 50 bis 60 Anwesende hörten das politische Referat von Willy Knothe. Er sprach über die seiner Meinung nach notwendige Zusammenarbeit mit der KPD und die gemeinsame Aufgabe im Kampf gegen Militarismus und Imperialismus. Gleichzeitig bekannte sich der Vorsitzende Knothe zum demokratischen Sozialismus. Die gemeinsame sozialdemokratisch-kommunistische Zusammenarbeit 1945 vermochte zwar angesichts der totalen Niederlage und der gemeinsam erlittenen Verfolgung unter dem Nationalsozialismus kurzzeitig funktionieren. Sie war jedoch aufgrund der nach und nach unversöhnlichen ideologischen Gegensätze zwischen West und Ost spätestens Ende 1945 nicht mehr praktizierbar, so dass auch in Frankfurt diese Periode eine Episode blieb.

„Wahlmobil“ der SPD zur Kommunalwahl 1946


Programmatisch stand die (süd-)hessische SPD seit den späten 40er und frühen 50er Jahren auf dem linken Parteiflügel, versöhnte sich jedoch bald mit den Vorzügen der sozialen Marktwirtschaft und plädierte für den Ausbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaates. Sie verstand sich oftmals als politisches Korrektiv zur eigenen Partei. Insbesondere traf dies für die Frankfurter Parteiorganisation zu, deren Ortsvereine Dornbusch und Niederrad eine sehr kritische und bewusst linke Verortung innerhalb der Partei für sich beanspruchten. Zwischen 1947 und 1953 fanden mehrere Bezirksparteitage sowie regelmäßige Gremiensitzungen der südhessischen SPD in Frankfurt statt. Gleichzeitig galt der südhessische Bezirk und die Frankfurter Parteiorganisation nach dem Ende des sozialdemokratisch-kommunistischen Intermezzos zu Beginn der 50er Jahre als stark antikommunistisch. Parteiausschlüsse aufgrund des Verdachts der „Kommunismusfreundlichkeit“ waren nicht selten. Parteiordnungsverfahren und Parteiausschlüsse wurden wegen Kontakten zu in der Bundesrepublik verbotenen Organisationen wie der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der SED und anderen kommunistischen Gruppen ausgesprochen.
Organisatorisch konnte sich die SPD nach 1945 rasch festigen und verfügte in der Stadt und im Unterbezirk Frankfurt bis 1956 über 10.000 Mitglieder. Diese setzten sich zunächst vorwiegend aus Arbeitern und kleinen bzw. mittleren Angestellten zusammen. Für viele Jahre stellte die Partei sowohl die Oberbürgermeister der Stadt als auch die stärkste Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung mit Stimmenergebnissen bei Kommunalwahlen bis über 50%.

SPD-Kundgebung am 1.6.1947 auf dem Römerberg: Am Rednerpult Kurt Schumacher, Oberbürgermeister Walter Kolb und andere Honoratioren verfolgen die Rede vom Römerbalkon.

SPD-Kundgebung mit Kurt Schumacher auf dem Römerberg am 1. Juni 1947


Die erste Kommunalwahl nach dem Krieg gewannen die Sozialdemokraten vor der CDU mit 41%. Das Konzept einer schichtenübergreifenden Volkspartei übernahm die SPD erst im Laufe der 50er Jahre. In Frankfurt und in Hessen gelang diese Entwicklung schon früher, hier war die Partei Vorreiter. Die Mitgliederschaft erweiterte sich über die Arbeiter- und Angestelltenschaft hinaus durch Angehörige anderer Berufe, wie z.B. Lehrer, Studenten und höhere Angestellte sowie Freiberufler.
Damit begründete die Partei für viele Jahre eine politische Dominanz und verlieh Frankfurt das besonderes Image einer zukunftsorientierten Stadt, mit dem sich viele Bürger identifizieren konnten.
Mit Frankfurt verbinden sich Namen von Sozialdemokraten wie Willi Birkelbach (1913-2008), der lange Jahre Vorsitzender dieses Bezirks gewesen war und bis zuletzt in Frankfurt wohnte. Birkelbach entstammte einer typischen Frankfurter Arbeiterfamilie und gehörte von Anfang an zu den erklärten Gegnern der Nationalsozialisten. Nach Strafversetzung in das Bataillon 999 (Strafbatallion) 1943 und Kriegsgefangenschaft in Albanien gehörte er ab 1946 zu den führenden Köpfen der Frankfurter SPD. Zu nennen sind insbesondere auch bedeutende Frankfurter wie Walter Kolb (22.1.1902-20.9.1956), der vor allem mit dem Wiederaufbau der Stadt nach 1945 während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister bis 1952 in Erinnerung ist. Nicht zuletzt zählte auch der gebürtige Sachsenhäuser und spätere langjährige Ministerpräsident Hessens, Georg-August Zinn (1901-1976) zu den Sozialdemokraten der „Stunde Null“. Wie Birkelbach erkannte auch er schon früh die Gefährlichkeit des Nationalsozialismus, arbeitete noch bis 1934 in Kassel als Rechtsanwalt, verteidigte im während der „Machtübernahme“ Anfang 1933 Opfer von SA-Willkür und Brutalität und gehörte einer lokalen Widerstandsgruppe um Willi Goethe an. Nach 1945 stand sein Name vor allem für den ökonomisch erfolgreichen und sozial ausgerichteten Wiederaufbau Hessens im Rahmen des „Hessenplans“ zwischen 1950 und 1965.
Schließlich sind auch noch Willi Brundert (1912-1970) und Walter Möller (1920-1971) zu nennen, die ebenfalls Oberbürgermeister waren. Brundert stand Frankfurt von 1964-1970 und Möller 1970 bis zu seinem Tode 1971 der Stadt vor.



Literatur und Quellen
  • Gerhard Beier, SPD Hessen. Chronik 1945 bis 1988, Kempten 1989.
  • Axel Ulrich, Für Frieden, Freiheit und demokratischen Sozialismus. Vor 50 Jahren: Wiedergründung der SPD in Hessen-Süd, Frankfurt/M. 1995.
  • Walter Mühlhausen, Hessen 1945-1950. Zur politischen Geschichte eines Landes in der Besatzungszeit, Frankfurt/Main 1985.
  • Archiv der Sozialen Demokratie, Bonn. Bestand Hessen-Süd der SPD.
  • Ulrich Cartarius, Archiv der sozialen Demokratie. Bestandsübersicht. Bonn-Bad Godesberg 1998.

Zusätzliche Stichwörter
Personen:  Rudi (Rudolf) Menzer;  

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