Ermordet: der Violinist Moses Slager (1880–1943)

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„Eine außerordentliche Freude bereitet es mir, daß gerade die Kollegen im Opernhaus-Orchester welche als wahre und echte Nationalsozialisten bekannt sind, nach wie vor kollegial mit mir verkehren, ich meinerseits betrachte dies als ein Vertrauensvotum. Daß ich Jude bin, dafür kann ich nichts, ohne Überhebung darf ich aber sagen, meinen Mitmenschen gegenüber stets ehrlich und korrekt gewesen zu sein.“ (Moses Slager, 22. Juli 1933)
Als Sohn eines Kaufmannes kommt Moses (auch: Mozes) Slager am 28. April 1880 im niederländischen Kampen zur Welt. Seit 1909 ist er mit der Darmstädterin Emilie Sander verheiratet. Die Ehe bleibt kinderlos. Nach der Realschule besucht Moses Slager in seiner Heimatstadt von 1896 bis 1901 die Städtische Musikschule.
Zunächst ist er ab Oktober 1900 Mitglied des Städtischen Orchesters Krefeld. Anschließend arbeitet Slager von Oktober 1901 bis April 1903 als Geiger im Kaim-Orchester unter Felix Weingartner in München. Bis Mitte Juli 1906 spielt er im Städtischen Orchester Heidelberg.
Dem Frankfurter Opernorchester gehört Moses Slager ab 15. Juli 1906 an. Dort ist er als zweiter Violinist eingesetzt. 1931 kann er sein 25-jähriges Dienstjubiläum feiern. Im Zuge des allgemeinen Personalabbaus soll der 52-Jährige bereits 1932 aus dem Orchester ausscheiden. Doch er kann sich erfolgreich gegen eine Pensionierung wegen Dienstunfähigkeit wehren.

Vom 1. bis 5. April 1933 muss Moses Slager in den vom kommissarischen Opernintendanten Carl Stueber verhängten Zwangsurlaub gehen. In der Begründung heißt es „zur Aufrechterhaltung der Ruhe im Opernhause und zur Vermeidung jeglicher Betriebsstörung werden Sie hierdurch mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres beurlaubt“. Aufgrund von Denunziationen ehemaliger Kollegen eröffnet die Theaterleitung ein Untersuchungsverfahren gegen den Musiker, dem eine unfreundliche Haltung gegenüber Deutschland während des Ersten Weltkrieges vorgeworfen wird. Die Ermittlungen führen zu keiner stichhaltigen Belastung Slagers. Auf Vorschlag von Generalintendant Meissner wird er vielmehr am 27. November 1933 zum Städtischen Kammermusiker ernannt.
Im Juli des Folgejahres teilt Meissner dem Personalamt jedoch nach weiteren Denunziationen mit, dass auf den Geiger verzichtet werden könne, wenn Ersatz zu finden sei. Dieser wendet sich hilfesuchend an den Konsul der Niederlande. Nach erneuter Befragung der Kollegen plädiert der Verwaltungsdirektor nun für die Entlassung, die zum 31. März 1935 erfolgt: „Die Kammermusiker … und Slager haben durch kleine, aber stetige Gehässigkeiten während des Krieges, in der Nachkriegszeit und vor dem Umschwung, die immer so vorsichtig angebracht wurden, dass die Herren nie gefasst werden konnten, die Zusammenarbeit sehr erschwert und eine Erregung in das Orchester getragen, die durch ihre beabsichtigte Entlassung endlich gelöst würde und dem gesamten Orchester nur zum Vorteil gereichen kann.“ Slagers Beschwerde gegen die Kündigung weist der Preußische Innenminister am 2. Juli 1935 zurück. Seit Ende 1934 ist Slager wegen eines Nervenzusammenbruchs krankgeschrieben. Nur der Kollege Friedrich Dippel stellt sich offen hinter ihn. Parallel kämpft Slager darum, seinen Pensionsanspruch durchzusetzen. Ab 1. Oktober 1935 erhält er schließlich ein kleines Ruhegeld, das jedoch Anfang 1942 um 37 Prozent gekürzt wird.
Moses Slager wird am 8. März 1943 verhaftet, weil er angeblich gegenüber dem Ernährungsamt die jüdische Herkunft verschwiegen haben soll und seine Lebensmittelkarten deshalb kein diskriminierendes „J“ erhalten hatten. Der Musiker wird in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er am 20. Juli 1943 im Alter von 63 Jahren ermordet wird. Auch seine Ehefrau wird Opfer des Holocaust.
Moses Slager ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.), Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
  • Judith Freise/Joachim Martini, Jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt 1933-1942, Frankfurt am Main 1990, S. 72 (Anhang).
  • Die Sterbebücher von Auschwitz, München 1995.
  • Bettina Schültke, Theater oder Propaganda? Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main 1933-1945. Frankfurt am Main 1997, S. 54, 83-85, 104-105, 446-447, 478.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Zwischen Ausgrenzung und Vernichtung. Jüdische Musikerinnen und Musiker in Leipzig und Frankfurt a. M. 1933-1945. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Leipzig 1996, S. 62.
  • Institut für Stadtgeschichte Personalakten 3802, 40813.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;  
Personen:  Hans Meissner;  

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