Eleonore Sterling: Sozialwissenschaftlerin und Historikerin

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Eleonore Sterling

In seinem Rückblick „Der Lebensweg eines Rechtshistorikers. Erinnerungen (Sigmaringen 1975) berichtete der jüdische Rechtsgelehrte Guido Kisch über eine Begegnung mit Eleonore Sterling im Juli 1956:
„Nach meinem Frankfurter Vortrag erwartete mich vor dem Hörsaal, um mich zu begrüßen, die zarte Gestalt meiner ehemaligen Schülerin Eleonore Sterling … Sie war nun Assistentin des bedeutenden Politologen und Politikers Professor Carlo Schmid, arbeitete und publizierte in den folgenden Jahren fleißig und erfolgreich trotz ständiger Behinderung durch eine schwere Lungenkrankheit. Als Frucht ihrer Tätigkeit erreichte sie eine Professur an der Pädagogischen Hochschule in Osnabrück, der [sic!] sie sich leider nicht lange erfreuen konnte. Wenige Monate nach ihrer Ernennung raffte sie der Tod in der Blüte ihrer Jahre dahin. Durch ihre wertvollen Publikationen wird ihr Name in der Wissenschaft der Soziologie und der Judaistik fortleben. Die Stadt Frankfurt ehrte Eleonore Sterling (1925–1968), indem sie eine Straße nach ihr benannte.“ (S. 177f.).
Professor Kischs Hoffnung, der Name der Frankfurter Politikwissenschaftlerin, Soziologin und jüdischen Historikerin Eleonore Sterling möge in der Forschung fortleben, blieb unerfüllt. Obwohl sie 1968 als erste Frau auf einen deutschen Lehrstuhl für Politikwissenschaft berufen und im Frankfurter Stadtteil Eschersheim bereits 1969 eine Straße nach ihr benannt wurde, ist sie heute fast vergessen.

Emigration
Eleonore Sterling, geb. Oppenheimer kam am 10. März 1925 in Heidelberg als Kind einer badisch-jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt. Um sie vor den Nationalsozialisten zu schützen, schickten Flora und Salomon Oppenheimer ihre erst dreizehnjährige Tochter allein zu entfernten Verwandten nach New York; der 1921 geborene Bruder Frank Oppenheimer überlebte die NS-Zeit in England. Am 22. Oktober 1940 wurden die Eltern mit den Heidelberger Judentransporten im Rahmen der berüchtigten Wagner-Bürckel-Aktion (benannt nach den verantwortlichen NS-Gauleitern Robert Wagner und Josef Bürckel) in das südfranzösische Lager Gurs deportiert. Dort starb Eleonore Sterlings erst 45-jährige Mutter noch im gleichen Jahr, 1942 auch der Vater.
Im New Yorker Exil wartete Eleonore Sterling vergeblich auf ihre Eltern. Deren Vermächtnis erfüllte sie insofern, dass sie als begabte Schülerin und Studentin ihren Weg ging. 1946 schloss sie mit Hilfe eines Stipendiums ihr sozialwissenschaftliches Studium ab. Als Sozialarbeiterin für schwer erziehbare Kinder finanzierte sie das anschließende Abendstudium in Geschichte und Politikwissenschaft. Eine kurze Ehe mit dem amerikanisch-jüdischen Lehrer Aaron Cecil „Shep“ Sterling (geb. 1924) blieb kinderlos und wurde später geschieden, doch behielt sie den Namen ihres Mannes. 1949 legte sie den Master of Arts degree in Politikwissenschaft ab. Für das Studienjahr 1951/52 errang sie eines der begehrten Stipendien der Graduate Faculty der New School for Social Research, New York. Neben der Erforschung des Antisemitismus befasste sich sie sich – als eine von wenigen weißen Forschenden – auch mit der rassistischen Diskriminierung der afroamerikanischen sowie afrodeutschen Minderheit und der indianischen Urbevölkerung.

Remigration und akademischer Werdegang
Der sinnlose Tod ihrer Eltern unter der Naziherrschaft bewegte Eleonore Sterling ihr Leben lang. Um die Geschichte der nichtjüdisch-jüdischen Beziehungen und des Antisemitismus im „Land der Täter“ zu erforschen, bereiste sie 1952 als Fellow der John Hay Whitney Foundation erstmals wieder Deutschland. Dort traf sie Max Horkheimer, der sie zum Studium in Frankfurt am Main ermutigte und auch später wissenschaftlich förderte – in der patriarchalischen Adenauer-Republik keine Selbstverständlichkeit. 1955 errang Eleonore Sterling als eine von wenigen Frauen in Deutschland den Doktortitel: An der Universität Frankfurt promovierte sie bei Max Horkheimer und Joseph Kunz in der Männerdomäne Politikwissenschaft über „Die Anfänge des politischen Judenhasses in Deutschland“.
Von 1956 bis 1962 war Eleonore Sterling am Institut für Politische Wissenschaft im Kettenhofweg 135 I die einzige Frau im Assistententeam des Politologen und SPD-Politikers Prof. Carlo Schmid. Unter anderem hielt sie Seminare zu „Ursachen und Wirkungen des Antisemitismus in der europäischen Politik“ und über das US-amerikanische und englische Regierungssystem ab. 1962 wurde sie zur Oberstudienrätin im Hochschuldienst am Seminar für Politische Bildung (Abteilung für Erziehungswissenschaften) ernannt. Zudem wirkte Eleonore Sterling als langjährige Deutschland-Korrespondentin des American Jewish Commitee und schrieb in deutschen, amerikanischen und jüdischen Periodika über Judentum und Antisemitismus. Hierbei stellte sie auch pro-jüdischer Stereotype in Frage – und behielt Recht: Gleich nach dem „Sechs-Tage-Krieg“ 1967 zwischen Israel und den arabischen Staaten verkehrten sich u.a. in der 68er Studentenbewegung gut gemeinte Projektionen des „leidenden“ und „edlen“ Juden unvermittelt in Feindbilder vom „bösen“ Juden und zionistischen Aggressor. Für ihre Verdienste um die christlich-jüdischen Beziehungen nach der Shoah erhielt Eleonore Sterling 1959 zusammen mit Schalom Ben-Chorin den angesehenen Leo-Baeck-Preis.

Nach vergeblichen Anläufen, an einer Ordinarienuniversität als Frau einen Lehrstuhl zu erringen, war es am 1. April 1968 so weit: Sie erhielt einen Ruf an die Pädagogische Hochschule Osnabrück – Adolf-Reichwein-Hochschule. Mit der urkundlichen Ernennung am 26. August 1968 zur ordentlichen Professorin für Politikwissenschaft im niedersächsischen Landesdienst wurde Eleonore Sterling „in der Bundesrepublik … die einzige Professorin für politische Wissenschaften, wahrscheinlich die einzige jüdische Hochschulprofessorin überhaupt” (E. Gottfried in der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“, 10.01.1969). Ihren hart erkämpften Erfolg konnte sie nicht lange genießen: Erst 43-jährig starb Eleonore Sterling am 27. Dezember 1968 in Ebersteinburg (heute Ortsteil von Baden-Baden) an Lungenkrebs. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof Baden-Baden-Lichtenthal beerdigt.

Publikationen
Eleonore Sterlings früher Tod verhinderte, dass sie ihre wissenschaftliche Kreativität weiter entfalten, ihr Engagement gegen Neonazismus und Antisemitismus mit dem Ziel eines gefestigten demokratischen Deutschland fortsetzen konnte. Das hinterlassene Werk schmal, aber um so gehaltvoller. 1963 edierte sie mit Dietrich Andernacht im Auftrag der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden die „Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945“. 1966 gab sie Ismar Elbogens Standardwerk „Die Geschichte der Juden in Deutschland“ (1935) in neuer Bearbeitung heraus, das es 1982, 1988 und 1993 zu weiteren Auflagen brachte. Ihr Engagement für die von der Shoah überschatteten christlich-jüdischen Beziehungen dokumentiert u.a. die gemeinsam mit Helmut Gollwitzer edierte Publikation „Das gespaltene Gottesvolk“ (Berlin, Stuttgart 1966). Posthum erschienen 1969 ihre Studien „Die Anfänge des politischen Antisemitismus in Deutschland (1815–1850)“ und „Kulturelle Entwicklung im Judentum von der Aufklärung bis zur Gegenwart“. Zu den wichtigsten Aufsätzen gehören „Die politische Rolle der Frau in Deutschland“ (FAZ, Literaturblatt, 22.02.1957), „Studie über Hans Kelsen und Carl Schmitt“ (Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie Bd XLVII (1961), S. 569–586) und „Judenfreunde – Judenfeinde. Fragwürdiger Philosemitismus in der Bundesrepublik“ (ZEIT, 10.12.1965). In der Tradition früher politischer Theoretikerinnen jüdischer Herkunft wie Selma Stern, Rosa Luxemburg, Hedwig Hintze oder Hannah Arendt legte Eleonore Sterling 1965 die Studie „Der unvollkommene Staat. Studien über Diktatur und Demokratie“ vor:
„Die vorliegenden Untersuchungen zeigen, daß politische Theorien, die a priori einen ,vollkommenen Staat‘ konstruieren, autoritär sind; denn wo versucht wird, die vielfältige Wirklichkeit nach einer vorgefaßten ,Idee‘ zu gestalten, muß immer Wesentliches unterdrückt und erzwungen werden.“ In dem Buch hat sie auch ihr politisches und persönliches Leitmotiv formuliert: „Die Freiheit ist immer wieder ein Wagnis, das den Mut zum Neuen fordert, den aufzubringen sich aber gewiß lohnt“ (aus der Einleitung, S. 9–14).
Den wissenschaftlichen Nachlass seiner Cousine übergab der kommunistische Publizist und jüdische Emigrant Max Ludwig Oppenheimer (1919–1994), mit dem sich Eleonore Sterling trotz politischer Differenzen gut verstand, der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Das Frankfurter Horkheimer-Pollock-Archiv bewahrt Teile des Briefwechsels zwischen Eleonore Sterling und ihrem Doktorvater Max Horkheimer (1952–1968) auf. Bis 1968 hat die Frankfurter Wissenschaftlerin in der Schönwetterstraße 8 (Ortsteil Dornbusch) gelebt. In seinem Nachruf erinnerte sich ihr Kollege Dietrich Goldschmidt:
„Dem Besucher fielen in ihrer bescheidenen, aber sehr persönlich-behaglichen Wohnung in Frankfurt gleichermaßen die umfängliche Goethe-Literatur in ihrem Arbeitszimmer wie der Überseekoffer als Nachttisch in ihrem Schlafzimmer auf … Sie pflegte nicht viel über sich zu sprechen; doch eine gelegentliche Bemerkung, wie sehr sie sich einmal Kinder gewünscht hätte, oder ein schriftlicher Gruß nach monatelanger, schwerer Krankheit, den sie – in Anspielung auf den bekannten Boxer – als ,feather weight champion Cassius Clay´ unterschreibt, lassen ahnen, welcher Entsagung, Opfer und innerer Bereitschaft es für sie bedurfte, Bote deutschen Judentums, Bote der Versöhnung und Bote der Freiheit im Deutschland der Nachkriegsjahre zu sein“ (zitiert aus: Eleonore Sterling, Kulturelle Entwicklung im Judentum von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Wuppertal 1969, S. 6)


Literatur
  • Norbert Giovannini, Frank Moraw (Hg.) Erinnertes Leben. Autobiographische Texte zur jüdischen Geschichte Heidelbergs. Heidelberg 1998;
  • Birgit Seemann, „Die Freiheit ist immer ein Wagnis“. Zum 40. Todestag von Eleonore Sterling. In: TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 47 (2008), S. 184-191;
  • Birgit Seemann, Ein „feather weight champion Cassius Clay“. Eleonore Sterling (1925–1968). Deutsch-jüdische Kämpferin gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Lich/Hessen 2013
  • Birgit Weyel, Sterling, Eleonore, geb. Oppenheimer. In: Frankfurter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon. I. A. der Frankfurter Historischen Kommission hg. v. Wolfgang Klötzer. Bearb. v. Reinhard Frost u. Sabine Hock. Bd. 2: M–Z. Frankfurt/M. 1996, S. 431.

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