Der Frankfurter Reformschulversuch 1921–1930

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Konzept von Wilhelm Schütz für eine reformierte Volkschule, Titelseite

Im März 1920 regte der „Freie Verband zur Förderung der Jugendpflege“, unter dem Vorsitz der jüdischen Sozialpolitikerin Anna Edinger beim Frankfurter Magistrat an, ein oder zwei koedukativ und zugleich sozialpädagogisch arbeitende Volksschulen einzurichten. Bedingt durch die herausgehobene gesellschaftliche Stellung der Initiatoren, zu denen auch Wilhelm Polligkeit und die Frankfurter Centrale für private Fürsorge e.V. zählten, konnte sich die Einflussnahme wirkungsvoll zeigen. Und das, obwohl die anvisierte Verbindung von Geschlechtergerechtigkeit (Koedukation), Sozialpädagogik und öffentlicher Schule zu diesem Zeitpunkt noch ein Novum darstellte. Im Februar 1921 kam die Stadtverordnetenversammlung zu einem überraschenden Ergebnis. Über die Relevanz der sich im Diskussionsprozess gegenüberstehenden Auffassungen – hier Überwindung dort Hebung der Volksschule – sollte ihre Erprobung in der pädagogischen Praxis entscheiden. Beabsichtigt war, beide Versuche im Rahmen eines Vergleichs intensiv zu betreuen, ihre Ergebnisse zu prüfen und nach ausreichender Probezeit auf die Gesamtheit der Frankfurter Volksschulen zu übertragen. Stadtschulrat Heinrich Schüßler übernahm die behördliche Betreuung der Versuchsarbeit. Er evaluierte den Schulversuch in Formen, die überraschend modern anmuten und die wir heute als pädagogische Handlungsforschung kennen.
Den beiden neugegründeten Schulen und ihren Pädagogen – zwei Kernteams waren bereits ernannt – wurden Räume bzw. ein eigenes Gebäude zugewiesen. Analog dazu erhielten sie ihre Namen: Reformvolksschule Röderberg und Reformvolksschule Schwarzburg. Als öffentliche Schulen waren sie Angebotsschulen mit besonderem Charakter und keinem Schulbezirk zugeordnet. Ihr Besuch war unentgeltlich. Zur Mitarbeit waren alle an Schulreform interessierten Frankfurter Lehrerinnen und Lehrer aufgerufen. Sie konnten sich in freier Wahl zusammenfinden und unter kollegialer Schulleitung arbeiten. Eine paritätische Besetzung der Stellen mit Frauen und Männern war angestrebt. Stadt- und Schulverwaltung garantierten, die Qualität der Versuchsarbeit durch dauerhafte Fort- und Weiterbildung ihrer Pädagogen zu fördern. Die aktive Kooperation zwischen Lehrern und Eltern war ebenso erwünscht wie die konsequente Öffnung des Schulversuchs hin zur städtischen Öffentlichkeit. Der Idee einer Neugestaltung des Schulwesens folgte auch die Initiative, beide Schulen durch ortsansässige Künstler, wie Karl von Appen, Hanns Ludwig Katz, Rudolf Heinisch und später Max Beckmann ausgestalten zu lassen. Damit war die gemeinsame Basis des Schulversuchs gelegt, auf der sich die konkurrierenden Schulprofile entfalten konnten.

Röderbergschule

Klasse der Reformschule Röderberg in der Grünanlage der Luxemburger Allee

Klasse der Reformschule Röderberg Winter 1929/30


Die Pädagogen der Röderbergschule wollten mit einer innovativen pädagogischen Konzeption nicht nur einen Beitrag zur Modernisierung des öffentlichen Schulsystems leisten, sondern mit der Entwicklung neuer Organisations- und Handlungsformen die Überwindung seiner überlieferten Dreigliedrigkeit modellhaft anbahnen. Schon 1923 legten Wilhelm Schütz, August Möller, Eleonore Lange, Johann Wagner und Arthur Berg das Konzept einer „differenzierten Einheitsschule“ vor, das den koedukativ erteilten Unterricht in „Kern und Kurs“ organisierte und die Entwicklung einer „Gesamtschule“ intendierte. Eingebaut in einen rhythmisierten Tages- und Arbeitsplan mit gemeinsamem Schulbeginn, Frühstück, Übungs- und Gymnastikstunden entstand ein eigenständiges Schulprofil. Die emanzipatorische Botschaft der neuen Schule lautete: „Egalität, Partizipation und Individualität“. Dementsprechend wichtig war die Selbstregulierung der Kinder in Formen der politischen Demokratie (es gab ein Schulparlament, alle lernten zu diskutieren, sich Informationen zu beschaffen usw.). Auch existierte an der Schule seit 1926 ein Versuch im Versuch. Die Lehrerin Bertha Römer eröffnete an der Röderbergschule Frankfurts erste „Montessoriklasse“.
Lange Jahre war die Reformschule in der Dahlmannschule und anderen benachbarten Schulgebäuden im Frankfurter Ostend gänzlich unbefriedigend untergebracht. Erst 1930 konnte die Schulgemeinde ein eigenes Gebäude beziehen. In Gemeinschaftsarbeit mit dem Architekten Ernst May gelang es in exzellenter Weise das pädagogisch-politische Programm der Schule in ein architektonisches Konzept umzusetzen. Das besondere Schulprofil war nun auch ästhetisch erfahrbar, zusätzlich betont durch ein exklusiv für die Schule gefertigtes Gemälde des renommierten Malers Max Beckmann. Aus Anlass des Umzugs in die Freiflächenschule am Bornheimer Hang erhielt die Schule 1930 einen neuen Namen: Friedrich-Ebert-Reformschule.

Schwarzburgschule

Reformvolksschule Schwarzburgschule 1925


An der Schwarzburgschule interpretierten die pädagogischen Akteure demgegenüber die Herausforderung, ihre Schule neu zu gestalten, als Aufgabe, die nach dem Weltkrieg verlorene „nationale Volksgemeinschaft“ wiederherzustellen. Die Protagonisten, stellvertretend seien hier Heinrich Grupe, Ludwig Klarmann, Paul Garz, Elisabeth Mann, Anna Laufenberg, Erich Augenreich, Flora Pick und Otto Hartmann genannt, wollten nicht am bestehenden gegliederten Schulsystem rütteln, sondern einen Beitrag zur inneren Schulreform und zur Neugestaltung des Schullebens leisten. Das schulische Konzept sollte sich neben dem nach Geschlechtern getrennten Unterricht durch die Verschmelzung dreier Postulate auszeichnen: der Forderung nach Einheitsschule, nach Gemeinschaftsschule und nach Arbeits-, Heimat- und Kulturschule. Einheitsschule bezog sich hier auf die neu zu gestaltende vierjährige gemeinsame Grundschule für alle Kinder, an die sich ein eigenständiger Volksschuloberbau anschloss. Explizit stellten die Pädagogen Geschlechterdifferenzen heraus, die ihren Niederschlag auch inhaltlich im Curriculum der Schule fanden. Auf weitere Differenzierungen verzichtete man prinzipiell, aller Unterricht fand in den alters- und geschlechtshomogenen Klassengemeinschaften statt. Sie bildeten mit den Eltern den Kern der Gemeinschaftsschule. Als Herz des Reformprojekts aber galten die Innovationen im Bereich der Unterrichtsmethode. Aus dem Leitbild der „freien geistigen Arbeit“ im Sinne Hugo Gaudigs resultierte ein anspruchsvolles Unterrichtsprogramm, welches eine umfassende musisch-ästhetische Bildung beinhaltete. Es erfüllte den Anspruch der Schwarzburg-Pädagogen, die „Veredlung“ des Menschen in der Gemeinschaft des „deutschen Kulturkreises“ abseits der Problematisierung sozialer Lagen zu schaffen.


Literatur und Quellen
  • Jutta Frieß, Verdrängt und Vergessen. Der Frankfurter Reformschulversuch 1921–1937, Frankfurt a.M. 2007
  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Protokolle der Stadtverordnetenversammlung 1919–1932

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