Die Ernährungssituation in Frankfurt während des Zweiten Weltkrieges

Druck

Anders als im Ersten Weltkrieg war die Vorbereitung für die Versorgung der Zivilbevölkerung im Kriegsfall vom NS-Regime schon frühzeitig in Angriff genommen worden. 1933 wurden unter der Bezeichnung „Reichsnährstand“ alle an der Produktion und Verteilung von Konsumtionsgütern beteiligten Personen und Unternehmungen organisatorisch zusammengeschlossen. Produktion und Verbrauch wurden innerhalb Deutschlands durch feste Abnahme- und Verbraucherpreise gesteuert, und die deutsche Landwirtschaft durch eine kontrollierte Außenhandelspolitik geschützt. Im September 1939 wurde die bestehende Organisation durch Ernährungsämter ergänzt, die die Zuteilung und Lieferung der Lebensmittel „vor Ort“ organisierten. Die staatlich gesteuerte Zuteilung sollte die Leistungskraft der Bevölkerung und die Ruhe an der „Heimatfront“ garantieren. Innerhalb der propagierten „Volksgemeinschaft“ wurde eine scheinbare Verteilungsgerechtigkeit angestrebt, die sich nach dem Bedarf bestimmter Alters- und Berufsgruppen richtete und auch Schwangere, Kranke, Vegetarier etc. berücksichtigte. Neben der Gestaltung des Konsums von Lebensmitteln über die unterschiedlichen Bezugsausweise fand aber wie in der Vergangenheit eine individuelle Ausdifferenzierung über die Zahlungsfähigkeit der einzelnen Verbraucher bzw. ihre Verbindungen zum Lebensmittel produzierenden Gewerbe oder die Initiative und (kriminelle) Energie des Einzelnen statt.
Der Rationierung unterlagen ab September 1939 die wichtigsten Lebensmittel: Brot, Mehl, Kartoffeln, Fleisch und Fleischwaren, Milch und Milcherzeugnisse, Öle und Fette, Eier, Butter, Zucker, Hülsenfrüchte und Nährmittel. Für einen Normalverbraucher bemaß sich die wöchentliche Zuteilung im ersten Kriegsherbst wie folgt:

BrotFleischFettNährmittelMarmelade/Zucker
2.400g bzw. 1.900g + 375g Mehl500g Fleisch oder Fleischwaren100g Butter/Butterschmalz, 62,5g Käse/125g Quark, 62,5g Margarine, 62,5g Schweineschmalz150g100g Marmelade/40g Zucker 250g Zucker

Reichseierkarte 1944


Probleme bei der Zuteilung einzelner Lebensmittel traten aufgrund von Lieferverzögerungen und Ernteausfällen bereits in den ersten Kriegsjahren auf; auch wurden Rationen schon zu diesem Zeitpunkt reduziert. Ab 1940 wurden nach und nach fast alle Lebens- und Genussmittel bewirtschaftet, d.h. auch Waren wie Süßigkeiten, Alkohol und Tabak waren nur noch über Lebensmittelkarten zu beziehen. Zu Weihnachten gab es Sonderzuteilungen in Form von Zucker, Schokolade, Obst und Bohnenkaffee. Insgesamt (und im europäischen Vergleich) war die Ernährungssituation aber durchaus ausreichend; zudem hatten die Krisenerfahrungen der zurückliegenden Jahre die Bevölkerung mit Mangel und Einschränkungen hinlänglich vertraut und damit genügsamer gemacht. Bis zur zweiten Jahreshälfte 1943, als Frankfurt zum ersten Mal zum Ziel verheerender Fliegerangriffe wurde, erschienen sowohl der Krieg als auch die Rationierung erträglich. In den letzten zwei Kriegsjahren kündigte sich dann allerdings eine ernsthafte Ernährungskrise an. Während Brot und Nährmittel noch in etwa in der gleichen Menge wie zu Kriegsbeginn ausgegeben wurden, hatten sich die Fleisch- und Fettrationen um die Hälfte verringert. Lieferengpässe versuchte man durch Ersatzzuteilungen auszugleichen, d.h. Kartoffeln wurden z.B. durch Rüben, Getreideprodukte und Hülsenfrüchte ersetzt.
Zusätzlich zu der regulären Versorgung der Frankfurter Einwohner mussten nun auch in zunehmendem Umfang Flüchtlinge und Ausgebombte durch Gemeinschaftsküchen versorgt werden. Die Luftangriffe forderten mehr als viertausend Menschenleben, zerstörten Wohnraum, Versorgungseinrichtungen und Verkehrswege. Im Herbst 1944 waren von ursprünglich 160.000 Wohnungen nur noch rund 70.000 bewohnbar; es fehlte an Treibstoff und Heizmaterial.

Verpflegung von Bombengeschädigten aus der Goulaschkanone, 1944

Fraueneinsatz 1944


Während die „arischen“ Frankfurter bis 1943/44 noch relativ gut leben konnten, waren andere Gruppen schon sehr viel früher vom Hunger bedroht. Während Sonderzuteilungen an Lebens- und Genussmitteln für die „wertvolle“ Bevölkerung die Härten der Kriegszeit abmildern und sie für erlittene Schäden an Leib und Leben, Hab und Gut entschädigen sollten, diente bei der „unerwünschten“ Bevölkerung und den in der nationalsozialistischen Werteskala weiter unten rangierenden Nationalitäten oder Ethnien die generelle Schlechterstellung zur Ausgrenzung und Unterdrückung. Jüdische Bürger erhielten speziell gekennzeichnete Lebensmittelkarten und durften die ihnen zugestandenen Lebensmittel nur in besonderen Geschäften beziehen. Bereits im zweiten Kriegsjahr waren sie vom Bezug von Milch und Eiern ausgeschlossen; sie durften keinen Kuchen kaufen und erhielten keine Raucherkarten. 1942 folgte der Ausschluss vom Bezug von Fleisch, Fleischwaren und jeglichen Weizenprodukten.
Die Behandlung der ausländischen Arbeitskräfte bzw. Kriegsgefangenen differierte nach ihrem Einsatzort und ihrer Nationalität. Grundsätzlich waren die Lebensbedingungen für die in der Landwirtschaft oder in kleinen Familienbetrieben beschäftigten Personen besser als für diejenigen, die für die großen Industriebetriebe arbeiteten und in Lagern zusammengefasst waren. Im Frühjahr 1942 erhielten wöchentlich:

LebensmittelWestl. KriegsgefangenerRuss. KriegsgefangenerZulagen für westl. KriegsgefangeneZulagen für russ. Kriegsgefangene
Roggenbrot2.500 g2.600 g3.732 g-
Fleisch400 g 250 g1.066 g -
Fett247 g130 g 90g -
Speck15 g---
Käse31 g---
Quark31 g---
Nährmittel150 g150 g--
Marmelade175 g---
Zucker175 g70 g-620 g
Kaffee-Ersatz100 g ---
Kartoffeln5.250 g3.000 g--
Magermilch-2,5 l--
KohlrübenBeliebige Menge16.500 g--
FrischgemüseBeliebige Menge1.1250 g--
SauerkohlBeliebige Menge275 g--
Am schlechtesten erging es den KZ-Häftlingen, die in Frankfurt z.B. in den Adler-Werken eingesetzt wurden. Ein Häftling sagte nach dem Krieg über die Verpflegung aus: „Tags: 6 Mann ein Brot zu 1.500 Gramm; 1 Liter dünne Wassersuppe, die nie Kartoffeln, sondern nur Kartoffelschalen enthielt. Abends: Die gleiche Suppe und noch mal 6 Mann ein Brot zu 1.500 Gramm. Die Nachtschicht bekam um 24.00 entweder eine Suppe oder 5 Mann ein Brot und eine Scheibe Wurst.“
In der deutschen Bevölkerung nahmen angesichts der zunehmend schlechteren Versorgungslage Diebstahl, Plünderung und Schwarzhandel zu. Solche Verstöße gegen die Bewirtschaftungsverordnung wurden vor Sondergerichten verhandelt; in Frankfurt wurde in 42 Fällen die Todesstrafe verhängt; in minder schweren Fällen wurden die Delinquenten zu Geldstrafen, Gefängnis und Zuchthaus verurteilt. Auch die Unterstützung von jüdischen Mitbürgern oder ausländischen Arbeitskräften mit Lebensmitteln war unter Strafe gestellt.
Das Ende der Kriegshandlungen im März 1945 war begleitet von Plünderungen von Lebensmittellagern und -transporten; vor dem Hintergrund des allgemeinen Zusammenbruchs versuchte jeder, der dazu Gelegenheit hatte, sich noch eilig Vorräte zu beschaffen.


Literatur
  • Jutta Heibel, Vom Hungertuch zum Wohlstandsspeck. Die Ernährungslage in Frankfurt am Main 1939-1955, Frankfurt am Main 2002

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Adlerwerke, vorm. Heinrich Kleyer AG;   Deportation;   Kinderlandverschickung;  

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