Zeugenaussagen im Auschwitz-Prozess: Imrich Gönczi

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Imrich Gönzci, 1964

Der Dentist Imrich Gönczi war bei seiner Aussage im Auschwitz-Prozess 39 Jahre alt und lebte in der damaligen Tschechoslowakei. Im Sommer 1942 wurde er in das KZ Majdanek im besetzten Polen verschleppt, von dort kam er nach Auschwitz. Dort hatte er die Häftlingsnummer 44.035.
Die Häftlinge in Auschwitz waren alltäglich der sadistischen Willkür der SS-Männer ausgeliefert. Ritualisierte Gewalt- und Terrorexzesse der SS gingen in die Lagersprache ein. Begriffe wie „Sportmachen“, „Pfahlhängen“ und „Hasenjagd“ standen für grausame Qualen oder den Tod. Dazu zählte auch das so genannte Mützewerfen: Die Mütze gehörte zur Häftlingsuniform. Wurde ein Häftling ohne Mütze angetroffen, drohten ihm bestialische Prügelstrafen, die aufgrund der geschwächten körperlichen Verfassung oftmals zum Tode führten. Das „Mützewerfen“ bedeutete, dass ein SS-Mann einem Häftling eines ausgerückten Arbeitskommandos die Mütze vom Kopf riss und sie weit weg warf. Der Häftling musste aus der Kolonne rennen, um sich die Mütze wiederzuholen; dabei wurde er von hinten „auf der Flucht erschossen“. Für das Erschießen von Häftlingen auf der Flucht erhielten die Angehörigen der SS-Wachmannschaften einige Tage Sonderurlaub. In seiner Aussage schilderte Imrich Gönzci auch die grausame Ermordung seines Vaters.

Tondokument

Aussage des Zeugen Imrich Gönczi im Auschwitz-Prozess; © Fritz Bauer Institut


„Es war so: Wir sind damals schon so zeitig in der Früh aufgeweckt worden, so um drei Uhr rum, denke ich, und sind wir marschiert, das Kommando. Dort haben wir solche Planierungsarbeiten, Vorbereitungen zu irgendeinem Bau gemacht. Auf diesem Kommando habe ich mit meinem Vater gearbeitet. Eines Tages auf diesem Arbeitsplatz ist zu ihm ein SS-Mann gekommen, den ich nicht mit Namen kenne, es war ein Posten. Hat die Mütze meines Vaters weggenommen und weggeschmissen. Und wie mein Vater sich die Mütze holen wollte, hat er ihn erschossen. Das war mein erster Eindruck von Auschwitz. Wenn ich zu diesem SS-Mann kam – ich war sehr jung noch, ich war 17, denke ich, 17 Jahre alt, ich dachte damals, daß mein Leben schon keinen Wert hat, weiter ohne meinen Vater zu leben –, ich sprang zu ihm, und er hat mich geschlagen und hat geschrien: ,Dich schieße ich nicht! Schade um die Kugel, du krepierst sowieso.‘ Und zur Strafe mußte ich dann abends nach der Arbeitsschicht mit meinen Kameraden meinen Vater von diesem Platz auf dem Rücken zurück ins Lager tragen. Ich mußte ihn auch aufheben von dem Platz, wo er erschossen wurde. Und noch warmes Blut habe ich in meinen Händen gespürt.“


Text aus: Monica Kingreen, Der Auschwitz-Prozess 1963–1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung, (Pädagogische Materialien Nr. 8, Fritz Bauer Institut), Frankfurt am Main, 2004, S.73

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Erster Frankfurter Auschwitz-Prozess;  

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