Marie Pfungst: Erbin, Stifterin und Opfer des Holocaust

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Marie Eleonore Pfungst kam am 18. Oktober 1862 in Frankfurt am Main als Tochter der jüdischen Eheleute Julius Pfungst und Rosette Pfungst, geb. Barth, zur Welt. Zwei Jahre später wurde der Bruder Arthur Pfungst geboren. Marie Pfungst blieb zeitlebens unverheiratet.

Tochter in behütetem Elternhaus
Ihr Vater war Gründer der „Naxos-Union Schleifmittel- und Schleifmaschinenfabrik“ an der Wittelsbacher Allee/Waldschmidtstraße 43, durch deren wirtschaftlichen Erfolg die Familie in solidem Wohlstand lebte. Diesen teilte die die Familie aber auch. So stiftete der Vater zum 25jährigen Geschäftsjubiläum 1896 für einen Arbeiterpensionsfonds 100.000 Goldmark. Die beiden Kinder wuchsen im Geist der sozialen Verantwortung auf, die sie auch selbst als Erwachsene annahmen.
Der Bruder Arthur Pfungst, an der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig promoviert und stark an Indologie wie Buddhismus interessiert, musste nach dem Tod des Vaters 1899 die Leitung der Naxos-Union übernehmen. Sein Hauptinteresse galt jedoch weiterhin wissenschaftlicher und literarischer Betätigung. Er galt als Freidenker und Förderer von Freibibliotheken, der danach strebte, den Bildungsstand sozial Benachteiligter zu verbessern. So zählte er zu den Gründern der „Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur“. Er gründete 1900 den „Neuen Frankfurter Verlag“, der ab 1901 die Zeitschrift „Das freie Wort“ publizierte. Ferner galt sein Engagement Wohltätigkeitseinrichtungen und volkshochschulähnlichen Aktivitäten. Von militaristischen oder religiösen Institutionen hielt er sich fern. Er starb 1912 unerwartet an Herzinfarkt.

Die Frauenrechtlerin
Marie Pfungst setzte sich besonders für die Gleichberechtigung von Frauen ein und war in zahlreichen Organisationen aktiv. So leitete sie die Frankfurter Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins. In dieser Funktion rief sie 1897 die Frankfurter Rechtsschutzstelle für Frauen ins Leben. Zwanzig Jahre leitete sie außerdem den Verband der Frankfurter Frauenvereine, den sie 1902 selbst gegründet hatte; er musste sich 1933 auflösen. Zusammen mit Jenny Apolant, der Schwester Walther Rathenaus, initiierte sie in Frankfurt realgymnasiale Kurse für Mädchen – Keimzelle des ersten Frankfurter Mädchengymnasiums.

Die Stifterin
Gemeinsam mit der Mutter führte Marie Pfungst ab 1912 den väterlichen Betrieb mit rund 700 Mitarbeitern und den vom Bruder gegründeten Verlag; seit dem Tod der Mutter 1922 allein. Als Firmenchefin war Marie Pfungst äußerst erfolgreich.
Sechs Jahre nach dem Tod des Bruders begründeten die beiden Frauen entsprechend dem Wunsch des Verstorbenen die nach ihm benannte selbstständige „Arthur Pfungst-Stiftung“. Der Reinertrag aus der Naxos-Union bildete das Stiftungskapital; jährlich garantierten die Damen 20.000 Mark als Zuschuss. Die Fabrik wurde ebenso wie der Verlag in die Stiftung überführt. Marie Pfungst gehörte seit 1919 dem Stiftungsvorstand an. Die Stiftung sollte „dem Wohl der Allgemeinheit durch Verbreitung von Bildung unter allen Schichten des Volkes“ dienen und neben Bildungsarbeit für alle sozialen Schichten auch Ausbildungsbeihilfen gewähren. Als Bildungs- und Erholungsstätte der Stiftung erwarb Marie Pfungst 1927 ein Landhaus in Fischbach/Taunus. Außerdem gründete sie den „Arbeitskreis freie Volksbildung“, der regelmäßig in ihrem Hause tagte.
Auch sonst betätigte sich Marie Pfungst vielfältig in sozialen Fragen und Projekten sowohl für Juden als auch für Nicht-Juden. Eine von ihr ins Leben gerufene Bibliothek stand Arbeitern frei zur Verfügung. Dort fanden auch Kurse und Beratungen statt.

Verdrängung aus Stiftung und Geschäftsleitung
Ab 1933 griff das NS-Regime in die Arbeit der Stiftung ein. Nach Erlass der „Nürnberger Gesetze“ wurde Marie Pfungst 1935 aus dem Vorstand der Stiftung ebenso verdrängt wie aus der Geschäftsleitung der Naxos-Union. Sie musste Geschäftsleitung und den Vorsitz der Stiftung an Rudolf Herbst abgeben.
Auch der Stiftungsname sollte nach dem November-Pogrom 1938 geändert werden. Der neue Stiftungsvorstand beschloss im Dezember 1939 die Umbenennung in „Frankfurter Stiftung für geistige Förderung“; in einer weiteren Sitzung Ende Dezember 1939 wurde „Waldschmidt-Stiftung“ als neuer Name festgelegt. Nach Kriegsende erhielt die Stiftung wieder ihre ursprüngliche Bezeichnung.
Das Haus in Fischbach wurde als HJ-Heim genutzt. Währenddessen installierte Marie Pfungst 1936 in ihrem Haus in der Eschersheimer Landstraße 21/Ecke Gärtnerweg 2 ein Heim für Verfolgte und Notleidende.
Nach dem November-Pogrom musste Pfungst zwangsweise die „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 94.750 Reichsmark entrichten. Am 10. September 1942 wurde Marie Pfungst außerdem zum Abschluss eines „Heimeinkaufvertrags“ über 56.568,17 Reichsmark gezwungen. Mit solchen Verträgen glaubten die Unterzeichneten, ihren Lebensabend in einem Altersheim zu finanzieren.

Deportation nach Theresienstadt
Im Alter von 79 Jahren wurde Marie Pfungst am 15. September 1942 mit einem noch nicht verheilten Oberschenkelhalsbruch auf einer Bahre, laut Mile Braach ein Pappschild mit dem Vermerk von Namen und Kennnummer um den Hals, in den Deportationszug gebracht. Sie wurde in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie im Winter auf dem Fußboden schlafen musste. Ohne medikamentöse Behandlung starb sie am 8. Februar 1943 an Entkräftung.

Nach 1945
Die „Arthur Pfungst-Stiftung“ konnte nach 1945 durch drei Rückerstattungsverfahren wiederbelebt werden. Sie hat ihren Sitz in der Waldschmidtstraße 39, wo sie eine technische Bibliothek unterhält. Sie erwarb 1947 den Nachlass von Marie Pfungst, betreibt gemäß ihrem Testament im ehemaligen Sommerhaus in Bad Homburg das „Marie Pfungst-Heim“ für „Frauen, die unverschuldet in Not geraten sind“ und einen Kindergarten in Maintal-Bischofsheim.
Vor ihrem ehemaligen Wohnhaus im Gärtnerweg 2 erinnert seit April 2008 ein Stoplerstein an Marie Pfungst.


Literatur
  • Paul Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Darmstadt 1983, Bd. 3, S. 344-346.
  • Mile Braach, Marie Eleonore Pfungst 1862-1943 (Fritz Bauer Institut Reihe Biographien Nr. 1), Frankfurt 1996.
  • Wolfgang Klötzer (Hg.), Frankfurter Biographie, Bd. 2, Frankfurt 1996, S. 138f.
  • Arno Lustiger (Hg.), Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiografien jüdischer Bürger dargestellt von Gerhard Schiebler. Frankfurt am Main 1988, S. 63f.

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Novemberpogrom;  

Dokumente zu diesem Beitrag:

  • Dokument: Heimeinkaufsvertrag für Theresienstadt
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