Deportationen nach Buchenwald

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Der Südbahnhof um 1930, zeitgenössische Fotografie

Von der Festhalle werden am Abend des 10. November 1938 und an den folgenden Tagen die verhafteten jüdischen Männer auf Lastkraftwagen zum Südbahnhof gefahren. Der Rechtsanwalt Julius Meyer, 1939 nach England emigriert, beschreibt 1940 das Geschehen am Bahnhof am 12. November:

„Da stehen dicht gedrängt Scharen von Menschen, um zuzusehen. Kopf und Nerven zusammengenommen! Schnell raus und hinein durch die Schranke dort vorn in den Bahnhof. Ein wüstes Gejohle geht los und empfängt uns. Durch! Die Stufen hinunter zur Unterführung, marsch, marsch, durch diese hindurch, dem Polizeischutzmann nach, der uns ruft. Wir sammeln uns am anderen Ende der Unterführung, wo uns Schutzleute unter Leitung eines Polizeioffiziers ausgesprochen freundlich in Empfang nehmen. Dann aber erfahren wir: Es sind nicht alle so ungeschoren wie wir in und durch die Unterführung gekommen. Wir waren im ersten Auto. Die Insassen der folgenden Wagen sind nicht nur mit Zurufen empfangen worden, sondern mehrere Mädchen und Frauen und dann auch Männer haben darauf losgehauen, geprügelt, mit Stöcken und Schirmen geschlagen, wahrscheinlich auch mit schwereren Gegenständen. Sonst wäre es undenkbar und unverständlich, daß zahlreiche jüdische Männer nicht nur Beulen, sondern stark blutende Reiß- und Kratzwunden davongetragen haben. Der Polizeileutnant ist anfangs fast machtlos. Man sieht es seinem feinen, wohlerzogenen Gesicht an, wie peinlich ihm diese Vorfälle sind, und seine Beamten sagen uns, wie gemein es ist, daß man uns wehrlose Leute so behandelt. Auch diese Qual hat ein Ende, und wir sitzen im Zug, in den man uns verladen hat.“

Das Innere des Südbahnhofs, Fotografie August 1913


Der Zug mit 338 Verhafteten fährt zum KZ Buchenwald in der Nähe Weimars. Es ist der erste Zug mit Deportierten aus Frankfurt am Main, der dort am frühen Morgen des 11. November eintrifft. Am 12. November treffen drei Transporte aus Frankfurt mit 1.514, und am 13. November drei Transporte mit 769 Verhafteten ein. Einer der Transporte vom 12. November wird von SS bewacht. Sie prügeln während der mehrstündigen Zugfahrt willkürlich herausgegriffene Gefangene, lassen Nazi-Lieder singen und befehlen Sprechchöre: „Wir sind Mörder, Betrüger und Blutsauger!“

Im Bahnhof der Goethestadt prügelt SS die Deportierten durch die Unterführung zu den Lastwagen.Vor dem Lagertor steht ein Spalier aus SS-Leuten mit Stöcken und Eisenstangen, durch das sie in das Lager gehetzt und geprügelt werden. Dann folgt das sich über Stunden hinziehende Antreten auf dem Appellplatz.

Apell im KZ Buchenwald, Fotografie November 1938


Die Gefangenen werden karteimäßig erfasst, erhalten einen Zettel mit einer Identifikationsnummer und müssen ihre Habseligkeiten, Wertsachen und Geld abgeben. Mangel an Wasser, Überfüllung, Schmutz und Hunger, sowie ständige Gewaltexzesse sorgen für die Hölle auf Erden. Nachweisbar 61 in Frankfurt geborene Deportierte sterben in Buchenwald, der jüngste mit 20, die ältesten mit 63 Jahren. Bereits in den ersten Tagen teilt das Lagerkommando über Lautsprecher die Bedingungen für eine Freilassung mit: Verkauf von Eigentum an Häusern, Geschäften, Fabriken und Nachweis einer Auswanderungsmöglichkeit. Angehörige dürfen Geld überweisen, an dem sich die SS bereichert.

Etwa zehn Tage nach dem 10. November begannen die ersten Entlassungen. Ephraim Franz Wagner aus Frankfurt, der eine Einwanderungserlaubnis nach Palästina erhalten hatte, beschreibt die Entlassungsprozedur: „Mir wurde der Kopf kahlgeschoren, Formulare mußten unterschrieben werden, in denen ich eidesstattlich zu erklären hatte, daß man mich gut behandelt hätte; zudem wurde mir unzweideutig erklärt, daß ich erneut ins KZ käme, falls ich Deutschland nicht bis Ende Februar verlassen hätte.“

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Novemberpogrom;  
Institutionen/Orte/Begriffe:  Deportation;   Jude;  

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