Stolpersteine in Frankfurt am Main

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Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig gelten als das größte europäische Kunst- und Gedenkprojekt. Bis Mitte 2015 hat Gunter Demnig in rund 1.200 deutschen Städten und Gemeinden sowie in 17 weiteren europäischen Ländern mehr als 50.000 Stolpersteine verlegt. Er wurde für sein Projekt im Oktober 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Jahr 1995 hatte der Kölner das Projekt Stolpersteine ins Leben gerufen.

Günter Demnig verlegt an der Ecke Kaiser- und Elbestraße einen Stolperstein, Mai 2015


Stolpersteine sind 10 cm x 10 cm x 10 cm große Betonquader, auf deren Oberseite eine Messingplatte verankert ist. Auf den Messingplatten sind die Namen und Daten von Menschen zu lesen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden oder auch aus Deutschland fliehen konnten. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen.
Ziel der Nationalsozialisten war die physische Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Regimegegner und der Menschen mit Behinderungen. „Auf dem Stolperstein bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält einen eigenen Stein – seine Identität und sein Schicksal sind, soweit bekannt, ablesbar. Durch den Gedenkstein vor seinem Haus wird die Erinnerung an diesen Menschen in unseren Alltag geholt. Jeder persönliche Stein symbolisiert auch die Gesamtheit der Opfer, denn alle eigentlich nötigen Steine kann man nicht verlegen.“ (Gunter Demnig)

22 Stolpersteine vor dem Anwesen Hebelstraße 13

Bildausschnitt von Stolpersteinen vor dem Anwesen Hebelstraße 13


Während die Berliner im Mai 2015 über etwa 6.500 solcher Steine gedanklich stolpern konnten, waren es in Demnigs Heimatstadt Köln mehr als 2.000 Stolpersteine, Hamburg zählte gar 5.000 Steine vor den Häusern von NS-Opfern. In München wurde dagegen bisher kein einziger Stolperstein auf öffentlichem Grund und Boden verlegt. Dort folgt die Stadtregierung dem Argument der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knoblauch, dass man die Namen der Opfer nicht mit Füßen treten dürfe.
In Frankfurt am Main teilen die Behörden diese Bedenken nicht, hier erinnern Ende 2015 exakt 1.040 Stolpersteine an Verfolgte des NS-Regimes. Die ersten 16 Stolpersteine wurden am 11. November 2003 im Nordend verlegt. Initiatorin war die Bürgerinitiative Nordend. In den folgenden Jahren entstanden Stadtteilinitiativen in Eschersheim/Dornbusch, Bergen-Enkheim, Rödelheim, Heddernheim und Höchst. Inzwischen liegen Stolpersteine in 29 Frankfurter Stadtteilen. Die Gesamtplanung und -koordination sowie die Kooperation mit Gunter Demnig liegen bei der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, die seit 2008 auch ein eingetragener und als gemeinnützig anerkannter Verein ist.
Fast alle Opfer, an die mit den Stolpersteinen erinnert wird, sind ermordet oder hingerichtet worden oder haben sich selbst das Leben genommen („Flucht in den Tod“). Die meisten Stolpersteine erinnern an Jüdinnen und Juden. Rund 50 Stolpersteine in Frankfurt wurden bisher für Sintis, Homosexuelle, „Euthanasie“-Opfer, Zeugen Jehovas und Menschen, die Widerstand geleistet haben, verlegt. Stolpersteine werden auch für Opfer verlegt, die aus Deutschland fliehen konnten, die Haft überlebten oder aus den Lagern befreit wurden.
Ein Großteil der in Frankfurt verlegten Stolpersteine wird auf Initiative von Nachkommen und Angehörigen der Opfer verlegt. Rund 400 Stolpersteine wurden in Anwesenheit oder mit Wissen der Nachkommen und Angehörigen verlegt. Sie reisten aus vielen Ländern, vornehmlich aus Israel und den USA, an und sandten Dankesgrüße. Viele Steine werden auf Wunsch und Anregung von Einzelpersonen, Schulen, Kirchengemeinden, Einrichtungen und Vereinen wie beispielsweise Eintracht Frankfurt verlegt.
Die Stolpersteine werden vor allem durch individuelle Patenschaften finanziert. Ein Stein kostet 120 Euro. Ein besonderes Anliegen der Initiative ist es, dass die Patinnen und Paten der Stolpersteine mit den Nachkommen und Verwandten der Opfer in Kontakt kommen. Dazu dienen Begegnungsabende, die jeweils vor den Verlegungen im Mai und Oktober/November stattfinden.
Die Initiative recherchiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit. Finanziell unterstützt wird die Initiative vom Kulturamt der Stadt Frankfurt. Die Lebensgeschichten der Menschen, für die Stolpersteine gelegt werden, erscheinen in einer jährlichen Dokumentation. Die Homepage der Stadt Frankfurt bietet eine umfassende Dokumentation aller bisher verlegten Stolpersteine. Alle Einzelschicksale werden hier in Text und Bild dokumentiert. Neben den Steinen sind auch die Häuser, vor denen die Steine verlegt wurden, abgebildet.

Hartmut Schmidt  

Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2015, aktualisiert am: 17.11.2015