„Gemeinschaft der werkenden Menschen“ – Die Frankfurter Reichshandwerkertage

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„Der heutige Reichshandwerkertag zeigt vor aller Welt die Wiederherstellung der Gemeinschaft der werkenden Menschen … Was einst die Zünfte aus sich heraus getan haben, ist heute Volksbrauch geworden. Jeder Deutsche ist heute stolz auf seine Ahnentafel, und wo er auch hingehen mag, überall wird dem jungen Deutschen der Weg nur freigegeben werden, wenn er nachweisen kann, daß er deutschblütig ist. … Mit der Aufwärtsentwicklung des gesamten Volkstums wird auch das deutsche Handwerk wieder goldenen Boden finden in dem Maße, in dem das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder goldenen Boden gewinnt.“ Gauleiter Jakob Sprenger, 17. Juni 1935

Zum 15. Juni 1935, pünktlich zum ersten Reichshandwerkertag in Frankfurt am Main, ging ein Telegramm Hitlers bei Gauleiter Jakob Sprenger ein. Darin bestätigte der Reichskanzler, dass Frankfurt den Titel „Stadt des deutschen Handwerks“ führen dürfe.
Stadtverwaltung und Gauleitung versuchten fortan, durch regelmäßige Veranstaltungen, die Gründung von Institutionen oder die Errichtung symbolträchtiger Bauwerke das neue Etikett zu etablieren, vor allem aber „salonfähig“ zu machen. Denn den Finanz- und Handelsplatz Frankfurt hatte das Handwerk nie in besonderer Weise geprägt, aber diese – nur auf den ersten Blick unverfängliche – Bezeichnung hatte einen tieferen Sinn und konnte sich der allgemeinen Wertschätzung der Nationalsozialisten wie auch konservativer Kräfte sicher sein. Denn mit der anachronistischen Umorientierung – man mag es auch Provinzposse nennen – distanzierte sich Oberbürgermeister Friedrich Krebs unausgesprochen von Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, die unter anderem zur Niederlegung des hiesigen Ghettos, zur Emanzipation und Gleichberechtigung der Frankfurter Juden geführt hatten, und ebenso von der demokratischen Tradition der Paulskirche. Das schien offenbar auch Hitler überzeugt zu haben.


Für die Zukunft des deutschen Handwerks
Der Reichshandwerkertag etwa sollte nunmehr jährlich in Frankfurt stattfinden, denn hier wäre „der denkbar beste Boden“ – so vermerkte das offizielle Festbuch für 1935 – „den Aufbruch in eine bessere, der Leistung entsprechende Zukunft des deutschen Handwerks im Reiche Adolf Hitlers“ zu begehen.
Zum ersten Reichshandwerkertag am 16. Juni 1935 reisten werbewirksam 150.000 Meister, Gesellen und Lehrlinge aus „allen Gauen Deutschlands“ an. In diesem Zusammenhang beschloss der Oberbürgermeister, umgehend eine Stiftung zur Förderung des handwerklichen Nachwuchses ins Leben zu rufen. Diese sollte ab 1936 Meister- und Gesellenstücke des „deutschen Handwerks“ ankaufen. Die Mittel stellten Stadt, Polytechnische Gesellschaft sowie die Wilhelm und Adele Katzenstein-Stiftung. Letztere war 1895 zur Unterstützung von armen, kranken Kindern und talentierten Personen, die – ohne Unterschied der Konfession – ein Handwerk erlernen wollten, eingerichtet worden. Seit 1924 hatten keine Vorstandswahlen mehr stattgefunden, und so ist es als ein Resultat der „Gleichschaltung“ und „Arisierung“ zu deuten, dass NSDAP-Mitglied Werner Fischer-Defoy, inzwischen Leiter des Städtischen Gesundheits- und Fürsorgeamtes, nach 1933 als Vorsitzender in den Akten erwähnt wird. Das Vermögen der Stiftung fiel 1938 zwangsweise an die Jugendfürsorge und eine Allgemeine Ausbildungsstiftung.
Der Opernplatz sollte mit dem „Brunnen des deutschen Handwerks“ gar Standort eines neuen Frankfurter Wahrzeichens werden, denn dort – so argumentierte die Stadtverwaltung – hielten die Handwerker jährlich ihre Großkundgebungen ab. Auf dem Areal zwischen Gutleutstraße und Hermann-Göring-Ufer (Untermainkai) plante der Kölner Architekt Clemens Klotz das „Haus des deutschen Handwerks“ als monumentale Anlage. Dessen riesige vorgelagerte Freiflächen sollten auch für Aufmärsche bei den Reichshandwerkertagen dienen.

Handwerk versus Goethe: Ein umfassendes Programm
Diese reichsweiten Zusammenkünfte boten stets ein umfangreiches Beiprogramm. Als Höhepunkt galt der Festzug mit circa 50 Motivwagen und Tausenden Teilnehmern – er bewegte sich vom Römerberg vorbei an einer Ehrentribüne in Richtung Opernplatz, wo die Abschlusskundgebung stattfand.
Dazu zählten aber auch Handwerkerwettkämpfe, um – so schwelgte Krebs 1943 in Erinnerungen – „immer wieder die deutschen Handwerker zu Höchstleistungen auf ihrem Fachgebiet anzuspornen“. Zu diesem Zeitpunkt fand das Massenspektakel kriegsbedingt allerdings seit zwei Jahren nicht mehr statt. Die Stadtverwaltung kürte so genannte Reichssieger und bedachte diese mit Geldpreisen. Die Arbeiten der Ausgezeichneten wurden nach dem SA-Märtyrer „Hans-Handwerk-Gedächtnispreis“ benannt, angekauft und noch 1935 in der Paulskirche gezeigt. Weil das frühere Gotteshaus den Nationalsozialisten als Symbol für Demokratie verhasst war, wurde die Schau kurzfristig in das Karmeliterkloster verlegt, das seine Entstehung der Sankt Annen-Gilde der Frankfurter Bäckerinnung verdanke – so jedenfalls argumentierte Stadtrat Bruno Müller. Den Vorschlag des Bildhauers Arno Steinert, deshalb das Karmeliterkloster in „neue deutsche Zunfthallen“ umzubenennen, lehnte der Oberbürgermeister aber ab. Zuletzt wurden die Meisterstücke dauerhaft in der Mehlwaage präsentiert.
In diesem Kontext hielt Bruno Müller es überhaupt für sinnvoller, „statt den Goethepreis auf 10.000 Reichsmark zu erhöhen, jährlich 5.000 Reichsmark zur Förderung besonders hervorragender junger Handwerker aus dem ganzen Reich zur Verfügung zu stellen“; denn die Stadt Frankfurt habe „eine gewisse Ehrenpflicht, für das Handwerk genauso etwas zu tun wie auf dem Gebiet der Literatur“. Die Nationalsozialisten identifizierten Frankfurt nur untergeordnet als „Stadt Goethes“; die Verknappung des Kulturetats zugunsten des Handwerks war die logische Konsequenz.
Zwar wurde der Reichshandwerkertag bis einschließlich 1939 zelebriert; aber an Aufwand und Engagement des Jahres 1935 konnte die Stadt nicht mehr anknüpfen, wie die Überlieferung eindrücklich belegt.


Literatur
  • Heike Drummer, „Stadt des deutschen Handwerks“, in: Lothar Gall (Hg.), FFM 1200. Traditionen und Perspektiven einer Stadt, Frankfurt am Main 1994, S. 315-340.
  • Dies., Der „Brunnen des deutschen Handwerks“ – Ein Beitrag zum Selbstverständnis der Stadt Frankfurt am Main im Nationalsozialismus, in: kritische berichte 2 (1995), S. 58-65.
  • Institut für Stadtgeschichte, Stiftungsabteilung 170.

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