Die Ausstellung „Entartete Kunst“: Diffamierung moderner Kunst

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Im Nationalsozialismus waren Kunst, Politik und Ideologie untrennbar miteinander verbunden. Nach nationalsozialistischem Verständnis war Kunst nicht autonom, sondern stand im Dienste der Volksgemeinschaft. Diese Ideologie einer in Rasse und Weltanschauung begründeten, einheitlichen Gemeinschaft stand in direktem Gegensatz zum Weltbild moderner Kunstströmungen. Die Vielfalt an Kunstrichtungen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, ihre zunehmend abstrakte Formensprache sowie ihre Verarbeitung sozialkritischer Themen waren mit dem Nationalsozialismus unvereinbar. Es folgte die kompromisslose Ablehnung der Avantgarde, die 1936 in einem Verbot moderner Kunst mündete. Künstler erhielten Berufsverbot; tausende Werke wurden als „entartete Kunst“ definiert, aus Museen entfernt und Mitarbeiter bestraft, die für deren Ankäufe verantwortlich waren.
Mehr als 600 beschlagnahmte Gemälde, Skulpturen und Grafiken wurden schließlich in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Adolf Ziegler, Leiter der Reichskulturkammer, eröffnete die Schau am 19. Juli 1937 in München mit dem Appell: „Deutsches Volk, komm und urteile selbst!“ Werke v. a. des Expressionismus und des Dadaismus, die Joseph Goebbels als „deutsche Verfallskunst“ bezeichnete, wurden als „artfremd“, „undeutsch“ und als Zeugnisse des „Kulturbolschewismus“ angeprangert. Die als Wanderausstellung konzipierte Schau, in der auch achtzehn, im Städelschen Kunstinstitut beschlagnahmte Gemälde vertreten waren, wurde anschließend in zwölf deutschen Städten gezeigt. In Frankfurt machte sie ab dem 30. Juni 1939 für vier Wochen in der Kunsthandlung Hugo Helbing Station. Sie zog dort mehr als 40.000 Besucher an. Insgesamt hatte die Ausstellung, deren Besuch kostenlos bzw. vergünstigt war, etwa drei Millionen Besucher.

Thematische Hängung mit polemischer Überschrift in der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937, zeitgenössische Fotografie

Präsentationsstrategie der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in der Gipssammlung des Archäologischen Instituts in München, zeitgenössische Fotografie


Die vertretenen Künstler wurden zu Gegnern der Volksgemeinschaft stilisiert und ihre Werke höchst unvorteilhaft ausgestellt: Zynische Kommentare waren an den Wänden angebracht; Gemälde besonders eng und zudem schief gehängt; Objekte böswillig als Werke geisteskranker – im nationalsozialistischen Sinne minderwertiger - Künstler bezeichnet.
Auf der anderen Straßenseite wurde dem Volk „seine“ Kunst vorgestellt: Mit der Präsentation des vermeintlich Besten aus dem aktuellen Kunstschaffen eröffnete die erste Große Deutsche Kunstausstellung in imposanten, hellen Räumen das neu gebaute Haus der Kunst. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ hingegen wurde in München in den unscheinbaren Räumen und Fluren der Gipssammlung des Archäologischen Instituts ausgestellt.

Besucher in der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937, zeitgenössische Fotografie

Blick in die erste „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1937 im neu gebauten „Haus der Kunst“ in München, zeitgenössische Fotografie

Das Prinzip verfemte und erwünschte Kunst einander gegenüber zu stellen, wurde bereits bei den verschiedenen Vorläufern der Ausstellung angewandt, welche seit 1933 in zwanzig Städten des Reiches zu sehen waren. In Frankfurt gastierte vom 1. bis 30. September 1936 die „Ausstellung von „Kulturdokumenten“ des Bolschewismus und jüdischer Zersetzungsarbeit“ im Volksbildungsheim. Organisiert wurde sie von der Freizeitorganisation Kraft durch Freude, eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF), sowie der Hans-Thoma-Gesellschaft.


Literatur
  • Ausst.Kat. „Die „Kunststadt“ München 1937. Nationalsozialismus und „Entartete Kunst“, Peter-Klaus Schuster (Hg.), München 1987
  • Ausst.Kat. „Entartete Kunst“. Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland, Stephanie Barron (Hg.), München 1992
  • Nicole Roth, „Entartete Kunst“ in Frankfurt am Main. Die Beschlagnahme der Gemälde im Städel 1936/37. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 191–214
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: S3/V12014; Magistratsakten 7864 und 7865; Magistratsakten 8098 bis 8100; Magistratsakten 8107

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