Die Akquirierung von T4-Personal in Frankfurt 1940-1941

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Einer der heikelsten Punkte bei der NS-„Euthanasie“-Mordaktion war aus Sicht der Organisatoren die Personalbeschaffung. Dies zeigte sich auch im Vorfeld der Hadamarer Gasmorde von 1941, als die Mordorganisation „T4“ (eigentlich ein Teil der „Kanzlei des Führers“, benannt nach ihrer Adresse in der Berliner Tiergartenstraße 4) Mitwirkende für den Betrieb der Gasmordanstalten in Hadamar und anderswo benötigte. Es sollten Befürworter der Krankentötungen gewonnen werden, aus Gründen der Geheimhaltung aber war eine offene Ausschreibung ausgeschlossen. Oft nutzte T4 die seit 1938 mögliche „Heranziehung zum Notdienst“ (sogenannte „Notdienstverpflichtung“). Trotz des prinzipiellen Zwangscharakters legte T4 großen Wert auf Freiwilligkeit, um späteren Reibungen vorzubeugen.
So wurden in Frankfurt am Main zwischen Oktober 1940 und Juli 1941 mindestens 30 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für die Gasmordanstalten Hadamar (bei Limburg), Bernburg (in Anhalt) und Pirna-Sonnenstein (in Sachsen) akquiriert; mindestes 20 von ihnen wurden in Hadamar eingesetzt. Als erste Anlaufstelle diente die Frankfurter Gauleitung. Die Kandidatensuche und die operative Abwicklung übernahm jedoch das Arbeitsamt Frankfurt. Wahrscheinlich spielte bei dieser Kooperation das vertrauensvolle Verhältnis zwischen dem Gauleiter Jakob Sprenger (1884-1945) und dem Präsidenten des in Frankfurt angesiedelten Landesarbeitsamtes Hessen, Ernst Kretschmann (1891-1970), eine Rolle. Teilweise konnte das Arbeitsamt sich auf Personalvorschläge aus Frankfurter Parteikreisen stützen. Z. B. wurde Elisabeth N. (geb. 1918) 1940 durch einen Arbeitsamtsmitarbeiter angeworben, mit dem sie zusammen in der NSDAP-Ortsgruppe Frankfurt-Praunheim organisiert war. Offenbar vermittelte dieser Verbindungsmann noch weitere Einstellungen, denn mehrere Verpflichtete wohnten im nördlichen Frankfurt, in Praunheim, in der Römerstadt und in Heddernheim. Elisabeth N., die bis 1940 beim Finanzamt Frankfurt-Börse in der Stiftstraße angestellt war, zeigte sich als überzeugte Befürworterin der Krankentötungen, wie sie in einer Aussage am 27. Januar 1966 bestätigte: „Ich habe die Euthanasie-Massnahmen für richtig gehalten. [...] Ich [...] bin auch heute noch der Auffassung, dass im Interesse dieser Personen ihre Tötung das Richtige war, ihr Tod eine Erlösung war.“

Das Gauhaus (Sitz der Gauleitung) in der Gutleutstraße


Wie mehrfach bezeugt, hatten die Verpflichteten sich nach dem Termin beim Arbeitsamt zunächst im Gauhaus in der Frankfurter Gutleutstraße zu melden. Dann folgte die Entsendung in die Berliner Tiergartenstraße 4 und schließlich die Versetzung an den Einsatzort, meist Hadamar. Der zuständige Abteilungsleiter des Frankfurter Arbeitsamts schickte die Verpflichteten teilweise auch direkt nach Hadamar – ohne den aufwändigen Umweg über die Frankfurter Gauleitung und die Berliner T4-Zentrale. Die Frankfurter Dienstverpflichtungen geschahen in drei Schüben: der erste Ende Oktober 1940, der zweite Ende Februar/Anfang März 1941; einzelne Verpflichtungen geschahen dann noch um die Jahresmitte 1941.
Die ersten, im Herbst 1940 Verpflichteten sollten ihren Dienst am 28. Oktober 1940 aufnehmen. Soweit sie für einen Einsatz in Hadamar bestimmt waren (rund zehn Personen), waren sie zum großen Teil in der NSDAP (oder ihren Verbänden) organisiert und hatten bislang überwiegend im öffentlichen Dienst oder bei der Gauleitung selbst gearbeitet. T4 setzte sie hauptsächlich im Büro oder im Wirtschaftsbereich der Mordanstalten ein.
Der zweite Schub der Frankfurter Dienstverpflichtungen für Hadamar wurde Anfang März 1941 wirksam und diente der Stärkung des Verwaltungsbereichs: T4 akquirierte sechs zusätzliche Stenotypistinnen, überwiegend unter 20 Jahre alt, von denen vier bis dahin im Frankfurter „Defaka“, einer Filiale der 1954/61 im Horten-Konzern aufgegangenen Kette „Deutsches Familien-Kaufhaus“, gearbeitet hatten. Die Frauen wurden Ende Februar ins Arbeitsamt einbestellt, mussten sich dann noch einmal bei der Gauleitung melden und wurden schließlich am 1. März 1941 mit einem Bus am Frankfurter „Horst-Wessel-Platz“ (Rathenauplatz) abgeholt und nach Hadamar gebracht. Die dabei akquirierte Elisabeth U. (geb. 1922) aus Frankfurt-Sachsenhausen bekannte am 6. Mai 1946, sie habe sich „keine Gewissensbisse gemacht, denn ich war ja einverstanden mit der Vernichtung.“
Langjährige Parteimitgliedschaft konnte durchaus ein Anhaltspunkt für die Auswahl eines „geeigneten“ T4-Mitarbeiters sein. Das zeigt die Verpflichtung des sogenannten „alten Kämpfers“ Maximilian L. (geb. 1902) aus Frankfurt, der bereits 1926 der NSDAP beigetreten war. Der städtische Beamte hatte bis dahin zuerst an der Städelschule und dann als Schulhausmeister in Frankfurt-Griesheim gearbeitet. Um die Jahresmitte 1941, also wenige Wochen vor Abbruch der Gasmorde, wurde L. mit dem dritten Schub von Akquirierten aus Frankfurt nach Hadamar geschickt.
Vermutlich durch Vermittlung der SS kam Dr. Friedrich Berner im Juni 1941 zu seiner Position als leitender Arzt der Gasmordanstalt Hadamar. Berner, Mitglied des „SS-Abschnitts Rhein“, war zuvor an der Frankfurter Universitätsklinik als Röntgenologe tätig gewesen. Er hatte 1940 an der Medizinischen Fakultät seine Habilitation abgeschlossen und dann als Universitätsdozent gewirkt. Von Ende Juni bis Ende August 1941 betätigte er den Gashahn in Hadamar und ermordete dort Tausende von kranken und behinderten Menschen. Da Berner vor Kriegsende starb, wurde er nicht dafür belangt.


Literatur und Quellen
  • Peter Sandner, Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus, Gießen 2003
  • Henry Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin 1997
  • Ernst Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt am Main 1983
  • Akten im Hessischen Hauptstaatsarchiv (Wiesbaden): Abt. 461 Nr. 32061 und 32442; Abt. 631a Nr. 1359 bis 1372

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