Die Bäckerei Martin Bertram in der Rohrbachstraße 58

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Seit dem 5. September 2005 erinnert vor dem Haus Rohrbachstraße 58 eine von dem Bildhauer Clemens M. Strugalla geschaffene Gedenkstele an den Bäcker Martin Bertram sowie weitere verfolgte Zeugen Jehovas aus Frankfurt am Main.
Text im oberen Teil: „Im Haus Rohrbachstraße 58 lebte und arbeitete der Bäcker Martin Bertram, ein Zeuge Jehovas.“
Text im unteren Teil: „Trotz Drohungen der Nationalsozialisten im Jahr 1933 versorgte er, seinem Gewissen folgend, weiterhin auch Juden mit Brot. Dafür erlitt er Geschäftsaufgabe, Gefängnis und 8 Jahre Haft im KZ Buchenwald. In Frankfurt wurden zwischen 1933 und 1945 mehr als 150 Zeugen Jehovas wegen ihres Widerstandes aus dem Glauben verfolgt, 15 von ihnen verloren dabei das Leben.“

Martin Bertram, geboren am 13. April 1896 in Frankfurt am Main, besaß seit 1922 als selbständiger Bäckermeister eine Bäckerei in der Rohrbachstraße. Im Juni 1915 schloss er sich den „Ernsten Bibelforschern“, wie sich die Zeugen Jehovas seinerzeit nannten, an. Noch während des Ersten Weltkrieges beteiligte er sich an der Missionstätigkeit der Gemeinschaft. Wie Martin Bertram sich erinnerte, kam er dadurch bereits sehr früh mit jüdischen Bürgern Frankfurts in Kontakt: „Es war Krieg und die Tätigkeit war sehr eingeschränkt. Wir verteilten damals Traktate und Einladungen [für öffentliche Vorträge]. Ein besonderes Traktat war für Juden: „Die Stimme“ in jüdisch [gemeint ist Yiddisch].“

Martin Bertram als Junior ca. 1920


1933 wurde Bertram, von den Nationalsozialisten aufgefordert, seine Bäckerei als „Deutsches Geschäft“ zu kennzeichnen. Das hieß, dass Juden dort nicht mehr einkaufen durften und nun nur noch in besonders gekennzeichneten jüdischen Geschäften einkaufen gehen mussten. Bertram lehnte dies ab, weil er nicht, wie er sich erinnerte, „am Tod der Juden mitverantwortlich sein wollte“. Weil er konsequent seinem Gewissen folgte und sich weigerte, das antisemitische Schild in seinem Geschäft aufzustellen, wurde er von der Gestapo überwacht und war 1935 gezwungen, seine Bäckerei aufzugeben und zu verpachten.

Martin Bertram als Senior, nach 1945


Am 26.September 1936 wurde Bertram in seiner Wohnung verhaftet und ins Gefängnis im Klapperfeld verbracht. Wegen „Übertretung des Internationale-Bibelforscher-Verbotes“ wurde er angeklagt und zu sieben Monate Haft verurteilt. Am 4. Juni 1937 wurde Bertram in das KZ Lichtenburg verbracht und am 30. Juli 1937 als Häftling Nr. 768 im berüchtigten KZ Buchenwald interniert. Mit anderen KZ-Häftlingen war er gezwungen, Bäume zu fällen, Straßenbau und Schachtarbeiten zu verrichten und schließlich in der Lagerküche zu arbeiten. Im Winter 1945 übertrug man ihm als Bäckermeister die Aufgabe, mit acht weiteren Glaubensbrüdern in Apolda Brot zu backen und dieses, wegen der äußerst kritischen Verpflegungssituation im Konzentrationslager, nach Buchenwald zu transportieren.
Die Bibelforscher, die einem lilafarbenen Winkel auf der Häftlingskleidung tragen mussten, galten bei den Mitgefangenen im Konzentrationslager als besonders zuverlässig und politisch wie religiös neutral. Viele Jahre nach der Befreiung traf eine Zeugin Jehovas in ihrer Missionstätigkeit in Frankfurt am Main einen jüdischen Mitbürger an, der berichtete, dass er im KZ Buchenwald mit Martin Bertram zusammengetroffen war. Der KZ-Überlebende berichtete, dass Martin Bertram und weitere gefangene Zeugen Jehovas für ihn Brot sammelten und auch ihre eigenen Brotrationen zusammenlegten, um ihm etwas abgeben zu können. Dies war außerordentlich gefährlich. Hätte die SS diese solidarischen Handlungen entdeckt, hätten harte Bestrafungen oder gar die Hinrichtung aller Beteiligten die Folge sein können. Die Erinnerungen dieses jüdischen Überlebenden werden von dem Frankfurter Zeugen Jehovas Lothar Eichhorn, der ebenfalls im KZ Buchenwald inhaftiert war, bestätigt.

Bäckerei Martin Bertram in der Rohrbachstraße 58


Während seiner Haft in Buchenwald erlitt Martin Bertram Misshandlungen durch Fußtritte und Stockschläge, die ihn bis an sein Lebensende an chronischen Kopfschmerzen leiden ließen. Am 11. April 1945 – nach 104 Monaten oder nach mehr als 8 ½ Jahren – wurde Martin Bertram aus der KZ-Haft in Buchenwald befreit. Bei seiner Rückkehr in seine Heimatstadt Frankfurt fand er sein Wohnhaus beschädigt vor. Das Hinterhaus war total zerstört, und seine Bäckerei wurde von Fremden betrieben. Bei der Handwerkskammer musste er zunächst beantragen, seine Bäckerei in der Rohrbachstraße wieder zurück zu erhalten. Schließlich konnte er seine Bäckerei wieder eröffnen und betreiben. Im wieder errichteten Hinterhaus entstand eines der ersten Gemeindezentren der Frankfurter Zeugen Jehovas nach dem Krieg. Martin Bertram verstarb am 20. November 1988.

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Institutionen/Orte/Begriffe:  Gedenkstele für Martin Bertram;  

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