Hermann Wronker: Warenhauskönig im Exil – ermordet in Auschwitz (1867– vermutlich 1942)

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Hermann Wronker, der Begründer einer regional bedeutenden Warenhauskette, wird am 5. August 1867 in Kähme (Kreis Birnbaum) geboren. Er entstammt einer Kaufmannsfamilie: Seine Onkel sind die Kaufhausbetreiber Leonhard und Oscar Tietz. Hermann Wronker heiratet Ida Friedeberg. Das Paar hat eine Tochter und zwei Söhne, von denen einer als Gardeulan im Ersten Weltkrieg kämpft und infolge einer an der sowjetischen Front zugezogenen Tuberkulose 1918 stirbt.
Hermann Wronker absolviert ab 1881 eine Ausbildung im Kaufhaus „H. & C. Tietz“ in Prenzlau und übernimmt später für seinen Arbeitgeber den Aufbau der Filialen Bamberg und Coburg. Gemeinsam mit dem älteren Bruder gründet Hermann Wronker 1887 das Textil- und Bekleidungsgeschäft „S. Wronker & Co.“ als OHG in Frankfurt am Main oder Mannheim.
Seit 1891 lebt Hermann Wronker mit seiner Familie auch in Frankfurt, wo er im März selben Jahr sein erstes Warenhaus unter dem Namen „Hermann Wronker“, Zeil 14-16, eröffnet. Es folgt 1896 der Erwerb des Hauses Hasengasse 17. Noch im November selben Jahres bezieht das Warenhaus den Neubau Hasengasse 15-17, der jedoch nur wenige Monate später bis auf die Grundmauern abbrennt. Nach kurzem Notquartier in der Goethestraße kann schon im Herbst 1897 am alten Standort wieder eröffnet werden.
Um 1905 gründet der Kaufmann die „1. Wach- & Schließgesellschaft“. Außerdem zählt Wronker zu den Mitbegründern der „Union-Filmtheater AG“ (später UFA), die noch vor dem Ersten Weltkrieg an Alfred Hugenberg verkauft wird. Später ist er Eigentümer, Direktor und Vorstandsmitglied der Warenhauskette „Wronker“ mit dem 1908 neu erbauten „Flagschiff“ Zeil 101-105, damals das größte Warenhaus Frankfurts. Zur der 1921 in Mannheim gegründeten „Hermann Wronker AG“, einer Umwandlung der OHG „S. Wronker & Co.“ gehören außerdem Filialen in Bockenheim, Hanau, Nürnberg, Pforzheim, Mannheim sowie bis 1908 in Darmstadt, Hannover und Worms. Noch vor der Weltwirtschaftkrise weitet Hermann Wronker 1926/1927 sein Geschäft erheblich aus: Er erwirbt die Kaufhäuser „Hansa“ auf der Frankfurter Zeil und „Zum Strauss“ in Nürnberg. Zu seinem 60. Geburtstag 1927 arbeitet der Bildhauer Benno Elkan eine Büste Hermann Wronkers, die ihm seine Angestellten überreichen. Das Unternehmen beschäftigt in der Hochzeit etwa 2.000 Mitarbeiter. Im Jahr 1930 beträgt der Gesamtumsatz 30 Millionen Reichsmark. Hermann Wronker und Sohn Max führen den Betrieb zeitweise als Direktoren gemeinsam. Bis 1931 bleibt Hermann Wronker Mitglied im Vorstand, dann zieht er sich im Alter von 64 Jahren in den Aufsichtsrat zurück. Zeitweise ist Wronker auch im Verband der Deutschen Waren- und Kaufhäuser e. V. aktiv.
Hermann Wronker gilt als großer sozialer und kultureller Wohltäter, ohne seine Zuwendungen auf eine Konfession zu beschränken. Er engagiert sich für die Sanierung der Frankfurter Altstadt und stiftet eine Lotterie zur Wiedererrichtung des Eisernen Stegs. Der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes (1846-1915) zählt zu seinem Freundeskreis. Im Jahr 1911 sitzt Wronker im Vorstand der ILA (Internationale Luftfahrt- Ausstellung) und lobt für den Flug vom Rebstock zum Feldberg und zurück einen Preis aus, den August Heinrich Euler gewinnt. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Inflation 1923 lässt er täglich 30 bis 40 bedürftige Kinder im Erfrischungsraum seines Warenhauses kostenlos speisen. Ferner ist er zugunsten des Roten Kreuzes aktiv. Seine Tochter arbeitet während des Ersten Weltkrieges in der Kriegsgefangenenhilfe. Wronker selbst gehört 1932/33 dem Vorstand des Gumpertzschen Siechenhauses an, einem Pflegeheim für dauerhaft Kranke Israeliten im Röderbergweg 62-64.
Infolge der Weltwirtschaftskrise muss die Nürnberger Filiale 1931 verkauft werden. Die Geschäfte führen seitdem als Vorstand Max Wronker und der Kaufhausfachmann aus Stuttgart Walter Sack. Im Zuge der Pleiten der Firmen „Oberzenner“ und „Metzger“ sieht sich auch die „Hermann Wronker AG“ plötzlich mit der Zahlungsaufforderung des größten Teils fälliger Rechnungen konfrontiert. Wegen vorübergehender Illiquidität wird über das Vermögen des Unternehmens am 23. August 1932 das Vergleichsverfahren eröffnet, das am 29. September 1932 unter Festsetzung einer Quote von 35 Prozent beendet wird.
Nach dem Regierungsantritt Adolf Hitlers 1933 werden auch die Kaufhäuser der Wronker-Kette am 1. April 1933 boykottiert und Kunden am Einkauf gehindert. Damals hat das Unternehmen noch rund 500 Angestellte. Sohn Max Wronker emigriert im September 1933 zusammen mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern zunächst nach Paris, sodass er auch den Vorstand abgeben muss. Am 20. Juni 1934 folgt die erzwungene „Arisierung“ und Übernahme durch die Firma „Hansa AG“, die seit 1954 als Kaufhaus „Hertie“ firmiert und heute zu „Karstadt“ gehört. Der 1892 in Frankfurt geborene Sohn Max emigriert 1933 über Frankreich nach Ägypten und lebt nach 1945 in den USA. Die 1898 ebenfalls in Frankfurt zur Welt gekommene Tochter flüchtet mit ihrem Ehemann 1936 ebenfalls in das ägyptische Exil nach Kairo und später in die USA. Im Jahr 1937 besucht Hermann Wronker seine Tochter in Ägypten, kehrt jedoch nach Deutschland zurück, um die für das Kinderheim „Etania“ gesammelten Gelder zu übergeben.
Hermann Wronker und seine Ehefrau leben in Frankfurt seit 1911 in einer neu erbauten Villa, Hohenzollernplatz 76 (heute: Platz der Republik). Ferner gehört der Familie ein Landhaus in Königstein, Rombergweg 3-4. 1937 ziehen die Eheleute nach Berlin um, kehren aber 1939 nach dem November-Pogrom nach Frankfurt zurück. Frankfurter Adressen sind Holzgraben 2 und 9, später Senckenberganlage 12. Diese Liegenschaften gehören ebenso wie das Königsteiner Grundstück Rombergweg 3-4 und die Frankfurter Liegenschaften Platz der Republik 76 und Savignystraße 68 zum Eigentum der Familie. Das Haus Savignystraße wird 1935 verfolgungsbedingt entzogen. Die Königsteiner Immobilie muss verfolgungsbedingt im September 1938 veräußert werden. Die Liegenschaft Platz der Republik 76 wird am 13. Januar 1937 durch die Stadt Frankfurt am Main entzogen. Weitere Grundstücke in Königstein müssen 1938 zwangsweise verkauft werden. Die Liegenschaften Holzgraben 2 und 9 werden 1942 nach der Ausbürgerung der Wronkers zu Gunsten des Reiches eingezogen und verwertet.
Hermann Wronker und seine Ehefrau werden 1939 verhaftet. Während die Ehefrau laut Entschädigungsakten für sechs Wochen im Untersuchungsgefängnis Preungesheim inhaftiert und dann ohne Verhandlung oder Angabe von Haftgründen auf freien Fuß gesetzt wird, kommt Hermann Wronker bereits nach einigen Tagen wieder frei. Festsetzung einer „Dego-Abgabe“ in Höhe von 350 Reichsmark, die jedoch nicht gezahlt wurde. Laut Devisenakten verfügt Hermann Wronker am 23. Juni 1939 über kein Vermögen mehr.
Auf Drängen der Kinder flüchten die Eheleute im März 1939 in das französische Exil nach Paris, um von dort zu Sohn und Tochter nach Ägypten zu emigrieren. Die Fahrkarten besitzen sie bereits, dürfen jedoch die besetzte Zone Frankreichs nicht mehr verlassen. Letzte Wohnadresse beim Ehepaar Raoul Loewenthal in Arcachon (Gironde), 94 Cours Lamarque. Raoul Loewenthal war jahrelang Leiter der Teppich- und Linoleumabteilung im Hauptgeschäft der „Wronker AG“ in Frankfurt gewesen und ist mit einer Französin verheiratet. Die Kinder schicken regelmäßig per Überweisung Unterhalt an ihre Eltern. Zuletzt flüchtet das Ehepaar nach Sauray (Vienne).
Etwa im Oktober 1942 wird Hermann Wronker im Alter von 75 Jahren zusammen mit seiner 71-jährigen Ehefrau von Clermont-Ferrant in das Lager Poitiers, dann in das Internierungslager Drancy und von dort am 23. September 1942 in das Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, wo beide wahrscheinlich ermordet werden. Die Todesdaten der Eheleute werden später auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.


Literatur und Quellen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.), Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz;
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 518/4481, Paket 1085/W-49550 (Ida Wronker).
  • Institut für Stadtgeschichte S2/604.
  • Hans Riebsamen, Lili Wronker hegt weder Hass noch Groll, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 8. November 2007.
  • Heinz Sturm-Godramstein, Juden in Königstein. Leben. Bedeutung. Schicksale, Königstein im Taunus 1983, S. 31f., 47, 74, 79 und 128.
  • Ernst G. Loewenthal, Juden in Preußen. Biographisches Verzeichnis, Berlin 1981, S. 247.

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