Die Versteigerungen jüdischen Eigentums in Frankfurt 1941-1944

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Beschwerde über zu großen Andrang

Zeitungsanzeige einer Versteigerungsaktion ohne direkten Hinweis auf die jüdische Herkunft der Hausrats


Anfang Dezember 1942 ging bei der Verwertungsstelle des Finanzamts Frankfurt-Main - Außenbezirk ein Beschwerdebrief ein. Der Verfasser, ein Auslandsdeutscher, beklagte sich darüber, dass er bei den „Juden-Auktionen“ in den Versteigerungshäusern „Neuhof“ und „Danz“ nichts oder doch nur sehr wenig aus dem Vermögen der „Volksschädlinge“ habe kaufen können. Die Auktionslokale seien derart überfüllt gewesen, mit Spekulanten und „unberechtigten Volksgenossen“, während er, der aus politischen Gründen Heim und Hausrat verloren habe und ja wohl ein Vorrecht bei der Erlangung des Ersatzes haben müsse, nicht in die Auktionsräume vorgedrungen sei. Auf sein Vorrecht habe ihn die Auslandsorganisation der Partei jedoch sehr nachdrücklich hingewiesen.
Der Verwertungsstellenleiter, Regierungsrat Dr. Walter Mahr, forderte den Fachgruppenleiter und Eigentümer eines der beiden angeführten Versteigerungshäuser, Ernst Kuhlmann, umgehend um Stellungnahme auf. Das Auktionshaus Danz, das besonders in die Kritik geraten war, sandte umgehend ein Verzeichnis der Gegenstände, die der besagte Herr seit einigen Monaten bei ihnen gekauft hatte, darunter die komplette Einrichtung für ein Wohnzimmer und Küche, zahlreiche Bilder und elektrische Geräte. Nachteile im Verteilungskampf mit den Gerichtsvollziehern, die ebenfalls im Auftrag des Staates so genannte „Juden-Auktionen“ durchführten, fürchtend, beschrieb der Geschäftsführer in holprigen Worten eingehend das Dilemma, in dem er, aber auch andere seiner Kollegen bei den „Judenauktionen“ stünden, nämlich dass zuwenig Ware für zu viele Kaufinteressenten vorhanden sei:
„Wie mit der Behörde vereinbart, haben die Firmen Neuhof & August Danz bei ihren letzten Versteigerungen 1/3 der Sitzplätze für Fliegergeschädigte, Kriegsversehrte & Rückwanderer, welche Ihre Scheine hatten, reserviert. Bei diesen Versteigerungen sind natürlich die Plätze schon sehr früh eingenommen, sodass später kommenden Leute schwer hereinkommen konnten und musste ich bei meiner letzten Versteigerung vergangener Woche bei der Firma Danz Polizei herbeiholen, damit die Treppe, welche ebenfalls besetzt war, geräumt werden konnte … Herr A. wurde von meiner Firma Danz und meinem Geschäftsführer Herr Mook in jeder Weise entgegenkommend bedient und hat Herr A. bei der Versteigerung hier in der Stiftstrasse einen Platz gegenüber von Herrn Kuhlmann in der ersten [Reihe] angewiesen bekommen und steigerte an diesem Tag … für RM. 1.534,10 Waren … Sie sehen aus allem, dass Herr A. doch wirklich keinen Grund hatte sich bei Ihnen wegen schlechter Bedienung zu beklagen, denn es ist wirklich schwer bei den vielen Leuten, welche Scheine haben, stets alle zu befriedigen, denn es ist doch so, dass man 50 Schlaf- oder Speisezimmer gebrauchen könnte und man hat doch nur 3-4 hereinbekommen.“


Verfahren
Laut einer Aufstellung der US-amerikanischen Militärbehörde hatten in den Jahren ab 1941 rund 15.000 Fälle Versteigerung beweglichen Vermögens aus dem Besitz von Emigranten und Deportierten stattgefunden. Versteigert wurde eingelagertes Umzugsgut bereits geflüchteter Juden, von der Reichsbahn „aussortierte Gegenständen aus dem Handgepäck“ von Emigranten oder der Hausrat Deportierter. Die Verwertung des in Deutschland zurückgebliebenen oder in den okkupierten Ländern in den Lagerhäusern der Speditionen und Schifffahrtslinien beschlagnahmten Umzugsguts war bis zur Elften Verordnung die Domäne der Gestapo, in die die Finanzämter nur dann eingeschaltet wurden, wenn bei dem Eigentümer Steuerschulden aus der Reichsfluchtsteuer, der JUVA oder andere Steuern offen waren, die dann gedeckt werden konnten.
Rechtliche Basis für die ab Sommer einsetzenden Versteigerungen war der „Führererlass“ vom 29. Mai 1941 über den Einzug und Verwertung des Vermögens von Reichsfeinden und die Anweisung Heinrich Himmlers zur Versteigerung des noch in Deutschland verbliebenen Umzugsgut „jüdischer Emigranten“.
Als das Finanzamt Frankfurt-Main - Außenbezirk im Winter 1941/42 in die Verwertung der zum Teil aus ganzen Ladungen, aber auch bloßen Koffern bestehenden Umzugsgüter einstieg, konnte sie auf ein routiniertes und effektives Verfahren zurückgreifen: Die Gestapo Frankfurt hatte im Juli 1941 ein Abkommen mit vier Frankfurter Auktionshäusern nämlich August Danz, Emil Neuhof, Otto Schweppenhäuser und Franz Pfaff und den Frankfurter Gerichtsvollziehern geschlossen. Letztere mieteten ein eigenes Versteigerungslokal in der Klingerschule an (daneben bestand ein weiteres im Allemania-Haus). Laut der Vereinbarung zwischen Staatspolizeistelle Frankfurt und den Obergerichtsvollziehern Warner, Puff, Feller, Bender, Naumann, Popp, Urbat, Birkenbach, Berenroth und Morawitz vom 10. Juli 1941 verpflichteten sie sich, acht Versteigerungen in der Woche abzuhalten. Die Gegenstände, zumeist Hausrat und Möbel, wurden vor der Versteigerung geschätzt und die Preisstopp-Verordnung eingehalten. Um das Umzugsgut „breiten Volksschichten zugänglich“ zu machen, blieben Händler von den Versteigerungen ausgeschlossen.

Einbeziehung der Speditionen
Um das zum Teil seit mehreren Jahren aufgegebene Umzugsgut bei den privaten Speditionen zu erheben (ein Teil der Umzugsgüter lag geprüft im Güterschuppen des Hauptzollamts), wies die Gestapo Frankfurt auch die Spediteure zur Zusammenarbeit an. Bezirksuntergruppenleiter Georg Delliehausen, Besitzer der gleichnamigen, großen Frankfurter Spedition, forderte die Bezirksuntergruppe der „Fachgruppe Möbeltransport“ in der „Reichsverkehrsgruppe Spedition und Lagerei“ im Juli 1941 auf, der Gestapo Listen über das bei ihnen lagernde Umzugsgut einzureichen. Entsprechende Aufstellungen, aufgeteilt in „evakuierte“ (=deportierte) und „emigrierte Juden“, übermittelten die einzelnen Speditionen dann mit der Übernahme der Verwertung durch Reichsfiskus ab Ende 1941 der Frankfurter Verwertungsstelle.

Einbeziehung der Auktionshäuser
Im Spätsommer 1942 wurde die Versteigerung des Umzugsguts aus unterschiedlichen Gründen in mehrere Hände vergeben. Der „Fachgruppenleiter Versteigerer“, Kullmann, hatte beim Oberfinanzpräsident Berlin, Verwertungsstelle Moabit und bei dem mit der Verwertung und Verwaltung im OFP Kassel zuständigen Oberregierungsrat Heinemann im Juli 1942 erfolgreich zugunsten seiner Fachgruppe interveniert. Er verwies nicht auf die für den Staat günstigen Provisionen von ihm und seinen Berufskollegen (nur 5%), sondern auch, dass seine Kollegen und er, die sich seit Jahren auf die Versteigerungen „eingestellt hätten“, nun ohne Aufträge seien. Darüber hinaus bitte er folgendes zu beachten: „… das bei den Versteigerern 1. durch die Versteigerung in 4 sauberen und ordentlichen Versteigerungslokalen die breite Volksmasse in die Nutzniesung [sic] der Ware kommt und diese Kundschaft nicht zu den Gerichtsvollzieher-Versteigerungen kommt, weil dort vorwiegend Händler u. bestimmtes Publikum steigert. 2. Durch die Sachkunde der Versteigerer, die ja auf Grund ihrer Kenntnisse koncessioniert sind und auch ein geschultes Personal haben (was bei den Gerichtsvollziehern fehlt) die wertvolleren Stilmöbel, Bilder, Teppiche und Antiquitäten, wie die Erfahrung hat, gelehrt hat, zu den tatsächlichen Werten versteigert werden und das Publikum nicht wie bei den Gerichtsvollziehern nur 2 Stunden, sondern einen ganzen Tag vor der Versteigerung sich von der Beschaffenheit der gegenstände [sic] durch die Besichtigung vergewissern kann. Beim Anbieten der Ware weist der Versteigerer … auf die Qualität hin.“
Diese Argumente überzeugten auch den Verwertungsstellenleiter Mahr, dem Heinemann die Korrespondenz zur Klärung der Interessenlage übermittelt hatte, bemüht um möglichst hohe Profite und rasche und reibungslose Verwertung. Zu den Versteigerungen kamen nun Verkäufe in den genannten vier Frankfurter Auktionshäusern, die die Waren vorrangig an Kriegsversehrte, Fliegergeschädigte, auslandsdeutsche „Rückwanderer“ und sozial Schwache verkauften.

Profite
Einem Auktionshaus sowie einem oder mehreren Gerichtsvollziehern wurde in der Regel eine bestimmte Spedition zugewiesen, von der sie das gelagerte Gut abholte und in ihren Versteigerungslokalen für den Verkauf vorbereitete. Für die Auktionshäuser und Gerichtsvollzieher waren sowohl Emigration wie auch die spätere Verwertung nach der Deportation ein lukratives Geschäft. Dies galt insbesondere in den Kriegsjahren, als Konsumgüter immer rarer wurden. Sie selbst wendeten bei ihren Versteigerungen zwar die Preisstoppverordnung an, hatten aber durch die Schätzungen der Gegenstände und die Art und Weise der Durchführung durchaus Handlungsspielraum, um die Höhe des erzielten Versteigerungserlöses zu beeinflussen. Nach erfolgter Versteigerung stand dem Gerichtsvollzieher der staatliche Gebührensatz zu, der sich aus
der Höhe des Erlöses ergab; er beglich davon auch die Versteigerungskosten wie die Lokalmiete, Inserat- und Transportkosten. Der Versteigerungstermin durfte nur im NSDAP-Organ Volksblatt und im General-Anzeiger inseriert werden.

Jeder Volksgenosse wusste, wessen Hab und Gut er ersteigerte, stand doch nicht selten der Passus „aus nicht-arischem Besitz“ oder: „Versteigerung … im Auftrag einer Behörde gegen sofortige Barzahlung Möbel aller Art“ in der Annonce. Juden war „das Betreten der Geschäftsräume“ ausdrücklich untersagt. Außerdem durften die Versteigerer „an fremde Personen“ keine Auskünfte über ehemalige Eigentümer oder die Gegenstände selbst erteilen. Das Eigentum der Beraubten musste jeweils nach Haushalten getrennt versteigert und mit der Staatspolizei spätestens zehn Tage nach der Versteigerung abgerechnet werden.

Ende
Im Sommer 1944 gingen die Versteigerungen mangels Hausrat und Möbel dem Ende zu. Und als die nächsten schweren Bombenangriffe im Herbst Frankfurt trafen, konnten die Partei- und Volksgenossen ihre zerstörten Wohnungseinrichtungen nicht mehr aus dem Besitz der zu meist ermordeten Juden Frankfurts ersetzen. Gleichzeitig wurden auch die Spuren der staatlichen Hehlerei zerstört: Beim Luftangriff auf die Verwertungsstelle des Finanzamts Frankfurt-Außenbezirk verbrannten die detailliert aufgeschlüsselten Kaufverträge – von den rund 15.000 Versteigerungsfällen sind heute weniger als 200 Fälle dokumentiert. Dort kann jeder lesen, wer z. B. aus dem Besitz von „Sara“ Martha Baum aus der Eschersheimer Landstraße 47 diverse Stühle, das Stück für eine Reichsmark, sechs Teller für drei, einen ,,Eimer alt“ für eine Reichsmark erworben hat.


Literatur
  • Susanne Meinl, Jutta Zwilling: Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung, Frankfurt/New York 2004

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