Zuerst verarmt, dann deportiert: Der Schauspieler Otto Wallburg (1889–1944)

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„Aber man darf nicht nachdenken, sonst wird man verrückt. Wir können uns auch keine Vorwürfe machen, was wir auch getan hätten, immer wäre es so gekommen wie es gekommen ist.“ (Otto Wallburg, Lager Westerbork, 22. April 1944)
Otto Wallburg wird am 21. Februar 1889 in Berlin mit dem bürgerlichen Namen Otto Maximilian Wasserzug geboren. Wallburg will Schauspieler werden, und so bricht er eine kaufmännische Ausbildung ab. Der junge Mann besucht erfolgreich die 1905 von Max Reinhardt gegründete Schauspielschule und feiert 1909 sein Debüt als Brandner in „Faust I“ am Deutschen Theater in Berlin. Das erste feste Engagement tritt er in Bern an. Die bevorzugten Rollen des damals schlanken, attraktiven Künstlers sind Liebhaber, Bonvivants und Naturburschen.
Nach kurzem Aufenthalt in Halberstadt kommt Otto Wallburg 1912 – inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes – nach Frankfurt am Main, wo ihn Arthur Hellmer für das Neue Theater verpflichtet. Hier wirkt er in der Spielzeit 1913/14 an zahlreichen Inszenierungen mit, unter anderen in den Stücken „Klein Eyolf“, „Königin Christine“, „Hans Sonnenstößers Höllenfahrt“, „Mandragola“, „Die fünf Frankfurter“, „Das Buch einer Frau“ und „Hinter Mauern“. Am 3. August 1914 schließt das Neue Theater kriegsbedingt. Wallburg muss an die Ostfront. Schwer verwundet kehrt er nach Frankfurt zurück. Aber schon ab April 1916 steht er wieder auf der Bühne Hellmers in „Hans im Schnakenloch“, „Die Bürger von Calais“, „Die Koralle“ oder „Gas“. Für „Luderchen“ und „Dornröschen“ versucht er sich als Regisseur, jedoch eher erfolglos. Zu Beginn der 1920er Jahre entdeckt Wallburg – inzwischen wiegt er zwei Zentner – das Kabarett und tritt häufiger im Frankfurter „Astoria“ auf. Aus seiner zweiten Ehe mit Anna Luise Theis gehen zwei Töchter hervor.
Im Jahr 1926 engagiert Max Reinhardt den Schauspieler. Im Deutschen Theater Berlin feiert er als Komiker größte Erfolge. Seiner verwaschenen, überstürzten Sprache wegen nennen ihn Kritiker wie Publikum liebevoll den „Blubberer“. Auch Filmproduzenten beginnen sich für Otto Wallburg zu interessieren. Seine erste Rolle erhält er 1926 in den Streifen „Die keusche Susanne“, „Derby“ und „Die Abenteuer eines Zehnmarkscheines“. Mit der Einführung des Tonfilms ab 1929 kommt sein sprachliches Talent auch auf der Leinwand zur Geltung. Theater, Kabarett, Film – Wallburg ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere.
Das Jahr 1933 bedeutet auch für Otto Wallburg eine tiefe Zäsur: Aus „gegebenem Anlass“ kündigt die Ufa 1933 seinen Vertrag – Wallburg ist Jude. Im Mai 1933 steht er zum letzten Mal auf einer Berliner Bühne. Er bittet Arthur Hellmer um Hilfe, der ihn 1934 zurück nach Frankfurt an das Neue Theater holt. Doch die Auftritte reduzieren sich, und so emigriert Wallburg mit seiner Familie nach Österreich.
Noch vor dem „Anschluss“ gelingt ihnen über die Schweiz und Frankreich die Flucht in die Niederlande, zuletzt nach Amsterdam. Eine tödliche Falle! Die Ausreise in das US-amerikanische Exil betreibt der zuckerkranke Schauspieler zu spät. Die Ehe mit seiner dritten Frau scheitert. Es folgt die gewaltsame Trennung von seiner Freundin.
Einsam, verarmt und völlig abgemagert sendet er 1944 letzte Lebenszeichen aus dem Internierungslager Westerbork. Otto Wallburg wird am 31. Juli 1944 in das Konzentrationslager Theresienstadt, von dort drei Monate später in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt und nach der Ankunft sofort vergast. Als Todesdatum wird das Niederländische Rote Kreuz der Familie später den 30. Oktober 1944 angeben.
Otto Wallburg ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur
  • Ulrich Liebe, verehrt verfolgt vergessen, Weinheim/Berlin 1997 (2. Auflage), S. 178 ff.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Zwischen Ausgrenzung und Vernichtung. Jüdische Musikerinnen und Musiker in Leipzig und Frankfurt a. M. 1933-1945. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig 1996.
  • Thomas Siedhoff, Das Neue Theater in Frankfurt am Main 1911-1935. Versuch der systematischen Würdigung eines Theaterbetriebs (Studien zur Frankfurter Geschichte 19), Frankfurt am Main 1985.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;  

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