Exil in der Türkei: Friedrich Dessauer

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Am 9. Februar 1934, kurz vor 21 Uhr, rotteten sich etwa 100 Personen vor dem Wohnhaus von Friedrich Dessauer zusammen. Friedrich Dessauer wurde in Sprechchören beschimpft, Steine zertrümmerten die Fensterscheiben. Die telefonisch sofort alarmierte Polizei traf eine halbe Stunde später ein. Sie war von der Gauleitung über das Ereignis bereits vorher unterrichtet worden und hatte Anweisung erhalten, den von der Gauleitung bestellten Volkszorn eine halbe Stunde lang wüten zu lassen. Die Polizei erschien, trieb die Menge auseinander und nahm Dessauer in Schutzhaft. Die Schaffung der Voraussetzungen für Schutzhaft durch bestellte und selbst veranlasste Bedrohung gehörte zum üblichen nationalsozialistischen Instrumentarium des Terrors gegen politische Gegner. Friedrich Dessauer war bereits mehrmals verhaftet, in einem Prozess am 14. Dezember 1933 aber freigesprochen worden. Der Terror vor seinem Haus war die letzte Aufforderung zur Emigration.

Friedrich Dessauer im Gespräch mit dem nordamerikanischen Physiker William David Coolidge 1920 in Frankfurt am Main, zeitgenössische Fotografie


Als Herausgeber der Rhein-Mainischen-Volkszeitung und Frankfurter Reichstagsabgeordneter des Zentrums gehörte Friedrich Dessauer spätestens seit 1930 zu den profilierten und kategorischen Gegnern des Nationalsozialismus. In der Probeabstimmung der Zentrumsfraktion des Reichstags hatte er im März 1933 gegen die Annahme des Ermächtigungsgesetzes gestimmt. Er war ein überzeugter Demokrat und Verfechter der Republik, Experte für Sozial- und Wirtschaftspolitik, tiefgläubiger Katholik, überzeugt von der Notwendigkeit der Demokratisierung der Wirtschaft und des sozialen Ausgleichs, ein international anerkannter Physiker und Pionier der Quantenbiologie, ordentlicher Professor für physikalische Grundlagen der Medizin an der Frankfurter Universität und viel gelesener Philosoph der Naturwissenschaften und der Technik. Seine Gefährdung verstärkte der besondere antikatholische Affekt des Gauleiters Jakob Sprenger.
Friedrich Dessauer emigrierte mit seiner Familie am 25. Juli 1934 in die Türkei, vollständig ausgeraubt und mit den 50,- RM in der Tasche, die die zeitgenössischen Devisenvorschriften zuließen. Sein Wohnhaus hatte er einem seiner erwachsenen Söhne überschreiben können. Als Nachfolger am von ihm gegründeten Institut für physikalische Grundlagen der Medizin konnte er einen seiner Schüler durchsetzen. Die Universität entzog ihm den Lehrauftrag und entließ ihn als Direktor des Instituts.

Neubau des Instituts für Radiologie der Universität Istanbul, Fotografie 1937

Friedrich Dessauer während seiner Eröffnungsansprache des Instituts für Radiologie der Universität Istanbul, Fotografie vom 1. Juli 1937


Grund der Emigration in die Türkei war die Lehrtätigkeit für Radiologie, die ihm die Istanbuler Universität für drei Jahre anbot. Als Dessauer kam, wurde mit dem Bau eines Institutes begonnen, das 1937 fertig gestellt war. Dessauer hielt am 1. Juli 1937 die Festrede zur Einweihung.

Beschluss des Rektors und der Dekane der Universität, Friedrich Dessauer den Doktorgrad zu entziehen vom 5. August 1941


Nach Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft am 21. Juli 1941 entzog ihm die Johann Wolfgang Goethe-Universität mit Datum vom 5. August 1941 den am 12. November 1917 verliehenen Doktorgrad. Rektor und alle Dekane unterschrieben den Beschluss, der die letzten Feinheiten „deutschen“ Wissenschaftsverständnisses und den Niedergang der Universität als wissenschaftlicher Einrichtung enthüllte: Die Verleihung des Doktorgrades anerkennt eine originäre wissenschaftliche Leistung. Allenfalls der Verstoß gegen anerkannte wissenschaftliche Regeln macht einen Entzug überhaupt denkbar.

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