Der Frankfurter Reformschulversuch 1930 – 1937

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Schon zu Beginn des Reformschulversuchs hatte die Administration das Kriterium der öffentlichen Akzeptanz hervorgehoben. Das Interesse breiter Bevölkerungsgruppen war beachtlich Der Diskurs wurde fundiert und stets im Vergleich zu bekannten Reformmodellen in anderen Städten geführt und in Fachzeitschriften veröffentlicht. Die Debatte über die Zukunft des Schulversuchs zog sich von 1928 bis 1931 hin. Entschieden wurde schließlich die Fortführung unter Berücksichtigung der Evaluationsbefunde.
Im Resultat des Schulvergleichs wurde das progressivere Modell der Röderbergschule, nun umbenannt in Friedrich-Ebert-Reformschule, positiver und damit als zukunftsweisend bewertet. Doch weder die Kultusbehörden, noch die lokalen Behörden, noch die Vertreter einer bürgerlichen Bildungselite waren gewillt, sich den Versuchsergebnissen und dem Wunsch breiter Bevölkerungskreise nach Überwindung des dreigliedrigen Schulsystems anzuschließen. Aufgrund „wirtschaftlicher Schwierigkeiten und fehlender staatlicher Voraussetzungen“ wurde das demokratische Friedrich-Ebert-Modell als Prototyp des öffentlichen städtischen Schulwesens abgelehnt. Stattdessen zog der den Versuch evaluierende Stadtschulrat Heinrich Schüßler im Auftrag der Stadtverwaltung eigene Schlüsse und interpretierte den Versuch unter dem Vorsatz der „Bewahrung des Bewährten“ um. Nunmehr charakterisierten die „Eigengesetzlichkeit der Volksschule“ und ein sich damit verbindendes volkstümliches Bildungsprogramm den Rahmen des Versuchsauftrags. Der Schulleiter der Schwarzburg-Reformschule Heinrich Grupe verließ seine Schule, um einem Ruf als Professor an die pädagogische Akademie Kassel zu folgen. Sein Nachfolger Paul Garz trug die Umstellung mit. Das revidierte Unterrichtsprogramm bedeute einen grundsätzlichen Wechsel. 1932 vermerkte Garz in der Schulchronik: „Die Volksschule hat die Kinder in erster Linie dahin zu führen, dass sie befähigt und willens sind, an den großen Aufgaben der Volksgemeinschaft mitzuarbeiten.“ Man war sich einig mit Wilhelm Freiherr von Gayl (DNVP), Reichsminister des Inneren, von nun an „die Jugend im deutschen Geiste zu erziehen.“

Friedrich-Ebert-Reformschule

Klasse der Friedrich-Ebert-Reformschule

Die Friedrich-Ebert-Reformschule am Bornheimer Hang

Schwimmbecken im Hof der Friedrich-Ebert-Reformschule


Konträr dazu verlief die Entwicklung an der Friedrich-Ebert-Schule. Trotz positiver Auswertung des Schulvergleichs sah man sich zunehmend ins Abseits gedrängt. Eleonore Lange, die organisatorische Leiterin der Schule, verließ diese aus Protest. Sie wanderte 1930 nach Australien aus. Dennoch zeigte man sich an der Reformschule ungemindert innovativ. Gerade war man dabei, in Selbstverwaltung der Schülerinnen und Schüler ein neuntes und zehntes Schuljahr aufzubauen und die Integration von Kindern mit Lernstörungen anzugehen. Eine soziale Hilfsstunde und Berufsberatung war eingerichtet, die Entwicklung zur „Tagesheimschule“ anvisiert, als dem exklusiven Schulprojekt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 ein Ende gesetzt wurde.
Gleichwohl war mit Beginn des NS-Regimes das verwaltungsrechtliche Ende des öffentlichen Schulversuchs noch nicht gekommen.

Kurskarte von Gottfried Koch 1930-1933, die vom NS-Regime durchgeführten Änderungen werden in der Spalte 1933 deutlich.


Für die Friedrich-Ebert-Schule aber bedeutete der Systemwechsel die konsequente Zerstörung ihres Reformkonzeptes. Bereits die ersten Maßnahmen der neuen Machthaber ließen keinen Zweifel am neuen Zeitgeist. Erster Schritt war die im April 1933 erfolgte Umbenennung in „Dietrich-Eckart“-Reformschule. Ein besonders perfider Akt, denn Dietrich Eckart hatte sich als Schriftleiter des „Völkischen Beobachters“ für Verleumdung und Verunglimpfung der Person Friedrich Eberts verantwortlich gezeigt. Der Umbenennung folgten die Vernichtung aller Dokumente der „demokratischen Gesamtschule“ und die politische „Säuberung“ des Kollegiums. Mit Unterstützung zahlreicher Denunzianten wurde das Kollegium der Schule nach den Sommerferien 1933 gleichgeschaltet. Sechs von 16 Lehrkräften, darunter Schulleiter Arthur Berg, mussten die Schule verlassen. Sie wurden degradiert, versetzt und entlassen.
Der kommissarisch eingesetzte Schulleiter Gustav Striedinger führte seinen Auftrag „Ordnung“ zu schaffen, mit Eifer durch. Nach getaner Arbeit durfte er wieder gehen. Sein Nachfolger Ernst Kaiser, ebenfalls strammer Parteiaktivist, übernahm die konzeptionelle Umgestaltung der Reformschule. In diesem Zuge wurden die Elternbeiräte aufgelöst, die jüdischen Kinder der Schule verwiesen, die freiwählbaren Kurse wie auch der fremdsprachliche Unterricht verboten. Auch das expressionistische Kunstwerk als Stilmerkmal der Weimarer Republik musste verschwinden. Beckmanns Werk, nach dessen Verbleib man erstmals 1968 wieder nachforschte, gilt bis heute als verschollen.

Schwarzbergschule
Dagegen avancierte die Schwarzburgschule zur nationalpädagogischen Musterschule. Mit der Einheftung von Hitlers „Aufruf an das deutsche Volk“ in die Schulchronik, würdigte das Reformschul-Kollegium den Machtantritt der Nationalsozialisten. Am 14. März 1933 erklärten sie, dass es eine „Selbstverständlichkeit sei, die künftige Schularbeit nach den Zielen der nationalsozialistischen Regierung auszurichten.“ Gleichwohl beschlossen die Pädagogen, die jüdischen Kinder schützen zu wollen. Zwei Jahre später gab es keine jüdischen Kinder mehr an der Schule. Die sozialdemokratischen Mitglieder des Elternbeirates traten auf Druck des Kollegiums zurück, das zugleich ihre konformen Nachfolger bestimmte. Hanns Ludwig Katz’s und Rudolf W. Heinischs Ausmalungen wurden entfernt. Flora Pick, einzige jüdische Lehrerin der Schule, wurde 1934 entlassen und konnte 1938 nach England emigrieren. Paul Garz avancierte zum Vorsitzenden des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen traten als Aktivisten der NS–Bewegung hervor. Ihnen standen aber auch Teile der Lehrerschaft gegenüber, die ihre Opposition mit Beobachtung und Schulungslehrgängen in „Lehrerlagern“ zu bezahlen hatten. Das Leitbild der Schule orientierte sich nunmehr am „Dreigestirn der nationalsozialistischen Totalitätspädagogik“: Der Schulung von Körper, Charakter und an letzter Stelle von Wissen. Eindrucksvoll dokumentiert in der Schulchronik und stets belobigt von Stadtschulrat Heinrich Schüßler.

Einbanddeckel der Schulchronik der Schwarzburgschule mit abgeklebtem Wort „Reform“


Am 23. März 1937 wurde beiden Schulen durch den Regierungspräsidenten das Tragen des Titels einer Versuchsschule und aller sich damit verbindenden Attribute untersagt. An der Schwarzburgschule überklebte man den Namenszusatz „Reform“ auf dem Einband der Schulchronik mit Leukoplast. Die Schulchronik der „Dietrich-Eckart“-Schule verschwand. Während fünf der sechs Frankfurter Stadtschulräte für das Volks- und Mittelschulwesen entlassen wurden, konnte Heinrich Schüßler als Einziger dieses Amt bis 1945 ungebrochen weiterführen.
Ein Unrechtsbewusstsein existierte zu keiner Zeit. Nach 1945 stilisierten sich die Täter zu Opfern der Verhältnisse. Tragisch endete demzufolge die Karriere des Schulleiters Paul Garz. Er verübte 1947 Selbstmord. Der einst hoffnungsvolle Schulversuch wurde dem Vergessen preisgegeben.


Literatur
  • Jutta Frieß, Verdrängt und Vergessen. Der Frankfurter Reformschulversuch 1921 – 1937, Frankfurt a.M. 2007
  • Hanns Ludwig Katz. 1892-1940. (Ausstellungskatalog). Hrsg. im Auftrag des Magistrats der Stadt Frankfurt a.M., Dezernat für Kultur und Freizeit, Amt für Wissenschaft und Kunst, Frankfurt a.M., Jüdisches Museum Frankfurt a.M., Köln 1992.

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