Spurensuche in der Brüder-Grimm-Schule

Druck

Als es Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre zu einer intensiv geführten öffentlichen Auseinandersetzung um die Rolle von Schulen in Frankfurt am Main im Nationalsozialismus kam, entstand auch an unserer Schule das Interesse sich mit der eigenen Schulgeschichte auseinander zu setzen.
Es gab einen Hinweis zu einem weitgehend vergessenen jüdischen Lehrer unserer Schule in dem Buch „Leben in der NS-Zeit“. Flörsheim, so hieß dieser jüdische Lehrer, war antisemitischem Verhalten von Eltern und Lehrern ausgesetzt. Genaueres war zu diesem Zeitpunkt aber nicht zu erfahren, da die Personal-, Schulamts- und Magistratsakten im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main noch nicht eingesehen werden durften.

Julius, Werner Bernhard, Kurt und Jenny Flörsheim 1933


Ein Gespräch mit dem Schulleiter ergab, dass die Brüder-Grimm-Schule keinerlei Akten (Lehrer-, Schülerakten, Konferenzbücher, Schulchroniken) aus dem gesuchten Zeitraum mehr besaß. Nach einem Bombenangriff am 3. Oktober 1943, der vor allem im Osten Frankfurts schwere Schäden anrichtete, wurde die Schule nach Meerholz (Gelnhausen) evakuiert. Die Schulakten seien in den Wirren der letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Weil dieser Weg zur Erforschung des Schicksals von Flörsheim verschlossen war, versuchte die Fachkonferenz Geschichte einen anderen Zugang zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Holocaust durch die persönliche Begegnung mit Zeitzeugen zu gewinnen. Die Möglichkeit dazu eröffnete das Besucherprogramm der Stadt Frankfurt am Main für wegen NS-Verfolgung geflüchtete Frankfurter Juden und deren Nachkommen. Im Rahmen dieses Begegnungsprogramms begannen die Gespräche einer 6. Klasse 1994 mit dem Ehepaar Goldsmith aus Athens, nahe Atlanta, USA. Unsere Gäste erzählten ihre Erfahrungen von Diskriminierung, Vertreibung und Emigration im Nationalsozialismus und lösten damit bei einigen Schülerinnen und Schülern, die als Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien gekommen waren, Erinnerungen aus. Das Gespräch erwies sich als so fruchtbar, dass es in Briefen bis zum Schulabschluss der Schülerinnen und Schüler fortgesetzt wurde.
Noch im selben Jahr nahm diese 6. Klasse am Wettbewerb „Sie wohnten nebenan – jüdisches Leben in Frankfurt am Main“ teil, den das Fritz Bauer Institut anlässlich der 1200-Jahrfeier der Stadt Frankfurt am Main ausgeschrieben hatte. Unser Beitrag bestand in einer Spurensuche zu Therese und Harry Goldsmith. Erstmals lernten wir die Angebote des Instituts für Stadtgeschichte der Stadt Frankfurt am Main und die Techniken einer Recherche kennen: Auffinden und Bestellen von Akten, Lesen der Kindern und Jugendlichen unbekannten Sütterlinschrift, Benutzen von Handbüchereien im Lesesaal. Wichtig für unsere Recherche waren die sogenannte Nullkartei (ein Einwohnermeldeverzeichnis bis 1930), Straßenverzeichnisse, Hausstandsbücher, Firmenakten, das Fotoarchiv.
Weitere Zeitzeugengespräche, vor allem mit ehemaligen Frankfurtern aus den USA, aber auch aus Israel und Großbritannien, die zur Besuchergruppe der Stadt Frankfurt am Main gehörten, folgten, so dass eine persönliche Begegnung für viele Klassen möglich wurde. Als besonderen Gast konnten wir Mile Braach, eine in Frankfurt und über Frankfurts Grenzen hinaus bekannte Autorin, begrüßen. Sie stellte ihre Forschungsergebnisse zur Jüdin Marie Eleonore Pfungst vor. Frau Pfungst war die Erbin der Schleifmittelfabrik Naxos Union und wurde am 15. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 8. Februar 1943 verstarb.
Anlässlich des 55. Jahrestages der Befreiung des KZs Auschwitz durch die russische Armee nahmen am 27. Januar 2000 alle Klassen unserer Schule an einer „Lernwerkstatt Geschichte“ teil. Diese war vorbereitet worden von der Fachkonferenz Geschichte. Nach einer gemeinsamen Auftaktveranstaltung der gesamten Schule wurden altersentsprechende Projekte durchgeführt: Autorenlesungen, Zeitzeugengespräche, Besuch des Jüdischen Museums, Besuch des Museums Judengasse, des Historischen Museums, ein Gang zu den Spuren von Anne Frank, Besuch der Gedenkstätte Buchenwald. Die Projektergebnisse wurden in der Schule vorgestellt und in einer Ausstellung zusammengefasst. Eine Veröffentlichung darüber erfolgte im Jahresbericht 1999/2000 der Brüder-Grimm-Schule.

Wahrgenommen wurden auch außerschulische Angebote von Vereinen und Instituten und Museen zur Thematik. Hier ein Beispiel:
Am 13. März 2001 fand der Frankfurter Aktionstag gegen Rassismus „Ich glaube an das Gute im Menschen“ (Anne Frank) statt. Er wurde organisiert von der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Frankfurt am Main e.V“. Daran beteiligten sich sowohl Grundschulen als auch Realschulen und Gesamtschulen. Für diesen Aktionstag wurden von einem 9. Schuljahr unserer Schule zwei Beiträge erarbeitet: eine Ausstellung zu den Gesprächen mit Zeitzeugen sowie eine Lesung unter dem Motto „Ich will mich erinnern, dass ich nicht vergessen will“ (Erich Fried). Es war eine Gedichtcollage mit Gedichten von Erich Fried, Kurt Steiniger, Nelly Sachs, Manfred Hausin und Rose Ausländer.

Spurensuche 1
Da die Akten zur Person des jüdischen Lehrers Julius Flörsheim inzwischen freigegeben worden waren, konnte 2003 mit Schülerinnen und Schülern eines 10. Schuljahres in einer Geschichts-AG die Spurensuche zu seinem Schicksal und dem seiner Familie im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main begonnen werden. Dazu wurden 10 unterschiedliche Spuren verfolgt.
1. Spur: „Die Wand der Namen“, Gedenkstätte am Neuen Börneplatz in Frankfurt am Main, Datenbank des Jüdischen Museums im Museum Judengasse
2. Spur: Jüdisches Museum in Frankfurt am Main
3. Spur: Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main
4. Spur: Hessisches Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden
5. Spur: Leerbachstraße 105, letzte Adresse der Familie Flörsheim in Frankfurt am Main vor ihrer Deportation nach Lodz am 19. Oktober 1941
6. Spur: Die Großmarkthalle in Frankfurt am Main, Sammelpunkt zur Deportation
7. Spur: Das Getto Lodz (Texte)
8. Spur: Ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Friedrich Schafranek, Freund von Kurt Flörsheim, jüngerer Sohn von Julius Flörsheim
9. Spur: Ein Gespräch mit Mr. Werner Bernard Florsham (Flörsheim), älterer Sohn von Julius Flörsheim (im Jahre 2003 achtzig Jahre alt), der im August 1938 als Achtzehnjähriger nach Großbritannien emigrieren konnte und heute in Stratford upon Avon lebt
10. Spur: Gedenkstätte Buchenwald, wo Julius Flörsheim nach der Reichspogromnacht im „Pogromsonderlager 1938/39“ einige Wochen unter menschenverachtenden Bedingungen leben musste.
Die Ergebnisse unserer Spurensuche wurden in der Broschüre „Julius Flörsheim, ein jüdischer Lehrer an der Brüder-Grimm-Mittelschule, 1914-1935“ dokumentiert. Die Forschungsergebnisse wurden dem Lehrerkollegium vorgestellt sowie auch in vielen Klassen besprochen.


Gedenktafel für Julius Flörsheim an der Brüder-Grimm-Schule


Um eine bleibende Erinnerung zu schaffen, wurde eine Gedenktafel aus Glas von dem Offenbacher Künstler Bernd Fischer gestaltet. Sie erzählt von dem Schicksal der Familie Flörsheim ebenso wie von dem Mut und der Menschlichkeit des damaligen Schulleiters Fafflok und des Lehrers Ruppel, der half, den älteren Sohn der Familie Flörsheim zu retten. Die Gedenktafel ist eine mehrschichtige Glastafel von 120 x 76 cm. Die unterste hellgraue Schicht zeigt als Hintergrundfoto einen Ausschnitt von Häftlingen auf dem Appellplatz im KZ Buchenwald, wo Julius Flörsheim nach der Reichspogromnacht einige Wochen im Sonderlager verbringen musste. Die Gesichter der Häftlinge sind unscharf und versinnbildlichen dadurch Menschen, die bereits aller Individualität beraubt wurden. In der Bildmitte steht vor dunklem Hintergrund (inverse Darstellung eines Schreibens aus den Akten zur Entlassung des Lehrers Julius Flörsheim mit seiner Unterschrift aus dem Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main) steht der Gedenktext. Dieser zentrale Text wird umgeben von Zitaten, die den Arbeiten der Schülerinnen und Schüler entnommen wurden.
Diese Gedenktafel, über Spenden im Kollegium und private Spenden finanziert, wurde am 10. März 2005 im Rahmen einer Feier enthüllt, an der auch der betagte ältere Sohn der Flörsheim-Familie mit seiner ältesten Tochter Carol Berry und seine Enkelin Jennifer Faithful teilnahmen.

Spurensuche 2
Im Jahre 2007 haben Schülerinnen und Schüler einer Geschichts-AG eine Spurensuche zu Gertrud Gross, geb. Schickl, einer jüdischen Schülerin unserer Schule, und zu Irene Mainzer, einer jüdischen Schülerin der uns gegenüberliegenden Dahlmannschule, sowie zu ihren Eltern Sophie und Dr. Mainzer, Rabbiner, durchgeführt. Auch diese Ergebnisse wurden in einer Broschüre dokumentiert.
Für diese Opfer der Nationalsozialisten haben wir Stolpersteine verlegen lassen. Dazu fand am 6. November 2007 eine von dieser Schülerinnen- und Schülergruppe geplante Auftaktveranstaltung zur Verlegung von Stolpersteinen im Ostend in der Brüder-Grimm-Schule statt. Anschließend wurden vor den Häusern Wittelsbacherallee 100 für Gertrud Gross und Rhönstraße 2 für Irene Mainzer und ihre Eltern durch den Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine verlegt. Die Schülerinnen und Schüler stellten die Biografien der von den Nationalsozialisten Ermordeten vor und gestalteten gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Dahlmannschule ein Gedenken an sie.


Literatur
  • Wolfgang Wippermann, Leben in der NS-Zeit, Bd. I, Die nationalsozialistische Judenverfolgung Frankfurt am Main 1986, S. 93 f. und 199 f.
  • Die Arbeitsergebnisse wurden in folgenden Broschüren dokumentiert:
  • Julius Flörsheim, ein jüdischer Lehrer an der Brüder-Grimm-Schule, 1914-1935, hg. von der Brüder-Grimm-Schule, Frankfurt am Main 2003.
  • Feier zur Übergabe der Gedenktafel für Julius Flörsheim am 10. März 2005, hg. von der Brüder-Grimm-Schule, Frankfurt am Main 2005.
  • Albert Fafflok, Rektor von 1929 bis 1938, hg. von Klaus Kaduk und Magdalene Simon, Frankfurt am Main 2007.
  • Eine Spurensuche zu Gertrud Gross, Irene Mainzer, Sophie Mainzer, Dr. Moritz Mainzer, hg. von der Brüder-Grimm-Schule, Frankfurt am Main 2007.
  • Spurensuche und Stolpersteinverlegung für Robert und Babetha Strauss, hg. von Klaus Kaduk und Magdalene Simon, Frankfurt am Main 2008.

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Magdalene Simon  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 31.08.2015