Tipps zur Recherche über jüdische Frankfurter, die in der NS-Zeit verfolgt wurden

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Welche jüdischen Familien haben früher in meinem Haus, in meiner Straße gewohnt? Was ist aus früheren Freunden, Klassenkameraden meiner Eltern oder Großeltern geworden? Welche jüdischen Schüler besuchten meine Schule?
Wer solchen oder ähnlichen Fragen nachgehen möchte, findet im folgenden einige Tipps, um Hinweise zum Leben ehemaliger jüdischer Frankfurter zu finden. Diese Tipps sind nicht so zu verstehen, dass sie nacheinander abzuarbeiten wären, sie geben vielmehr Hinweise auf verschiedene Recherchemöglichkeiten.
Die Recherche ist leichter, wenn Namen bekannt sind, dann ist es wichtig, das Geburtsdatum zu finden. Falls es sich um eine deportierte und ermordete Person handelt, sind im Gedenkbuch des Bundesarchivs oder im Jüdischen Museum Frankfurt in den dort vorhandenen Deportationslisten nähere Einzelheiten zu finden. Leider fehlen die Listen der Transporte im Mai 1942 aus Frankfurt, die Namen der am 11. Juni 1942 Deportierten sind nur bis zum Buchstaben G erhalten. Im Landesarchiv Berlin gibt es eine alphabetisch sortierte Kartei aller aus Deutschland verschleppter Personen, wo sich die Frankfurter Namen der fehlenden Deportationslisten finden lassen.
Die „Wand der Namen“ an der Außenmauer des Alten Jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße enthält die Namen der bisher bekannten Frankfurter jüdischen Opfer. Es empfiehlt sich, immer zusätzlich genau in der Datenbank mit den Namen der Ermordeten jüdischen Frankfurter im Museum Judengasse Frankfurt zu recherchieren. Dort sind nähere Informationen wie eine Kurzbiographie, eventuell auch ein Foto zu finden. Die Datenbank ist allerdings noch im Aufbau.
Hier lassen sich auch zu Adressen Hinweise finden für den Fall, dass der Name der gesuchten Person nicht genau bekannt ist.
Wichtig und sehr ergiebig ist es, Verwandte oder Kinder, Witwen oder Witwer dieser Personen zu finden, die vielleicht Fotos, Briefe, Tagebücher, Erzählungen und Erinnerungen haben und sonstige wichtige Hinweise, vor allem auch auf andere Personen, die den Gesuchten kannten, geben können. Dabei ist es in Anbetracht des hohen Alters immer sinnvoll, telefonisch direkt mit diesen Personen Kontakt aufzunehmen.
Um solche Personen zu finden, empfiehlt es sich, Suchanzeigen in deutschsprachigen jüdischen Zeitungen in den USA und in Israel aufzugeben.

Im einzelnen:

  • In der Zeitschrift „Aufbau“ in New York, die es seit 1934 in New York gibt ( www.aufbauonline.com ). Dort kann man eine kostenlose Suchanzeige aufgeben, in der möglichst viele Angaben genannt sein sollten wie Name, Straße, Geburtsjahr, Familienmitglieder, Beruf, eventuell Herkunftsort, falls die Person nach Frankfurt verzogen war. Auch die Bitte um kleine Hinweise könnte nützlich sein. Ebenso die Angaben der eigenen Telefonnummer (mit Vorwahl von den USA aus –011-49-69 (für Frankfurt) -......) sowie unbedingt eine Email-Adresse.
  • In der Zeitung „Israel Nachrichten Hadashot“ in POB 28397, Tel-Aviv 61283, Israel.
  • Im „Mitteilungsblatt der europäischen Einwanderer Irgun Olej Merkas Europa“ in Tel-Aviv 65813, Rambam Street 15, Israel (kostenlos) ( irgunmb@hotmail.com ).
  • Weiter ist eine Anfrage an die mailing list im Internet, in der Familienforscher nach Länderinteressen zu jüdischen Familien sich zusammen finden, zu empfehlen. Auf der homepage www.Jewishgen.org ist über Discussions Groups und Special Interest Groups (SIG) Mailing Lists die German-Jewish SIG zu finden. Unbedingt sollte auch im Archiv dieser Gruppe unter Discussion Group Archives nach Frankfurt recherchiert werden, dort finden sich möglicherweise auch schon Hinweise auf die gesuchten Personen, bzw. die Namen von Personen mit ihrer Email-Adresse, die sich möglicherweise schon mit dieser Familie beschäftigt haben und die dann weitere Informationen geben können.
  • Eine Suchanzeige kann auch in der Frankfurter Städtischen Seniorenzeitung aufgegeben werden, die auch mehrmals im Jahr an alle bei der Stadtverwaltung registrierten Namen jüdischer ehemaliger Frankfurter im Ausland verschickt wird.

    Weitere personenbezogene Hinweise lassen sich finden:
  • In den Unterlagen zur Volkszählung vom Mai 1939, die sich im Bundesarchiv in Berlin befinden. Dort sind auch für Personen, die nach Theresienstadt deportiert wurden, die sogenannten Heimeinkaufsverträge vorhanden.
  • In der Datenbank „Verfolgung und Widerstand in Hessen“ im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Für wissenschaftliche Zwecke ist es dort auch möglich, personenbezogene Akten einzusehen, zum einen die während der NS-Zeit angelegten Devisenakten, zum anderen aber auch Rückerstattungsakten und Entschädigungsakten. In den Entschädigungsakten sind ausführliche Hinweise zum Verfolgungsschicksal zu finden, aber auch Namen und Orte der zumeist verwandten Antragsteller. Entsprechend dieser Anhaltspunkte lassen sich auch über die internationale Telefonauskunft möglicherweise namensgleiche Verwandte in diesem Ort finden.
  • Im Findbuch zu den Finanzamtsakten zur fiskalischen Ausplünderung der Juden während der NS-Zeit im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden lassen sich auch Hinweise finden.
  • Ebenso dort im Findbuch Abteilung 474, Handakten jüdischer Rechtsanwälte und Notare, das auch ein Namensverzeichnis enthält.
  • Im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin sind für Personen, die nach der Flucht ins Ausland ausgebürgert wurden, Akten vorhanden. Dazu muss die Nummer der Liste der Ausgebürgerten mit dem Datum der Veröffentlichung im Reichsanzeiger und die Nummer der Personen auf dieser Liste angegeben werden. Diese Angaben lassen sich in dem Buch: Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933–45 nach im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen, München 1985, finden, das auch ein alphabetisch geordnetes Namensverzeichnis enthält.
  • Falls eine Person in Frankfurt verstorben ist, sind Hinweise in der Kartei der Verwaltung des Jüdischen Friedhofes in Frankfurt, Eckenheimer Landstraße 238, zu finden.
  • In den Frankfurter Adressbüchern im Jüdischen Museum Frankfurt oder im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt.
  • Weiterhelfen kann auch ein Blick in das Buch von Adolf Diamant: Durch Freitod aus dem Leben geschiedene Frankfurter Juden 1938–1943. Frankfurt 1983. Dazu empfiehlt sich eine Nachrecherche, etwa beim Standesamt in Frankfurt.
    Falls die gesuchte Person während der NS-Zeit aus dem Umland zugezogen war, lassen sich oft weitere Informationen in den Lokaldarstellungen dieser Orte finden.

    Um das weitere Schicksal der Deportierten möglichst genau zu klären, helfen folgende Gedenkbücher:
  • Das Gedenkbuch herausgegeben vom Bundesarchiv Koblenz und von Yad Vashem, Jerusalem „Opfer der Verfolgung der Juden unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Koblenz 1986, das im zweiten Band auch einen Anhang hat, der nicht übersehen werden sollte. Die von Theresienstadt nach Treblinka Verschleppten werden dort aber entsprechend dem damaligen Stand der Forschung mit dem Deportationsziel Minsk aufgeführt. Ebenso werden die am 22. November 1941 nach Kaunas Deportierten dort mit dem Deportationsziel Riga angegeben (wie auch auf der „Wand der Namen“). Auf diesen Daten basiert das Buch von Adolf Diamant: Deportationsbuch der aus Frankfurt am Main gewaltsam verschickten Juden in den Jahren 1941–1944. Frankfurt 1984.
  • Das Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942–1945, Prag 2000, das das weitere Schicksal der Personen mit Todesdatum in Theresienstadt angibt, oder das genaue Datum des Transportes in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz.
  • Das „Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, München 2003 mit allen Namen der Deportierten. Zu Frankfurt finden sich dort die Namen der am 22. November 1941 nach Kaunas und am 24. September 1942 nach Estland Verschleppten mit den letzten Frankfurter Adressen und auch Hinweisen zum weiteren Schicksal.

    Juden, die nach Belgien, Niederlande, Frankreich geflohen sind:
  • Für Personen, die nach Belgien hatten fliehen können und später von dort deportiert wurden, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit dem Joods Museum van Deportatitie en Verzet in 2800 Mechelen, Goswin de Stassartstraat 153, Belgien (infos@cicb.be) .
  • Zu den Niederlanden empfiehlt sich eine Anfrage an das Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie Herengracht 380, 1016 Amsterdam, Niederlande (info@oorlogsdoc.knaw) .
  • Zu den aus Frankreich deportierten Frankfurtern kann die Veröffentlichung der AG gegen den Antisemitismus helfen: In Frankfurt geborene Juden, die aus Frankreich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden 1942–1944, Frankfurt 1993; ebenso das Buch von Barbara Vormeier: Die Deportierung deutscher und österreichischer Juden aus Frankreich 1942–1944, Paris 1980.

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