Das Schumanntheater 1905-1944: Operetten, Revuen und eine Hinrichtung

Druck

Wenn der Reisende aus dem Frankfurter Hauptbahnhof trat und sich umschaute, dann fing es die Blicke ein. Das Schumanntheater mit seinen zwei Türmen und der prachtvollen Fassade, mit den nackten überlebensgroßen Paaren am Eingang, die mit ihrem Kuß die über ihnen befindlichen „Fackeln der Liebe“ symbolisch zum Entzünden brachten und mit dem überdimensionalen Werbeplakat, riesengroß beschriftet mit den Zugpferden des aktuellen Programms und in späteren Jahren nachts grell angestrahlt.
Auf dem Dach thronte der Roßbändiger mit zwei wilden Rössern, eine Referenz an die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes als Standquartier für den Schumannzirkus. Aber Zirkusvorstellungen blieben für den am 5. Dezember 1905 eröffneten Bau nur Episode, Varietévorstellungen mit den internationalen Stars der Szene dominierten das Programm bis zum Ende 1944. Aber der 5000 Zuschauer fassende, manegenartige Innenraum diente auch als Austragungsort von populären Ringkämpfen, er konnte zum Kino umfunktioniert werden, und hier war die Frankfurter Anlaufstelle für großaufgezogene Gastspiele; hier machten die zeitgenössischen Publikumsmagneten auf ihren Tourneen Halt, auch für Oper, Operette und Theater war auf der Schumannbühne Platz. Und nicht zuletzt rauschten im Schumanntheater ab Mitte der zwanziger Jahre die großen Ausstattungsrevuen in immer aufwendigeren Verpackungen über die Bühne; Siegfried Kracauer sah hier als Varitékritiker für das Stadtblatt der Frankfurter Zeitung die berühmten Tillergirls ihre Beine schwingen, was via seines berühmten Essays über „Das Ornament der Masse“ nicht ohne Auswirkung auf die Geistesgeschichte blieb.
Das Schumanntheater blieb allein schon wegen seiner Größe, die immense Betriebskosten verursachte, nicht ohne Krisen. Das riesenhafte Haus wollte erst einmal gefüllt werden. Auf dem Höhepunkt der Inflation, Ende 1923, mußten die bisherigen Pächter mit ihrem hochwertigen Varietékonzept aufgeben, nun sollte es als Kino betrieben werden. Kurz vor der Entstehung der prächtigen Erstaufführungskinos wurde das Schumann damit tatsächlich für kurze Zeit zu Deutschlands größtem Kinopalast.
Bei der Suche nach spektakulären Programmen ging man auch neue und moderne Wege, so kamen etwa zu „Sensationsgastspielen“ der Ufa immer wieder Filmstars auf die Schumannbühne, um ihre Filme im Zusammenhang mit einer Bühnenshow zu präsentieren, und sorgten mitunter für ein tagelang ausverkauftes Haus. Höhere kulturelle Ansprüche und zugleich die Neugier des Publikums befriedigte die berühmte Tänzerin Pawlowa, die im Rahmen einer Welttournee mit ihrem 60köpfigen Ensemble am Hauptbahnhof Station machte.
Seit den späten zwanziger Jahren fanden in den Sommermonaten im Schumann Ringerwettkämpfe statt, bei denen allerdings der Unterhaltungscharakter im Vordergrund stand. Die Ringer mit ihrem jeweils pointiert ausgespielten „guten“ oder „bösen“ Image waren Stadtgespräch. Das normale Varietéprogramm im Schumann wechselte in der Regel alle zwei Wochen und bestand aus zehn Sensationen mit einer Zugnummer.
Zum 25jährigen Jubiläum fand 1930 keine Feier statt. Die Wirtschaftskrise hatte das Haus besonders schwer getroffen. Es kam in der Folge 1932 zu einem Umbau, der das innere Erscheinungsbild stark veränderte, der Plüsch verschwand und moderne klare Linienführung hielt Einzug. Aus dem Theater der Fünftausend war nun eines für nur noch 3000 Zuschauer geworden.
Seit Ende 1933 stand das Theater unter Zwangsverwaltung, die Zwangsversteigerung drohte. 1934 unter einer neuen Direktion wiedereröffnet, erlebte das Haus noch einmal eine Glanzzeit. Im Dezember 1935 jedenfalls konnte mit einem Jubiläumsprogramm gefeiert werden, die neue Leitung setzte auf innovatives Marketing und Appelle an das heimische Bewußtsein: „Frankfurter, vergiß dein Schumann nicht!“ Reklamekolonnen zogen über Land und Sonderzüge brachten Publikumsladungen aus Taunus oder Odenwald. Als eine Wildwestshow am Main gastierte, ritten Cowboys lassoschwingend an der Hauptwache vorbei.
Die Programmgestaltung im Schumann folgte bald einem erfolgreichen Mix: Operettenspielzeiten wechselten sich mit Revuegastspielen und Varietéshows ab.
Wenn eine Revue wie „Tropen Expreß“ im Dezember 1936 mit immerhin 800 Kostümen und Akteuren aus 16 Nationen anrückte, dann war das zwar im Vergleich zu den opulenten Wiener oder Berliner Ausstattungsrevuen, die in den zwanziger Jahren am Main Halt gemacht hatte, eher Mittelmaß, aber ein wenig Exotik brachte es wohl doch in den Alltag Großdeutschlands.
Im Theateralmanach 1937/38 verkündete die Direktion des Schumanntheaters jedenfalls, beim „kulturellen Wiederaufbau“ mitzuwirken. KDF-Gutscheine brachten Preisermäßigungen, und wer nicht von einer Revue wie „Lachendes Wien“ bezaubert wurde – die Tiroler Kaiserjäger sangen: „Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd“ – der fand vielleicht zu „Maria Valente und ihre(r) Kinderschar“, auch der bekannte Clown Grock, ein Schweizer, verlernte den Humor selbst im Dritten Reich nicht.
Im März 1939 hieß das Programm „Lacher am laufenden Band!“, ein halbes Jahr später brach der Krieg aus.
Da lockte nach der Vorstellung immer noch die Schumann-Bar mit bunt beleuchtetem Glasparkett, die Mape-Stube im ersten Stock war das Revier danziger Goldwasser schlürfender Damen, während der Schumannkeller für sich als „gepflegte Familien Unterhaltungsstätte“ warb.
Der große Erfolg 1943 war ein alter, die Paul Lincke Operette „Frau Luna“ vom Ende des 19. Jahrhunderts. Vielleicht spielte da die Rückerinnerung an eine harmlosere Zeit eine Rolle.
Das Schumann spielte bis zuletzt, bis der Theaterinnenraum durch Bombentreffer völlig zerstört wurde, während der Eingangsbau mit dem Foyer unversehrt blieb.
Fast aber wäre das Schumann schon vorher abgebrannt. Ein junger verhinderter Brandstifter, „wohl leicht schwachsinnig, aber für seine Taten voll verantwortlich“ wie die Diagnose der Rhein-Mainischen Zeitung vom 10. Januar 1945 lautete, hatte im Theaterbau vor der Zerstörung gezündelt, nun wurde er noch schnell von einem Sondergericht wegen eines Verbrechens im Sinne der „Volksschädlingsverordnung“ zum Tode verurteilt und hingerichtet. Denn das Theater galt als kriegswichtiger Bau.
Die Amerikaner nutzen den stehengebliebenen Teil des Schumannbaus bis Ende der fünfziger Jahre, und immer wieder flackerten Hoffnungen auf, kursierten Pläne das Theater wiederzubeleben. 1961 wurde das Gebäude allerdings demoliert, die gut erhaltene Fassade, heute wäre sie denkmalgeschützt und bestaunt, rettete es nicht. Zumindest offiziell galt der Bauzustand wegen Schwammbefalls als zu schlecht. 1966 baute man dann ein kombiniertes Büro- und Parkhaus dorthin, wo einst ein berühmtes Varietétheater stand.


Literatur
  • Oliver M. Piecha, Roaring Frankfurt. Mit Siegfried Kracauer ins Schumanntheater, Frankfurt am Main 2005.

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Oliver Piëcha  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 29.10.2015